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Die Förderung und Erleichterung der Erwerbstätigkeit von Frauen ist ein zentrales Ziel der Familienpolitik. Die Instrumente sind beispielsweise Diversity-Maßnahmen und Vorschriften wie die Frauenquote für Aufsichtsräte von Großunternehmen. Selbst ohne solche staatlichen Eingriffe sind Frauen aufgrund der demografischen Entwicklung zunehmend als Fachkräfte gefragt. Doch wenn der Kinderwunsch konkret wird, fangen für die meisten berufstätigen Frauen die Probleme an. Trotz vieler politischer Anstrengungen und Unterstützungsangebote von Unternehmen lassen sich Kind und Karriere nach wie vor nur schwer miteinander vereinbaren. Immerhin sind in Deutschland rund 72 Prozent der Frauen zwischen 20 und 64 Jahren erwerbstätig. Viele schränken aber ihre Arbeitszeit im Alter zwischen 25 bis 49 Jahren deutlich ein oder geben ihren Job sogar ganz auf, um ihre Kinder zu betreuen (iwd 25/2014).

Die neue Technik des Social Freezing bietet Frauen nun die Chance, den Zeitpunkt der Geburt zu verschieben und somit Kind und Karriere besser miteinander zu verbinden. In dem Verfahren entnehmen Ärzte – im Idealfall: jungen – Frauen Eizellen, um diese anschließend schockgefroren aufzubewahren. So wird die biologische Uhr der Frauen angehalten, denn die Frauen können mit Hilfe ihrer eingefrorenen Eizellen auch noch im Alter von mehr als 50 Jahren schwanger werden. Ursprünglich wurde das Verfahren entwickelt, damit Krebspatientinnen nach einer Chemotherapie noch Kinder bekommen können. Die Methode an sich ist also nichts Neues. Neu und daher aufsehenerregend war aber, dass die US-Firmen Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen die Behandlung mit bis zu 20.000 US-Dollar finanzieren. Die dahinterstehende Idee: „Erst die Karriere, dann die Kinder.“ Dürfen und sollten Arbeitgeber ihre Mitarbeiterinnen durch diese an Bedingungen geknüpften Transfers ermutigen, den Kinderwunsch hinauszuzögern und sich in jungen Jahren ausschließlich der Karriere zu widmen? Wie ist dies ethisch zu bewerten?

Die Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), Marie-Luise Dött, kritisiert dieses Vorgehen als „unmoralisch und familienfeindlich“. Andere sehen hingegen einen weiteren Schritt in der Emanzipation der Frau, weil diese von biologischen Zwängen befreit werden. Unter medizinischen Gesichtspunkten ist die Erfolgsquote des Social Freezing deutlich höher als die einer klassischen künstlichen Befruchtung. Mediziner warnen aber auch vor dem medizinisch nicht notwenigen Eingriff in den Körper gesunder Frauen, die auch auf natürlichem Wege schwanger werden könnten.

Aber nicht die Diskussion über das Für und Wider des Social Freezing selber ist die unternehmensethisch relevante Frage, sondern vielmehr, ob sich Arbeitgeber in die Kinderplanung einmischen sollten. Es macht einen Unterschied, ob Frauen aus freien Stücken ihrer Karriere den Vorrang geben, ob sie sich für Social Freezing entscheiden, weil sie in jungen Jahren nicht den passenden Partner gefunden haben, oder aber, ob der Arbeitgeber versucht, den Zeitpunkt der Familienplanung durch die Kostenübernahme indirekt zu beeinflussen.

Eine aktuelle Befragung von TNS Emnid im Auftrag der Wochenzeitung Die Zeit hat ergeben, dass 63 Prozent der befragten Frauen und 52 Prozent der Männer es nicht richtig fänden, wenn Frauen die Sonderleistung Social Freezing ihres Arbeitgebers in Anspruch nehmen würden (Grafik 1). 34 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer hätten dagegen kein Problem mit dieser Praxis. Auch wenn also nicht zu erwarten ist, dass die Mehrzahl der Frauen eine derartige Leistung sofort in Anspruch nehmen würde, entsteht ein impliziter Druck, diese Option zu nutzen. Zum einen kommen die Frauen, die sich für das Social Freezing entscheiden, beruflich schneller voran, da sie die Babypause erst nach dem Karrieresprung nehmen müssen. Zum anderen entwickeln sich Angebote, die mit einem finanziellen Anreiz verbunden sind, schnell zur Norm. So hat sich zum Beispiel durch die Einführung des Elterngeldes das Verhalten vor allem der Väter verändert, weil die volle Förderung nur gezahlt wird, wenn beide Elternteile das Arbeiten unterbrechen. Auch das arbeitgeberfinanzierte Social Freezing erzeugt indirekt sozialen Druck, die Schwangerschaft zu verschieben – unter Umständen gegen den eigentlichen Wunsch. Ist eine solche Wirkung gewünscht und moralisch akzeptabel?

Bei der Ableitung einer wirtschaftsethischen Position hilft die grundsätzliche Zuordnung zu Verantwortungsebenen (vgl. Enste/ Wildner, 2014). Dabei sind die individuelle, die unternehmerische und die staatliche Ebene zu unterscheiden, auf denen jeweils Lösungen für Dilemmata gefunden werden können und sollten. Die Frage, ob und wann jemand ein Kind bekommen möchte, ist eine private, individuelle Entscheidung der betroffenen Paare. Die Wünsche und Interessen Dritter sollten ausschließlich freiwillig von den Betroffenen berücksichtigt werden. Die Aufgabe der Unternehmen ist es demnach nicht, die individuelle Lebensplanung durch bedingte Transferzahlungen zu beeinflussen, sondern generell familienfreundliche Arbeitsstrukturen zu schaffen. Zahlreiche Angebote stellen Arbeitgeber bereits heute zur Verfügung, um die Ausfallzeiten der Arbeitskräfte zu verringern – und diese greifen weniger in die individuelle Entscheidungsfreiheit ein als das Social Freezing: Flexible Arbeitszeiten, Betriebskindergärten und Home-Office-Angebote setzen am Faktor Zeit an und erleichtern die Babypause. Unternehmen, die das erkannt haben, profitieren nicht nur von geringeren Ausfallzeiten, sondern auch von einer erhöhten Attraktivität für Mitarbeiter und Bewerber. Wie die Personalmarketingstudie 2012 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt, sind familienfreundliche Arbeitgeber gefragt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt für 91 Prozent der befragten Beschäftigten zwischen 25 und 39 Jahren eine wichtigere oder eine ebenso wichtige Rolle wie das Gehalt (vgl. Argumente zu Unternehmensfragen 6/2014). Viele Arbeitnehmer können sich sogar einen Wechsel des Unternehmens vorstellen, wenn sie bei einem neuen Arbeitgeber Kind und Karriere besser vereinbaren können. Darüber hinaus stehen diese Maßnahmen allen Mitarbeitern – Frauen wie Männern – zur Verfügung.

Auch der Staat sollte sich beim Social Freezing heraushalten und zum Beispiel die Kostenübernahme durch die Krankenkassen nicht ausweiten. Denn über die oben genannten Argumente hinaus ist auch aus gesellschaftlicher Sicht nicht klar, welche Folgewirkungen die Prozedur hat. Warum sollte es für eine Gesellschaft sinnvoller sein, wenn Frauen die Auszeit erst mit Mitte 40 oder 50 nehmen? Über den gesamten Lebenslauf betrachtet verschiebt sich die Babypause lediglich; damit ist keine Arbeitszeit gewonnen. Jeder einzelne sollte möglichst ohne verzerrende Anreize seine Entscheidung für ein Kind treffen – das Geld fürs Social Freezing sollte nicht zweckgebunden fließen, sondern beispielsweise für den Ausbau der Kinderbetreuung genutzt werden. Das Social-Freezing-Verfahren kann für einzelne Frauen aus ihrer individuellen Lebenssituation heraus Vorteile bieten, stellt aber keine nachhaltige Lösung für Eltern dar. Herausforderungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden nicht gelöst, sondern lediglich vertagt.

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Der Ex-Personalvorstand der Telekom, Thomas Sattelberger, gilt als Koryphäe für Fragen guter Unternehmensführung. Im iwd-Interview benennt er die drei größten Fehler, die Führungskräfte machen können. mehr auf iwd.de

6. September 2016

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Erfolg und Leistungskultur eines Unternehmens stehen und fallen mit der Führungskompetenz der Vorgesetzten und des Managements. Je besser es Führungskräften gelingt, die Mitarbeiter zu mobilisieren, desto erfolgreicher ist die Firma. mehr auf iwd.de

IW-Report
IW-Report, 5. September 2016

Christiane Konegen-Grenier / Beate Placke Fünf gute Gründe für ein Auslandsstudium Arrow

Welchen Stellenwert Auslandserfahrung auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat, haben der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in einer gemeinsamen Studie untersucht. mehr