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Schaut man sich die betroffenen Staaten genauer an, wird das Bild detaillierter. Es gibt einige Bereiche, in denen die arabischen Staaten sich weniger ähneln als zumeist von den Medien dargestellt. So zeigt sich schon im „Economic Freedom Index“ des Fraser Institute, dass Jordanien ein ökonomisch weitgehend freies Land ist. Mit Platz 42 liegt es im Länderranking sogar vor Portugal oder Italien. Ägypten und Tunesien befinden sich mit den Plätzen 80 und 90 im Mittelfeld, die meisten Beschränkungen weisen Marokko (100) und Algerien (132) auf. Oftmals ist es hier schon schwierig, Unternehmen zu gründen. Wirtschaftliche Entwicklungen werden kaum gefördert. Darüber hinaus spiegeln die Arbeitsmarktregulierungen weitere Unterschiede der arabischen Staaten wider: Jordanien zeigt mit seiner Platzierung auf Rang 13, dass dort die Regelungen auf dem Arbeitsmarkt sehr flexibel sind. Dieser Rang weist auf gute Möglichkeiten bezüglich unternehmerischer Aktivitäten und einen funktionsfähigen Arbeitsmarkt hin. Tunesien (76) oder Algerien (115) sind erheblich weniger frei.

Deutschland ist im Bereich Arbeitsmarktregulierung allerdings auch nur auf Platz 129 zu finden – Ägypten steht auf Platz 112, Marokko findet man auf Platz 133. Jordanien ist allerdings ein Beleg dafür, dass die arabischen Staaten nicht zwingend in allen Bereichen des Lebens durchweg zu wenig wirtschaftlichen Freiraum gewähren. Auch wenn solche Rankings immer mit Vorsicht zu genießen sind: Islamische Staaten und ökonomische Freiheit schließen sich nicht grundsätzlich aus.

Ins Auge sticht, dass die westlichen Staaten wie Deutschland, Großbritannien und die USA eine weitaus höhere Erwerbsbeteiligung aufweisen als die arabischen Länder. Liegt der Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung hier bei durchschnittlich 50 bis 60 Prozent, ist er in den islamischen Ländern im Schnitt über 10 Prozentpunkte niedriger. Besonders erstaunlich ist der niedrige Anteil von 38 Prozent in Jordanien, welches in den ökonomischen Rankings ja recht gut abschneidet. Auch Tunesien widerspricht seinen sonstigen Bewertungen mit einer enorm schwachen Erwerbsbeteiligung von nur 41 Prozent. Marokko und Algerien hingegen, die schwierige wirtschaftliche Ausgangsbedingungen vorweisen, kommen mit ihrer Erwerbsbeteiligung von 49 Prozent fast an Deutschland (52 Prozent) heran. Allerdings: Die Daten bilden das Jahr 2008 ab, stammen also aus der Zeit vor der Wirtschaftskrise. Daten zur Arbeitsmarktstatistik sind zudem in den arabisch mediterranen Staaten nur mit Vorsicht zu genießen: Sie haben keinesfalls die Qualität der Statistiken, die wir in Europa gewohnt sind.

Ein Grund für die geringe Erwerbsbeteiligung ist sicherlich, dass nur durchschnittlich ein Viertel der Frauen in den arabischen Ländern einer Arbeit nachgehen. Dazu kommt in Algerien, Tunesien und Jordanien eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit. Aufgrund des gesellschaftlich bedeutsamen Anteils der jungen Bevölkerungsschicht ist auch die allgemeine Erwerbsbeteiligung niedriger. In Ägypten ist die Jugendarbeitslosigkeit hingegen (zumindest nach dem Stand aus dem Jahr 2007) weitaus geringer. Die Statistik weist hier mit 14,6 Prozent einen Wert auf, der fast identisch mit Großbritannien ist und nur 3 Prozent über dem in Deutschland liegt. Das Bild einheitlicher Gründe für die Krise in den arabischen Ländern löst sich also bei näherem Betrachten auf. Eine differenzierte Analyse ist notwendig.

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