Deutschland erlebt eine Welle der Re-Urbanisierung. Die Menschen möchten wieder in den Ballungszentren leben, und dies ist in vielerlei Hinsicht zu begrüßen. So ist der Kohlendioxid-Ausstoß pro Kopf in Städten deutlich geringer als auf dem Land, vor allem aufgrund kürzerer Wege. Außerdem ist die Produktivität in Städten in der Regel höher, weil sich Wissen schneller verbreitet und Unternehmen leichter auf Fachkräfte zurückgreifen können. Daher ist es grundsätzlich positiv, dass wir einen Trend in Richtung Großstädte beobachten. So ist nach aktuellen Prognosen davon auszugehen, dass Münchens Einwohnerzahl in den nächsten 20 Jahren noch um fast 15 Prozent steigt und Hamburg auch bis ins Jahr 2050 noch wachsen wird. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung sind neben den steigenden Mobilitätskosten die deutlich gestiegene ökonomische und soziale Attraktivität der Großstädte, die zu einem Sprung bei der Zuwanderung aus dem In- und Ausland geführt hat.

Die Anziehungskraft und der damit einhergehende Zuzug in die Städte hat jedoch einen Nachteil: Die Mieten und Preise steigen. Die Nachfrage steigt so schnell, dass das Angebot im Wohnungsmarkt aufgrund langer Fertigungszeiten nicht hinterherkommt. Fraglich ist daher, ob das Wohnungsangebot mittelfristig wieder zur Nachfrage aufschließen kann. Grundsätzlich sind Anreize für mehr Wohnungsbau gegeben, da die höheren Preise im Bestand die Absatz- und Renditechancen des Neubaus erhöhen. Das Problem ist jedoch, dass in den Großstädten das Baulandangebot zu knapp ist, insbesondere in den zentrumsnahen Lagen, auf die sich die Nachfrage konzentriert.

Ein Blick ins Ausland genügt, um die Potenziale für mehr Wohnraum zu erkennen. Während im Ausland die Skyline einer Stadt als Maß für ihre Attraktivität gilt, sind Hochhäuser in Deutschland, zumal für Wohnzwecke, verpönt. Mit Blick auf die immer weiter steigende Nachfrage nach innerstädtischen Lagen sollte diese Haltung jedoch überdacht werden. Große mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser und insbesondere Wohnhochhäuser mit mehr als 10 Etagen bieten schließlich die Möglichkeit, auch Haushalten der Unter- und Mittelschicht Wohnraum in zentralen Lagen zu bieten. In Kombination mit Penthäusern in den oberen Etagen bieten sich so automatische Möglichkeiten zur sozialen Durchmischung. Der Erfolg von Wohnhochhäusern lässt sich auch in Deutschland bereits ablesen. Wer etwa durch Berlin spaziert, dem werden die zahlreichen innerstädtischen Wohnblöcke auffallen, während in Hamburg oder München weit kleinteiliger gebaut wurde. Zwar steigen nun auch in Berlin die Mieten, aber von einem Niveau aus, das weit unterhalb des europäischen Durchschnitts liegt.

Gegen Wohnhochhäuser werden häufig ästhetische Gründe angeführt. Häufig ist auch zu hören, dass der Blick auf zentrale Bauwerke, wie etwa Kirchen, nicht versperrt werden darf. Hier gilt es jedoch, einen gesunden Kompromiss zu finden. Abschreckend ist hier speziell das Beispiel Paris: Um den historischen Kern zu erhalten, sind erhebliche Baurestriktionen erlassen worden, die Neubauten quasi verhindern. Die Folge ist, das Paris zwar wunderschön, jedoch auch so teuer ist, dass es selbst für Haushalte der Mittelschicht nicht bezahlbar ist. Diese Strategie sollte für die deutschen Großstädte kein Vorbild sein.

Wichtig ist, dass moderne Wohnhochhäuser nicht mit den Plattenbauten der 70er Jahre vergleichbar sind. In Kooperation mit der Stadt können Investoren heute Gebäude gestalten, die sich der Umgebung anpassen und beispielsweise die Verschattung anderer Gebäude minimieren. Beispiele wie die Büroumwandlungen in Frankfurt am Main zeigen überdies, dass moderne Hochhauskonzepte auch von den Mietern gerne angenommen werden.

Doch nicht nur die Städte können etwas tun, sondern auch der Bund. Die Städte müssen sich strukturell erneuern können, alte und nicht mehr zeitgemäße Gebäude müssen vielfach durch Neubauten ersetzt werden. Das Steuerrecht verhindert dies jedoch vielfach, weil Maßnahmen an bestehenden Gebäuden in der Regel sofort abgeschrieben werden können, während ein Ersatzneubau über 50 Jahre abgesetzt werden muss. Darüber hinaus gelten für Ersatzneubauten weit höhere Vorschriften beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von Parkplätzen. Die Folge: Alte Gebäude werden möglichst lange genutzt, obwohl alternative Gebäude der Nachfrage deutlich besser entsprechen würden und vor allem auch mehr Wohnraum bieten könnten. Diese Diskriminierung des Ersatzneubaus ist nicht nur vor dem Hintergrund der Wohnungsknappheit in den Großstädten zu hinterfragen, sondern auch angesichts der Bedeutung von Energieeffizienz und altengerechten Wohnungen.

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