Lügen und Täuschungen Image

Obwohl Ehrlichkeit eine der wichtigsten Tugenden für die Menschen zu sein scheint (siehe Grafik), zeigen unterschiedliche Studien, dass wir mehrmals täglich nicht die Wahrheit sagen. Eine Ursache für diese Diskrepanz könnte in den unterschiedlichen Gründen für Täuschungsverhalten liegen. Die Motive reichen von eigenem Profit über Beeinflussung des Erscheinungsbildes bis zu Schutz und Vorteilsverschaffung für andere Personen. Dabei können Charaktereigenschaften, psychische und physische Besonderheiten sowie ein verinnerlichtes Bewertungssystem, das durch internalisierte Normen und Werte der Gesellschaft beeinflusst wird, eine Rolle spielen. Auch die Zielperson der Täuschung, situative Bedingungen und die Dimension der Lüge können auf das Täuschungsverhalten von Menschen Einfluss nehmen.

Ausschließlich egoistische, sogenannte Black Lies, werden von der Bevölkerung meistens als moralisch in-akzeptabel bewertet. Hingegen sind White Lies, die für niemanden schädlich sind und grundsätzlich freundlichen Beweggründen unterliegen, für die meisten Menschen moralisch vertretbar. Man spricht auch von sozialer Akzeptanz der prosozialen Lüge. So ist es durchaus in Ordnung, wenn der wenig schmackhafte Kuchen des Kollegen gelobt wird, um dessen Gefühle nicht zu verletzen. Ist das eigentliche Motiv, die Gunst des Kollegen für die Abnahme lästiger Aufgaben zu gewinnen, sinkt hingegen die moralische Akzeptanz.

Die Entscheidung, ob man täuscht oder nicht, kann durch eine einfache Kosten-Nutzen-Gleichung dargestellt werden. Die rationale, selbstbezogene Sichtweise des Homo oeconomicus betrachtet dabei nur den eigenen Nutzen oder den Nutzen anderer Personen, wenn dieser den eigenen vergrößert. Ethisch gesehen kommt zumindest die teleologische Perspektive dieser Nutzenmaximierung sehr nahe. Allerdings wird dabei zum Wohl aller Stakeholder entschieden. Auch in der deontologischen Sichtweise nach Kant werden alle Menschen in die Entscheidung miteinbezogen. Jedoch geht es dort nicht um den Nutzen, sondern darum, ob die Handlung zu einem universalen Gesetz führen kann. Anders formuliert: Wenn einer lügen darf, dürfen alle lügen.

Die verschiedenen Perspektiven werfen Fragen auf: Kann man immer das Wohl aller in eine Entscheidung einbeziehen? Sind immer alle Konsequenzen bekannt? Ist eine White Lie wirklich vorteilhaft für die angelogene Person? Wird ihr nicht zum Beispiel die Möglichkeit genommen, Verbesserungschancen wahrzunehmen? Man würde sich vielleicht nicht noch einmal mit diesem Kuchen „blamieren“.

Wichtig sind auch die Konsequenzen des Täuschungs-verhaltens an sich. Studien zeigen, dass meistens das Vertrauen in die täuschende Person sinkt und die getäuschte Person unehrlich reagiert. Als Vorbild sollte man sich nicht nur der „wie du mir, so ich dir“-Wirkung bewusst sein. Modelllernen und der Gedanke „wenn diese Person das darf, darf ich das auch“ steigern unehrliches Verhalten auch anderen Personen gegenüber. Vielleicht hilft als Maxime: Man muss immer die Wahrheit sagen, aber man muss die Wahrheit nicht immer sagen!

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