Image

Deutschland weist seit rund zehn Jahren einen hohen Handels- und Leistungsbilanzüberschuss auf. Der globale Investitionsboom hat dies mit ausgelöst. Nach der globalen Finanzkrise und im Zuge der akuten Phase der Euro-Schuldenkrise nahm dieser Überschuss zunächst ab, dann aber wieder zu. So stieg der Leistungsbilanzüberschuss auf Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) von 7,2 Prozent des BIP im Jahr 2012 auf 8,8 Prozent im Jahr 2015 nach Angaben der EU-Kommission. Mit diesem erneuten Anstieg ist die Warnschwelle von 6 Prozent im Rahmen der makroökonomischen Überwachung der EU deutlicher überschritten. Daher wird die EU im Rahmen der länderspezifischen Empfehlungen wohl wieder mit Nachdruck fordern, dass Deutschland seine Binnen- und damit auch seine Importnachfrage stärkt, vor allem durch mehr öffentliche Investitionen, bessere Rahmenbedingungen für private Investitionen und Reformen im Dienstleistungssektor.

So richtig diese Reformvorgaben überwiegend sind, so sehr muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss derzeit von Sonderfaktoren überzeichnet ist: vom niedrigen Euro-Wechselkurs und vor allem vom starken Rückgang der Öl- und damit auch der Importpreise. Während die Wirkung des Euro-Wechselkurses nur schwer abzuschätzen ist, sind die Effekte des Importpreisrückgangs durchaus zu quantifizieren. Dieser Kurzbericht zeigt, dass der Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses zwischen 2012 und 2015 fast vollständig auf Preiseffekte zurückgeht, während es auf realwirtschaftlicher Ebene sogar zu einem leichten Rückgang des Überschusses gekommen ist.

Hierzu wird die deutsche Handelsbilanz im Waren- und Dienstleistungshandel betrachtet, weil der erzielte Exportüberschuss den größten Teil des Leistungsbilanzüberschusses ausmacht. Auf Basis der VGR hat die deutsche Wirtschaft im Jahr 2012 einen Handelsbilanzüberschuss von 6,1 Prozent des BIP erzielt. Bis 2015 kam es zu einem Anstieg auf 7,8 Prozent des BIP.

Der Anstieg des Handelsbilanzüberschusses erscheint insofern erstaunlich, als in dieser Zeit die private Konsumnachfrage als wichtiger Teil der 
Binnennachfrage auf Basis einer guten Arbeitsmarktentwicklung recht dynamisch gewachsen ist. Dies hat die deutschen Importe beflügelt. Auch hat ein schwächer gewordenes globales Wachstum zu einem mäßigeren Zuwachs deutscher Exporte geführt.

Die Abbildung (linke Hälfte) zeigt jedoch ein etwas anderes Bild. Zwar wird hier das schwächere Exportwachstum deutlich. Doch die Entwicklung der Importe ist nicht stärker, sondern schwächer als die der Exporte. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Handelsbilanz auf nominaler Basis ausgewiesen wird. Damit spielt die Preisentwicklung von Exporten und Importen neben der mengenmäßigen Dynamik auch eine wichtige Rolle. Und hier hat zuletzt die Musik gespielt. Denn der Ölpreisrückgang seit Mitte 2014 hat auch zu rückläufigen Importpreisen geführt. Der schwache nominale Importzuwachs am aktuellen Rand ist damit in einem nennenswerten Ausmaß auf sinkende Importpreise zurückzuführen.

Ein Blick auf die preisbereinigte Entwicklung der Importe bestätigt dieses Bild. Die rechte Seite der Abbildung zeigt, dass sich die Dynamik von realen Exporten und Importen, die ab 2012 zunächst zugunsten der Exporte auseinanderlief, zuletzt wieder angeglichen hat. Diese Entwicklung lässt sich anhand der Veränderungsraten von Mengen und Preisen der Exporte und Importe belegen:

  • Die realen Importe stiegen zwischen 2012 und 2015 mit 12,8 Prozent sogar stärker als die realen Exporte mit 10,9 Prozent.
  • Die Exportpreise nahmen dabei im gleichen Zeitraum mit 0,6 Prozent leicht zu, während die Importpreise mit –4,8 Prozent deutlich rückläufig waren.

Auf dieser Grundlage lässt sich berechnen, wie viel die Mengen- und Preiseffekte zum Anstieg des nominalen Handelsbilanzüberschusses bei Waren und Dienstleistungen beigetragen haben.

Auf der Exportseite zeigt sich folgendes Bild:

  • Die nominalen Exporte stiegen zwischen 2012 und 2015 um rund 147 Milliarden Euro, während die nominalen Importe nur um knapp 81 Milliarden Euro zunahmen. In der Folge stieg der Handelsbilanzüberschuss um rund 66 Milliarden Euro.
  • Der Anstieg der nominalen Exporte um 147 Milliarden Euro ging zum größten Teil auf die reale Veränderung (+138 Milliarden Euro) und nur geringfügig auf die Veränderung der Exportpreise zurück (+9 Milliarden Euro).

Auf der Importseite zeigt sich ein gänzlich anderes Bild. Die reale Veränderung führte zu einem Anstieg, während der Preisrückgang den Nominalwert deutlich minderte:

  • Der reale Zuwachs der Importe hätte ohne Preiseffekte zu einem nominalen Importanstieg um rund 141 Milliarden Euro geführt. Damit war dieser Beitrag sogar etwas höher als bei den Exporten (138 Milliarden Euro).
  • Der Preisrückgang bei den Importen hat dagegen für sich genommen die Importentwicklung um rund 60 Milliarden Euro gebremst. Damit stiegen die nominalen Importe statt um 141 Milliarden Euro tatsächlich nur um rund 81 Milliarden.

Der Effekt auf die Handelsbilanz ist bemerkenswert:

  • Die realen oder mengenmäßigen Effekte hätten eigentlich zu einem leichten Rückgang des nominalen Handelsbilanzüberschusses um gut 2 Milliarden Euro geführt.
  • Doch die unterschiedlichen Preiseffekte und vor allem der Importpreisrückgang haben den nominalen Handelsbilanzüberschuss für sich genommen um gut 68 Milliarden erhöht.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Der deutsche Handelsbilanz- und Leistungsbilanzüberschuss bleibt hoch. Doch sein Anstieg seit 2012 auf weit über 8 Prozent der Wirtschaftsleistung ist weitgehend auf den Importpreisrückgang zurückzuführen. Wären die Importpreise seit 2012 konstant geblieben (und damit weiterhin geringer gewachsen als die Exportpreise), würde der Handelsbilanzüberschuss heute um rund 60 Milliarden Euro geringer ausfallen. Das entspricht rund 2 Prozentpunkten des BIP.

Wichtig ist auch: Ohne Preiseffekte wäre der Handelsbilanzüberschuss zwischen 2012 und 2015 leicht zurückgegangen. Die realwirtschaftliche Anpassung ist also vor dem Hintergrund des dynamischen heimischen Konsums und einer schwächeren Weltwirtschaft in Gang gekommen. Diese Entwicklung setzt sich im Jahr 2016 fort. So stiegen die Importe von Waren und Dienstleistungen in realer Rechnung zwischen dem ersten Quartal 2015 und dem ersten Quartal 2016 mit 3,6 Prozent stärker als die mengenmäßigen Exporte mit 2,5 Prozent.

IW-Kurzbericht

Michael Grömling / Jürgen Matthes: Leistungsbilanz – Höherer Überschuss nur wegen sinkender Importpreise

IconDownload | PDF

Ansprechpartner

24. November 2016

Türkei Zurückbesinnen statt weitermachenArrow

Immer intensiver diskutiert die Europäische Union, ob sie die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen sollte. Doch nicht nur deshalb wäre die türkische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan gut beraten, ihren politischen Kurs zu korrigieren: Mit ihm schickt sie sich an, alles zu zerstören, was sie in den vergangenen Jahren für die Türkei erreicht hat. mehr auf iwd.de

Interview, 22. November 2016

Galina Kolev auf tagesschau.de "TPP-Ausstieg ist nicht sinnvoll"Arrow

"America First" sei eine nachvollziehbare Strategie des neuen US-Präsidenten Trump, sagt die Konjunkturforscherin Kolev. Eine Abschottung sei aber nicht im Interesse der US-Industrie - ebenso wenig wie der Ausstieg aus dem TPP-Abkommen. mehr