Einkommensverteilung Image

Ein Blick auf die Gini-Koeffizienten der Markteinkommen der OECD-Ungleichheitsdaten des Jahres 2012 deutet auf nur geringfügige Unterschiede in der Höhe der Ungleichheit zwischen den USA (0,51) und Deutschland (0,50) hin. Der Gini-Koeffizient ist das populärste Maß zur Bestimmung der Einkommensungleichheit – im Fall maximaler Ungleichheit nimmt der Gini-Koeffizient den Wert eins an, bei einer Gleichverteilung der Einkommen den Wert null. Das Markteinkommen beschreibt die Einkommen der Bürger vor staatlicher Umverteilung durch Steuern und Transfers. Es umfasst sämtliche Erwerbseinkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Arbeit sowie Kapital- und Vermögenseinkommen.

Nach staatlicher Umverteilung – also zuzüglich sozialer Transferleistungen und Rentenzahlungen sowie abzüglich der einkommensbezogenen Steuern und Sozialbeiträge – reduziert sich der Gini-Koeffizient in Deutschland auf 0,29. In den USA verbleibt die Ungleichheit auch bei Betrachtung des Nettoeinkommens mit 0,39 auf einem deutlich höheren Niveau (OECD-Durchschnitt im Jahr 2012: 0,32). Auf den ersten Blick führen die Marktprozesse in den beiden Ländern demnach zu einer ähnlichen Ausgangsverteilung der Einkommen, die in den USA nur weniger stark durch staatliche Umverteilung ausgeglichen wird.

Impliziert dies ebenfalls eine vergleichbare Lohnungleichheit in beiden Ländern? Keineswegs, denn zwischen der Messung der Ungleichheit der Markteinkommen und der Erwerbseinkommen gibt es einen fundamentalen Unterschied: Bei der Lohnungleichheit wird nur die erwerbsfähige Bevölkerung berücksichtigt, bei den Markteinkommen hingegen die gesamte Bevölkerung. Die Ungleichheit der Markteinkommen bildet somit nicht nur das Ergebnis von Marktprozessen ab, sondern ihre Höhe wird auch stark von denjenigen beeinflusst, die gar nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen: Rentner verfügen in Deutschland meist nur über sehr geringe Markteinkommen und bestreiten den Großteil ihres Lebensunterhalts durch gesetzliche Rentenzahlungen.

Dadurch lässt sich die Höhe der Ungleichheit der Markteinkommen hierzulande kaum mit den USA vergleichen: Während viele ältere Deutsche bereits eine gesetzliche Rente beziehen, arbeiten US-Amerikaner in der Regel länger und erzielen ein Markteinkommen – auch noch zu Zeiten, in denen Arbeitnehmer hierzulande bereits im Ruhestand sind. Daraus ergibt sich ein gewisses Paradoxon: Eine stärkere gesetzliche Absicherung im Alter geht in der Tendenz mit einer größeren Ungleichheit der Markteinkommen einher. Forscher des Luxembourg Income Study Centers haben daher zum Vergleich die Ungleichheit der Markteinkommen der Bevölkerung unter 60 Jahre ermittelt (Gornick/Milanovic, 2015). Mit einem Gini-Koeffizienten in Höhe von 0,47 zeigt die USA hier eine merkbar höhere Ungleichheit als Deutschland (0,41). Noch größere Unterschiede zeigen sich jedoch, wenn man nur die Lohnverteilung betrachtet. Das Lohnverhältnis zwischen den unteren 10 Prozent und den oberen 10 Prozent aller Vollzeit-Beschäftigten beträgt gemäß OECD-Daten des Jahres 2013 in den USA 5,1. In Deutschland verdienen die oberen zehn Prozent im Durchschnitt das 3,4-Fache – ein Wert im Mittelfeld der OECD-Staaten.

Kürzlich hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit einem Vergleich der Mittelschichten in Deutschland und den USA (Grabka et al., 2016) große Diskussionen ausgelöst – in der medialen Berichterstattung wurden Deutschland mitunter beinahe amerikanische Verteilungsverhältnisse attestiert. Die unterschiedlichen Einkommenskonzepte sind aber nicht nur für die Einordnung der Höhe der Ungleichheit relevant, sondern auch entscheidend für die Größe der Mittelschicht eines Landes. Wie sich die Schichtzusammensetzung jeweils beim Übergang der Einkommenskonzepte verändert, lässt sich anhand der sogenannten Cross-National Equivalent Files (CNEF) des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für Deutschland und der Panel Study of Income Dynamics (PSID) für die USA vergleichen. Da das PSID nur im zweijährigen Turnus erhoben wird, beziehen sich die aktuell vergleichbaren Einkommensdaten auf das Jahr 2012. Zur Abgrenzung der einzelnen Schichten wird das IW-Mittelschichtskonzept herangezogen, wonach die Gesellschaft jeweils in Relation zum mittleren Einkommen in fünf Einkommensschichten eingeteilt wird (Niehues et al., 2013).

Passend zu den ähnlichen Gini-Koeffizienten liegt die Größe der Einkommensmittelschicht im engen Sinn auf Basis der Markteinkommen mit 27 Prozent in Deutschland recht nahe an dem Wert der USA, die einen Wert von 23 Prozent erreichen (Abbildung). Gemäß dieser Betrachtung würden Rentner und Pensionäre allerdings größtenteils dem unteren Einkommensbereich zugeordnet, wenn sie ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch Leistungen der Rentenversicherung bestreiten. Dementsprechend sinkt der Anteil derjenigen mit einem Einkommen unter 60 Prozent des Medianeinkommens in Deutschland von 35 Prozent auf 22 Prozent, wenn man Renten zum Markteinkommen hinzuzählt. Die Bedeutung dieser Leistungen ist für die Schichtzusammensetzung in den USA wesentlich geringer. Berücksichtigt man ebenfalls sonstige soziale Transferzahlungen, sinkt der Anteil in Deutschland auf 19 Prozent, in den USA verbleibt er auch dann noch bei 30 Prozent der Gesamtbevölkerung (nicht separat abgebildet).

Für die Wohlfahrtsposition eines Haushalts in der Gesellschaft ist schließlich das Nettoeinkommen – nach der Zahlung von Steuern und Sozialbeiträgen – relevant. Da sich hierdurch die für die Einordnung relevante Bezugsgröße für die unteren Einkommen in Deutschland substanziell reduziert, verringert sich die Armutsgefährdungsquote noch einmal auf 13,9 Prozent. Der Anteil der Bevölkerung in den USA, die weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens erreichen, liegt mit 27 Prozent beinahe doppelt so hoch. Die deutlichen Unterschiede zeigen sich auch in der Größe der Mittelschicht: Mit 49 Prozent übersteigt die Größe der deutschen Mittelschicht die US-amerikanische um das 1,6-Fache. Dafür gibt es in den USA deutlich mehr Reiche: 12 Prozent der Bevölkerung verfügen über mehr als das 2,5-Fache des Medianeinkommens.

Somit zeigen sich bei der Verteilung des Markteinkommens zwar Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und den USA – allerdings ist eine isolierte Betrachtung der Markteinkommen ohne Berücksichtigung der institutionellen und sozio-demografischen Strukturen eines Landes irreführend. Einkommensbezogene Schichtanalysen greifen daher gewöhnlich auf das Nettoeinkommen zurück, da dieses letztlich auch entscheidend für die Konsummöglichkeiten eines Haushalts ist. Hier ist der Befund eindeutig: Stellt die Mittelschicht mit knapp der Hälfte der Bevölkerung in Deutschland mit Abstand die größte Einkommensschicht, zeigt sich in den USA eine eher polarisierte Verteilung: Nur weniger als ein Drittel der US-Amerikaner gehören zur Einkommensmittelschicht im engen Sinn.

IW-Kurzbericht

Kristin Fischer / Judith Niehues: Einkommensverteilung – Keine amerikanischen Verteilungsverhältnisse in Deutschland

IconDownload | PDF

Literatur

Gornick, Janet C. / Milanovic, Branko, 2015, Income Inequality in the United States in Cross-National Perspective: Redistribution Revisited, in: LIS Center Research Brief 1/2015

Grabka et al., 2016, Schrumpfender Anteil an BezieherInnen mittlerer Einkommen in den USA und Deutschland, in: DIW-Wochenbericht, 83. Jg, Nr. 18, S. 391–402

Niehues, Judith / Schaefer, Thilo / Schröder, Christoph, 2013, Arm und Reich in Deutschland: Wo bleibt die Mitte?, in: IW-Analysen, Nr. 89, Köln

Ansprechpartner

Regionale Armut
IW-Pressemitteilung, 5. Dezember 2016

Regionale Armut Auf die Preise kommt es anArrow

Der Westen Deutschlands ist reich, der Osten arm – so pauschal läuft häufig die Armutsdebatte. Tatsächlich aber stehen vor allem westdeutsche Städte schlecht da, zeigt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einer Studie. Die Politik könnte gegensteuern. mehr

5. Dezember 2016

Regionale Armut Städte machen armArrow

Die unterschiedlichen Preisniveaus führen dazu, dass in den deutschen Städten ein deutlich höherer Anteil der Einwohner armutsgefährdet ist als auf dem Land. Die Politik ist daher gefordert, die regionale Förderung neu auszurichten. mehr auf iwd.de

Mit einer neuen Regionalpolitik gegen Armut
Presseveranstaltung, 5. Dezember 2016

Pressekonferenz Mit einer neuen Regionalpolitik gegen ArmutArrow

Wenn es um Armut in Deutschland geht, werden in der öffentlichen Diskussion nicht selten pauschale oder fehlerhafte Argumente genutzt. So gilt häufig der Osten Deutschlands als arm, der Westen hingegen eher als reich. Doch so einfach ist es nicht. mehr