In Zeiten von wirtschaftlichen Krisen steigt auch immer die Sorge um das soziale Gefüge der Gesellschaft. Dabei rückt auch das bürgerschaftliche Engagement mehr und mehr in den Fokus wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Diskurse, wie zum Bei¬spiel die Berufung einer Kommission der Bundesregierung zur Erarbeitung des „Ersten Engagementberichts“ dokumentiert. Zahlreiche Analysen und Datenerhebungen dokumentieren das wissenschaftliche Interesse. Neben dem Bericht der Enquetekommission „Bürgerschaftliches Engagement“ (2002) gibt es eine ausführliche Analyse vom Wissenschaftszentrum Berlin „Bericht zur Lage und den Perspektive des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland“ (2009), der unter anderem den Freiwilligensurvey auswertet. Spannend ist es, den Einfluss der Religion auf das ehrenamtliche Engagement in Deutschland dabei genauer anzusehen. Die Wurzeln ehrenamtlicher Arbeit finden sich im Neuen Testament im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk. 10, 29-37).

In anderen Ländern wurde diese Fragestellung bereits eingehend untersucht. In der Schweiz sind potenzielle Kirchgänger überproportional häufig ehrenamtlich tätig (Gfs-Forschungsinstitut, 2001). Ähnliche Studien in den USA kamen zum Ergebnis, dass religiöse Protestanten im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen überproportional häufig zivilgesellschaftlich engagiert sind. Dieser Trend lässt sich nun auch für Deutschland feststellen. Laut einer Studie von Traunmüller (2009) auf Grundlage der Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) wirken sich die subjektive Religiosität sowie die öffentliche religiöse Praxis positiv auf das soziale Engagement in Deutschland aus. Religiöse Menschen sind folglich im Vergleich zu konfessionslosen Mitbürgern häufiger ehrenamtlich tätig, wenngleich Unterschiede zwischen den verschiedenen Konfessionen und Religionsgruppen bestehen. Insbesondere die beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland scheinen ihre Mitglieder vermehrt zu sozialem Engagement bewegen zu können. Je höher die persönliche religiöse Überzeugung, desto wahrscheinlicher ist gemeinnütziges Engagement. Katholiken und Protestanten, die ihrem persönlichen Glauben eine bedeutende Rolle einräumen, sind mit einer Wahrscheinlichkeit von 32 bzw. 39 Prozent ehrenamtlich aktiv. Dagegen sind Katholiken, für die der Glaube keine Rolle spielt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 13 Prozent bereit, sich sozial zu engagieren. Bei den Protestanten sind es 11 Prozent.

Auch die öffentliche religiöse Praxis hat Auswirkungen auf das soziale Engagement. Ein Protestant, der nie den Gottesdienst besucht, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 16 Prozent bereit, ein Ehrenamt zu übernehmen. Bei einem wöchentlichen Gottesdienstbesuch steigt die Wahrscheinlichkeit hingegen auf 59 Prozent. Bei Katholiken erhöht ein wöchentlicher Kirchengang die Wahrscheinlichkeit ein Ehrenamt zu übernehmen um 6 Prozentpunkte (25 Prozent).

Religionzugehörigkeit
Religionzugehörigkeit

Eine eigene Auswertung des SOEP (vgl. Grafik) belegt den Einfluss der Konfession. Das soziale Engagement von konfessionslosen Mitbürgern ist im Vergleich zu den großen christlichen Konfessionen eher gering. Konfessionslose Bürger sind zu 77,4 Prozent nie ehrenamtlich aktiv. Bei Katholiken liegt der Anteil nur bei 66,4 Prozent, ähnlich wie bei den Protestanten (67,3 Prozent). Das geringe ehrenamtliche Engagement der muslimischen Gemeinschaft (86,3 Prozent engagieren sich nie) ist vermutlich auf die schlechte Integration in die gesellschaftlichen Strukturen zurückzuführen.

Die christlichen Religionen spielen trotz mancher Kritik und trotz Kirchenaustritten weiterhin eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft – nicht nur, aber auch beim ehrenamtlichen Engagement. Der positive Einfluss von Religion gerade in Zeiten, in denen Religion mit überkommenen Traditionen und Fundamentalismus in Verbindung gebracht wird, ist eine gute Nachricht.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Sara Montazeri, 29 Jahre, Studium in Jura und Politikwissenschaften.

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