Denkschrift der Evangelischen Kirche Image

In der Pressemitteilung der EKD vom 28. April heißt es: „Die Denkschrift kritisiert die gewachsene soziale Ungleichheit. Zwar sei die Lage auf dem Arbeitsmarkt insgesamt erfreulich. Gleichzeitig sei die Zahl atypischer und prekärer Beschäftigungsverhältnisse angestiegen. Die Folge sei das Anwachsen eines Niedriglohnsektors. Als problematisch bezeichnet die Denkschrift die unterschiedliche Entwicklung von Kapital- und Arbeitseinkommen sowie die gestiegene Einkommensungleichheit“. So weit, so erwartbar – doch in der Langfassung liest man ganz andere Aussagen:

„Das sogenannte Normalarbeitsverhältnis ist in Deutschland weiterhin dominant. Atypische Beschäftigung ist nicht pauschal mit prekärer Beschäftigung gleichzusetzen.“ (45/46) Richtig: Der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse ist seit 2005, als die Hartz-Gesetze in Kraft getreten sind, bis zum Jahr 2013 um rund 5 Prozentpunkte auf derzeit rund 46 Prozent angestiegen (Grafik). In dieser Zeit entstanden fast 2 Millionen neue Normalarbeitsverhältnisse und mehr als 0,8 Millionen „atypische“ Beschäftigungsverhältnisse. Der Anteil der atypisch Beschäftigten ist in den letzten 20 Jahren sogar von knapp 15 Prozent auf 8 Prozent zurückgegangen. Die flexiblen Beschäftigungsformen verdrängen daher nicht das Normalarbeitsverhältnis, sondern ziehen zusätzliche erwerbsfähige Personen in den Arbeitsmarkt hinein.

Der auf hohem Niveau verharrende Niedriglohnsektor stellt in Deutschland eine große politische Herausforderung dar.“ (107) Richtig: Der Niedriglohnsektor steigt im Trend nicht mehr an. Seine Einstiegsfunktion für Menschen mit geringer Qualifikation und Arbeitslose ist aber eminent wichtig, denn zwischen 2005 und 2012 haben mehr als die Hälfte aller in eine neue Beschäftigung einmündenden Arbeitslosen den Einstieg über den Niedriglohnsektor geschafft. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist seit 2007 um rund 700.000 gesunken.

Wenn Langzeitarbeitslose einen Arbeitsplatz finden, dann geschieht dies überdurchschnittlich häufig im Niedriglohnsektor. Und mehr als jeder vierte Einkommensbezieher ist 2011 aus der untersten Einkommensschicht zumindest in die nächsthöhere aufgestiegen.

Bis zum Jahr 2005 hat sich die Einkommensungleichheit vergrößert, gegenwärtig liegt Deutschland im Mittelfeld der OECD-Staaten.“ Tatsächlich ist die Einkommensungleichheit seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts trendmäßig nicht mehr gestiegen. Die Mittelschicht ist vergleichsweise stabil, eine aufgehende Schere zwischen Arm und Reich ist nicht zu beobachten. Mehr Menschen als vor zehn Jahren fühlen sich der Mittelschicht zugehörig. Die Konzentration der Vermögen war 2012 nicht höher als zehn Jahre zuvor.

Alles in allem findet auch die EKD: „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ist sowohl absolut als auch relativ mit Blick auf die europäischen Nachbarn und die globale Entwicklung durchaus erfreulich“ (44). Umso mehr bleibt es das Geheimnis der Hannoveraner Kirchenleitung, warum zwischen Pressemeldung und Langfassung eine so tiefe Lücke klafft. Zuspitzung ist das Wesen von Pressemitteilungen, aber sie dürfen den Sinn nicht entstellen. Dann leidet die Glaubwürdigkeit der Institution, deren Handwerkszeug die kritische Exegese von Texten und deren Kapital Vertrauen ist.

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