Tarifabschlüsse Image

Ludger Westrick, von 1951 bis 1963 Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, führte die nach ihm benannte Formel 1963 anlässlich der damaligen Metalltarifverhandlungen ein. Der Charme dieser Berechnungsmethode liegt vor allem in ihrer Einfachheit: Um die durch den Tarifvertrag induzierte effektive Kostenbelastung zu errechnen, wurde in der vereinfachten Formel die prozentuale Lohnerhöhung mit 12 multipliziert und durch die Zahl der Laufzeitmonate geteilt. Als zunehmend komplexere Abschlüsse Einzug ins Tarifgeschäft hielten, mussten Alternativen zur Westrick-Formel gefunden werden.

Die beste Möglichkeit zur Darstellung der Auswirkungen einer Tariferhöhung auf die Arbeitskosten stellt die Betrachtung der Tariferhöhungen auf Indexbasis dar. Die Methode hat den Vorteil, die Veränderung der tariflich verursachten Arbeitskosten auf Kalenderjahresbasis oder für beliebige Zeiträume auszuweisen. In den Index gehen alle durch den Tarifvertrag hervorgerufenen Kostenwirkungen ein. Für jeden Laufzeitmonat wird die prozentuale Kostenbelastung im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat ermittelt. Das gilt unabhängig davon, welcher Zeitraum betrachtet wird (Kalenderjahr, die gesamte Laufzeit eines Tarifvertrags oder einzelne Laufzeitperioden).

Um diese Methode besser zu verdeutlichen, sei folgendes Beispiel gegeben: Ein Tarifabschluss sieht eine Laufzeit von 19 Monaten vor, beginnend ab Juni 2015 bis einschließlich Dezember 2016. Der Juni 2015 ist ein sogenannter Nullmonat. In diesem Monat gibt es keinen Zuwachs. Für Juli 2015 erhalten die Beschäftigten eine Pauschal- oder Einmalzahlung in Höhe von 400 Euro. Ab August 2015 erhöhen sich dann die Entgelttabellen um 2,5 Prozent, eine weitere Erhöhung um 2,7 Prozent tritt ab Februar 2016 in Kraft. Um die durch die Pauschalzahlung hervorgerufene Kostenbelastung zu berechnen, muss ein repräsentativer Bezugswert herangezogen werden. Entweder zieht man hierzu den Verdienst einer Referenzentgeltgruppe (in der Regel das Entgelt eines Arbeitnehmers mit dreijähriger Berufsausbildung) heran, oder das im Geltungsbereich des Tarifvertrags gezahlte Durchschnittseinkommen. Im vorliegenden Rechenbeispiel wird angenommen, dass der Referenzwert monatlich bei 3.000 Euro liegt. Somit entsprechen die 400 Euro Einmalzahlung einer prozentualen Belastung von 13,3 Prozent im Juli 2015. Der Einfachheit halber wird hier angenommen, dass sich Entgelterhöhungen des vorangegangen Tarifabschlusses nicht mehr auf den aktuellen Zeitraum auswirken. Das Ausgangsniveau des Index – vor Auswirkung des neuen Tarifvertrags – wird somit für alle Monate des Jahres 2014 auf 100 gesetzt.

Das Rechenbeispiel ist in der Tabelle auf Seite 3 dargestellt. Die Tabelle stellt die Entwicklung des Indexes dar und weist die monatlichen prozentualen Veränderungen gegenüber dem Vorjahresmonat aus. Fett hervorgehoben sind Monate, in denen die Pauschalzahlung zur Auszahlung kommt oder die Entgelttabellen angehoben werden. Die monatlichen Veränderungsraten werden nach der folgenden Formel berechnet:

Veränderungsrate = aktueller Indexstand / Indexstand des Vorjahres x 100 – 100.

Nach dem Nullmonat Juni 2015 folgt zum Juli erstmals eine Veränderung des Indexwertes. Im Juli 2015 steigt der Index auf 113,3, da hier die Pauschalzahlung gewährt wird, die mit 13,3 Prozent zu Buche schlägt. Eine Besonderheit ist ein Jahr später zu beachten: Da Pauschalzahlungen sich nur einmalig in den Entgelttabellen niederschlagen, kommt es im Juli 2016 rechnerisch zu einem Entlastungseffekt von 7,1 Prozent. Die Entgelttabellen erhöhen sich im August 2015 um 2,5 Prozent, folgerichtig erhöht sich der Index (ausgehend von 100, weil die Pauschalzahlung nur im Juli 2015 wirkt) auf 102,5 (= 100 x 1,025). Eine weitere Erhöhung um 2,7 Prozent tritt ab Februar 2016 in Kraft. Der Index erhöht sich dadurch auf 105,3 (= 102,5 x 1,027).

Will man statt der monatlichen Veränderungsraten die Kostenbelastung im Kalenderjahr 2015 ermitteln, werden analog zur obigen Formel die kumulierten Indizes der Jahre 2015 und 2014 miteinander verglichen. Für den Kalenderjahresvergleich 2015/2014 lautet die Rechnung danach:

Kostenbelastung 2015 = 1225,8 (kumulierter Index Jahr 2015) / 1200,0 (kumulierter Index Jahr 2014) x 100 – 100 = 2,2 Prozent.

Der Wert für das Kalenderjahr 2016 wird analog berechnet. Er liegt bei 2,8 Prozent.

Neben dieser Kalenderjahresbetrachtung, die vor allem der betriebswirtschaftlichen Kalkulation dient, sind aus tarifpolitischer Sicht auch andere Betrachtungszeiträume wie zum Beispiel die gesamte Laufzeit des Tarifvertrages oder einzelne Laufzeitperioden von Bedeutung. In dem obigen Beispiel umfasst die erste Laufzeitperiode den Zeitraum von Juni 2015 bis Januar 2016, also dem letzten Monat vor Inkrafttreten der zweiten Tabellenanhebung um 2,7 Prozent. Zur Berechnung der Kostenwirkung über diese Laufzeitperiode werden zunächst die kumulierten Indexstände für den zu betrachtenden Zeitraum, also hier Juni 2015 bis Januar 2016, sowie für den entsprechenden Vergleichszeitraum ermittelt und anschließend nach obiger Methode zueinander in Relation gesetzt:

Kostenbelastung erste Laufzeitperiode = 828,3 (kumulierter Index Juni 2015 bis Januar 2016) / 800 (kumulierter Index Juni 2014 bis Januar 2015) x 100 – 100 = 3,5 Prozent.

Die Rechnung für die zweite Laufzeitperiode (Februar 2016 bis Dezember 2016) ergibt sich entsprechend (1157,9 / 1125,8 x 100 – 100 = 2,9 Prozent). Über die gesamte Laufzeit liegt die Belastung in diesem Beispiel bei 3,1 Prozent (1986,3 / 1925,8 x 100 – 100).

Längere Laufzeiten bei Entgelttarifverträgen bieten für die Arbeitgeberseite vor allem den Vorteil der Planungssicherheit. Ab einer gewissen Laufzeitlänge ist jedoch davon auszugehen, dass sich eine Gewerkschaft darauf nur einlässt, wenn der Abschluss mehr als eine einmalige Anhebung der Entgelttabellen beinhaltet. Durch mehrstufige Tabellenwertanhebungen kommt die Gewerkschaft auch rein optisch ihrer ursprünglichen Lohnforderung näher, da in der gewerkschaftlichen Bewertung eines Abschlusses gegenüber ihren Mitgliedern oftmals die einzelnen Tarifstufen addiert werden. Dafür nimmt sie aber eine längere Laufzeit in Kauf. Für die Arbeitgeber ist von Bedeutung, dass die einzelnen Laufzeitperioden nicht zu kurz beziehungsweise die Prozentzahlen nicht zu hoch ausfallen, da sonst die Vorteile eines lang laufenden Entgelttarifvertrags zu teuer erkauft werden.

Saskia Dieke (Metall NRW)

Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn
IW-Nachricht, 7. Dezember 2016

Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn Steiniger WegArrow

Die Deutsche Bahn verhandelt derzeit wieder mit der Eisenbahnergewerkschaft EVG und der Lokführergewerkschaft GDL. In den vergangenen Jahren zeigte sich vor allem die GDL als besonders streikfreudig. Doch diesmal drohen gleich beide Gewerkschaften mit Warnstreiks. mehr

Ruf nach Regulierung
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Crowdworking Ruf nach RegulierungArrow

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierten Dialogs „Arbeit 4.0“ werden gegen Ende dieses Jahres Vorschläge präsentiert, wie die sozialen Bedingungen und Spielregeln der zukünftigen Arbeitsgesellschaft gestaltet werden sollen. Dabei wird auch über eine Regulierung des Crowdworkings diskutiert. mehr

IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Gewerkschaften Hundert Jahre AnerkennungArrow

Im Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften in Deutschland als Interessenvertreter der Arbeitnehmer anerkannt. Hundert Jahre später kämpfen nicht nur die deutschen Gewerkschaften gegen ihren Bedeutungsverlust. mehr