Spartengewerkschaften Image

Seit dem Jahr 2001 haben sich in der Luftfahrt, im Schienenverkehr und in Krankenhäusern Spartengewerkschaften etabliert, die für bestimmte Berufsgruppen eigenständige Tarifverträge aushandeln. Spartengewerkschaften agieren auf ehemals monopolistischen Märkten, in denen die Wettbewerbsintensität schrittweise erhöht wurde (Luft- und Schienenverkehr), oder auf stark regulierten Märkten (Flugsicherung und Krankenhäuser). Diese besondere Marktstruktur führt zusammen mit der Konzentration auf bestimmte Berufsgruppen dazu, dass Spartengewerkschaften die Folgen ihrer Tarifabschlüsse besser auf andere Gruppen abwälzen können als große Branchengewerkschaften. Dadurch setzen sie ihre Partikularinteressen durch, ohne für die dadurch angestoßenen negativen Folgen aufkommen zu müssen. Da die Spartengewerkschaften komplementäre Berufsgruppen organisieren, sind sie besonders durchsetzungsstark. Jede einzelne Gewerkschaft kann durch einen Streik die Wertschöpfungskette unterbrechen.

Auf mögliche Folgen des Agierens von Spartengewerkschaften ist schon häufig hingewiesen worden. Neideffekte zwischen verschiedenen Berufsgruppen können zu Aufschaukelprozessen führen. Branchengewerkschaften werden unter Druck gesetzt, höhere Lohnforderungen zu stellen, um weiteren Abspaltungen vorzubeugen. Betroffene Unternehmen verlieren ihre Planungssicherheit, weil sie häufiger verhandeln müssen und ihnen mehr Konflikte ins Haus stehen. Eine Analyse von insgesamt 14 untersuchten Tarifverhandlungen in der Luftfahrt (Luftverkehr und Flugsicherung) bestätigt, dass die Konfliktintensität hoch ist. Im Luftverkehr verhandeln die Vereinigung Cockpit (VC) für die Piloten, die Unabhängige Flugbegleiter-Organisation (UFO) für die Flugbegleiter und ver.di für das Bodenpersonal. In der Flugsicherung agiert (neben ver.di) die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF). Bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) verhandelt sie für alle Tarifmitarbeiter, wobei die Fluglotsen in der Vertretungshierarchie eine Sonderstellung einnehmen. Bei den Flughäfen betätigt sich die GdF als Berufsgruppengewerkschaft für Mitarbeiter der Vorfeldkontrolle, Vorfeldaufsicht und Verkehrszentrale. Die Luftfahrt ist demnach eine Branche mit besonders intensivem Gewerkschaftswettbewerb.

Die Tarifauseinandersetzungen werden anhand von Kriterien bewertet, die die Komplexität von Tarifauseinandersetzungen abbilden, ihren Eskalationsgrad und die Fähigkeit der Tarifparteien, Konflikte autonom zu lösen. Die Komplexität zeigt sich an der zeitlichen Dauer einer Tarifverhandlung, an der Anzahl vorzeitiger Verhandlungsabbrüche (oder gar gescheiterten Verhandlungen) und an der Häufigkeit von Streikdrohungen. Der Eskalationsgrad wird mithilfe der Häufigkeit von Streiks und Warnstreiks gemessen und die Fähigkeit der Tarifparteien, Konflikte autonom zu regeln, daran, ob ein Schlichter herangezogen werden musste oder juristische Mittel ergriffen wurden. Zu den juristischen Mitteln gehören einstweilige Verfügungen gegen Streiks oder Klagen gegen die Tariffähigkeit einer Gewerkschaft.

Die Tabelle fasst die Ausprägungen für die verschiedenen Kriterien zusammen. Es zeigt sich, dass es Verhandlungen gab, die nach drei Monaten abgeschlossen werden konnten, ohne Streikdrohungen oder Streiks auskamen und bilateral zwischen den Tarifparteien gelöst wurden. Beispiele sind die Verhandlungen zwischen der Deutschen Lufthansa und der VC im Jahr 2007/08 oder zwischen der DFS und der GdF im Jahr 2005. Andere Verhandlungen eskalierten. Das geschah vor allem in Verhandlungen, in denen eine Gewerkschaft erstmals einen eigenen Tarifvertrag durchsetzen wollte, z.B. 2003/05 bei der DFS oder 2008/09 am Flughafen Stuttgart. Konfliktintensiv ging es aber auch 2009/10 zwischen Lufthansa und VC sowie 2010/11 zwischen Lufthansa und UFO zu. Die Verhandlungen zogen sich über 11,5 Monate und länger hin; es wurden wiederholt Streikdrohungen ausgesprochen und 2010 wurde sogar der Bundesverkehrsminister als weiterer Vermittler neben dem Schlichter eingeschaltet.

Ansprechpartner

Ruf nach Regulierung
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Crowdworking Ruf nach RegulierungArrow

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierten Dialogs „Arbeit 4.0“ werden gegen Ende dieses Jahres Vorschläge präsentiert, wie die sozialen Bedingungen und Spielregeln der zukünftigen Arbeitsgesellschaft gestaltet werden sollen. Dabei wird auch über eine Regulierung des Crowdworkings diskutiert. mehr

IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Gewerkschaften Hundert Jahre AnerkennungArrow

Im Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften in Deutschland als Interessenvertreter der Arbeitnehmer anerkannt. Hundert Jahre später kämpfen nicht nur die deutschen Gewerkschaften gegen ihren Bedeutungsverlust. mehr

Rührei-Prinzip wird GdF zum Verhängnis
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Arbeitskampfrechtsprechung Rührei-Prinzip wird GdF zum VerhängnisArrow

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in zwei Entscheidungen vom 25.8.2015 das Arbeitskampfrecht weiterentwickelt – jeweils am Streik der Fluglotsen (1 AZR 875/13 und 1 AZR 754/13). Am 26.7.2016 ist die dritte Lotsenstreik-Entscheidung ergangen (1 AZR 160/14), mit der seit längerer Zeit einmal wieder ein Streik für rechtswidrig erkannt und hieraus eine Schadensersatzpflicht der streikenden Gewerkschaft abgeleitet worden ist. mehr