Im Rahmen der vom European Industrial Relations Observatory (EIRO) erstellten Studie „Impact of the crisis on industrial relations“ wurden Experten aus 27 EU-Ländern sowie Norwegen um Ihre Einschätzung gebeten, wie die Krise die industriellen Beziehungen verändert hat. Die Studie zeigt, dass es nicht nur zu Lohnkürzungen und Nullrunden kam. Auch der Lohnfindungsprozess hat sich vielerorts verändert: Tarifverhandlungen wurden dezentralisiert, die Laufzeit von Tarifverträgen wurde verkürzt und deren Nachwirkung beschränkt.

Gleichzeitig kam es zu einer Erosion von Flächentarifverträgen sowie zu einer sinkenden Organisationsmacht von Gewerkschaften – beides Entwicklungen, die schon vor dem Ausbruch der Krise zu beobachten waren, sich in einigen Ländern seitdem aber verstärkt haben: In Zypern, Bulgarien, Dänemark, Estland, Lettland, Litauen, Schweden, Slowenien, Slowakei oder Großbritannien hat der gewerkschaftliche Organisationsgrad seit 2008 ab- und die Mitgliederfluktuation zugenommen.

Die EIRO-Studie zeigt einerseits, dass die Politik vor allem in den Krisenländern in die Tarifvertragssysteme eingriff, andererseits aber auch, dass die Sozialpartnerschaft gestärkt wurde. In Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Rumänien wurden die Tarifvertragssysteme auf politischen Druck hin reformiert. Ziel war es, den Unternehmen durch flexiblere Tarifvertragssysteme mehr Spielraum einzuräumen. In Spanien haben Lohntarifverträge, die von Unternehmen geschlossen wurden, Vorrang gegenüber Branchentarifverträgen erhalten. Griechische Firmen erhielten die Option, von den tarifvertraglich vereinbarten Standards nach unten abzuweichen. Außerdem kam es in Portugal, Ungarn und Zypern zu tripartistischen Sozialpakten.

Während sich in vielen Krisenländern Teile der Gesellschaft von der Politik und von den Gewerkschaften abwandten, suchten die Beschäftigten in Österreich vermehrt die Unterstützung und den Schutz der Arbeitnehmervertreter. Die Studie attestiert vor allem den österreichischen Gewerkschaften, die zu Streiks und Protesten aufriefen, eine erhöhte Sichtbarkeit. Diese Sichtbarkeit schlug sich in steigenden Mitgliederzahlen nieder.

In Spanien und Slowenien bildeten sich als Folge des Protests gegen die Sozialreformen neue soziale Bewegungen. So sorgte 2011 die Bewegung „Indignados“ (Empörte) in Spanien mit ihren Protesten gegen die Sparpläne der Regierung für Aufsehen. Die Bewegung nahm ihren Ausgang in sozialen Netzwerken und Plattformen. Sie bindet sich an keine Partei oder Gewerkschaft, von denen sich ihre Anhänger nicht repräsentiert fühlen. Stattdessen wird die Errichtung einer partizipativen Demokratie in Spanien gefordert. Weitere Forderungen sind: die Banken zu regulieren, die Arbeitslosigkeit zu senken und die Grundrechte auf Gesundheit, Bildung und Wohnen zu stärken.

In einigen Ländern förderte der Reformprozess die Sozialpartnerschaft. In Deutschland gibt es seit 2008 laut EIRO-Studie Belege für eine lösungsorientiertere Zusammenarbeit von Unternehmensleitung und Betriebsräten, um gemeinsam die Beschäftigung von Mitarbeitern und die Wirtschaftsfähigkeit der Unternehmen zu sichern. Zudem stabilisieren sich die Mitgliederzahlen vieler Gewerkschaften, manche erzielen sogar leichte Gewinne (siehe Seite 1 dieser Ausgabe). Auch in Tschechien stand während der Krise die Beschäftigungssicherung im Mittelpunkt der Tarifpolitik. Wenn es die wirtschaftliche Lage im Unternehmen erforderte, wurden Nullrunden und temporäre Lohnkürzungen von tschechischen Gewerkschaften mitgetragen. In Estland protestierten Gewerkschaften und Arbeitgeber gemeinsam gegen die Sparpläne in der Arbeitslosenversicherung.

European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions
Impact of the crisis on industrial relations

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