Die Chancen auf Bildung hängen stärker denn je von der sozialen Herkunft ab, beklagt die IG Metall. Bildung solle kostenfrei sein, um die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu steigern. Die Gewerkschaft bemängelt auch eine abnehmende Qualität im Bildungssystem. Außerdem seien viele Studenten gezwungen, ihr Studium durch Nebenjobs zu finanzieren. Dadurch hätten sie aber weniger Zeit zum Studieren. Dieser Missstand werde durch den seit 2006 beobachtbaren Anstieg der Studienabbrecher um 10 Prozentpunkte auf 35 Prozent verdeutlicht. Auch in der dualen Ausbildung sinke die Qualität, da es den Berufsschulen an finanziellen Mitteln für Infrastruktur und Lehrer fehle. Weiter mangele es an einer optimalen Förderung der Jugendlichen im Schulsystem. Jeder Fünfte verlasse die Schule ohne Abschluss und qualifiziere sich somit nicht für einen dualen Ausbildungsweg. Die IG Metall sieht hier den Staat und die Firmen stärker in der finanziellen Verantwortung. Um den nötigen politischen Druck aufzubauen, startete die IG Metall im März 2013 die Kampagne „Revolution Bildung“. Einem ersten Aktionstag jugendlicher Metallmitglieder in Frankfurt sollen weitere Aktionstage folgen.

Im Rahmen ihrer Kampagne fordert die Gewerkschaft die Unternehmen auf, mehr in lebenslanges Lernen zu investieren. Dabei will die IG Metall allen Arbeitnehmern ein Recht auf Fortbildung einräumen und eine bezahlte Freistellung für die berufliche Weiterbildung durchsetzen. Im Schulsystem fordert sie eine gezielte Förderung der Schwächeren, um die Quote der Schulabbrecher zu reduzieren. Zudem soll die Erstausbildung im dualen System stärker gefördert werden, um mehr Menschen in qualifizierte Erwerbstätigkeit zu bringen. Um die Situation von Studierenden zu verbessern, soll mehr BAföG gezahlt und die Qualität der Lehre verbessert werden. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen in einem Bildungsmanifest gebündelt werden.

Viele Forderungen der Gewerkschaft sind bereits Gegenstand politischer Maßnahmen – sogar auf der europäischen Ebene. Die Beschäftigungspolitischen Leitlinien der Europäischen Union greifen das Thema Bildung und lebenslanges Lernen auf. Im Oktober 2010 beschloss der Rat der Europäischen Union im Rahmen der Strategie Europa 2020 neue Leitlinien für beschäftigungspolitische Maßnahmen der Mitgliedstaaten. Diese Leitlinien zielen auf die Senkung der Schulabbrecherquoten auf unter 10 Prozent und auf die Erhöhung des Anteils der 30- bis 34- Jährigen mit Hochschul- oder vergleichbarem Abschluss auf mindestens 40 Prozent ab.

Auch die deutschen Unternehmen und Arbeitgeberverbände sind nicht untätig. In der Chemischen Industrie wurde 2011 das Sozialpartnerprogramm „StartPlus“ ins Leben gerufen, das klein- und mittelständischen Unternehmen pädagogische Betreuung für Jugendliche anbietet, die noch nicht ausbildungsreif sind. Schon seit dem Jahr 2000 werden Jugendliche mit Bildungsdefiziten über die Initiative „Start in den Beruf“ gefördert. Der Arbeitgeberverband Nordmetall initiierte 2008 zusammen mit den Arbeitsagenturen das Ausbildungsprogramm „Nordchance“, mit dem bildungsschwächere Jugendliche auf die Ausbildung vorbereitet werden. Nach vier Ausbildungsdurchgängen hatten insgesamt 421 Jugendliche teilgenommen, von denen 60 Prozent im Anschluss einen vollwertigen Ausbildungsplatz erhielten. In NRW greift ebenfalls seit 2008 der Tarifvertrag zur Förderung der Ausbildungsfähigkeit die Problemgruppe noch nicht ausbildungsreifer Jugendlicher auf. Lernschwächere oder benachteiligte Jugendliche können an einer Ausbildungsvorbereitung teilnehmen, mit dem Ziel, anschließend in ein Ausbildungsverhältnis übernommen zu werden.

Seit 2010 engagieren sich Politik und Wirtschaft zudem im Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs. Der sogenannte Ausbildungspakt zielt auf die Erschließung aller Potenziale durch Qualifizierung ab. Denn die Wirtschaft möchte dem zunehmenden Mangel an geeigneten Bewerbern entgegenwirken, um den Fachkräftemangel einzugrenzen. Im Rahmen dieses Pakts ist beispielsweise das Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT entstanden, welches Partnerschaften zwischen Schulen und Betrieben fördert, um praxisnahe Berufsorientierung in der Schule bieten zu können.

Zudem haben unter anderem die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im Frühjahr 2013 zehn Vorschläge zur besseren Finanzierung von Forschung, Lehre und Studium vorgelegt. Unter anderem sollen auch Studenten aus einkommensschwächeren Haushalten stärker gefördert werden.

Die verschiedenen Bemühungen tragen erste Früchte. So ist ein Anstieg der berufsbegleitenden Studiengänge zu beobachten. Nach Angaben der BDA können bereits 17 Prozent der Masterstudiengänge berufsbegleitend absolviert werden. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass im Jahr 2010 immerhin 73 Prozent aller Unternehmen und 94 Prozent der Unternehmen mit mindestens 1.000 Beschäftigten ihren Mitarbeitern Weiterbildungsmaßnahmen anbieten. Pro Teilnehmer investierten die Unternehmen dabei 1.563 Euro.

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