Der Tarifvertrag der ITF für Seeleute ist in besonderem Maße weltweit wirksam, denn er gilt auch in internationalen Gewässern und regelt damit die Arbeitsbedingungen von inzwischen fast 300.000 Matrosen. Seit 2003 wird er im sog. International Bargaining Forum (IBF) mit internationalen Reederverbänden ausgehandelt. Der Vertrag regelt einen Mindeststandard von Arbeitnehmerrechten und die Bezahlung für einfache Matrosen, die aus Kostengründen häufig aus Niedriglohnländern rekrutiert werden – und zwar von Reedern überall auf der Welt. Die Festlegung solcher globalen Mindeststandards ist notwendig, weil es fast zum Normalfall geworden ist, dass ein Schiff nicht mehr unter heimischer Flagge ausläuft, um strenge Auflagen, wie sie zum Beispiel von der EU vorgegeben werden, zu umgehen. Dieser Praxis wirkt die ITF mit Kampagnen und einem Netzwerk von etwa 140 Kontrolleuren in den Häfen der Welt entgegen. Im Jahr 2010 setzte sie durch ihre Kontrollen das Nachzahlen von Löhnen in Höhe von 24 Millionen Dollar durch.

Die ITF agiert auch politisch. Mehrmals konnte sie die von der EU-Kommission geplante Liberalisierung der Seehäfen Europas durch groß angelegte Streiks verhindern. Der EU-Richtlinienentwurf „Port Package“, der den Wettbewerb zwischen den europäischen Häfen verstärken sollte, sah unter anderem vor, den Schiffsbesatzungen das Löschen der Ladung zu erlauben, was traditionell den Dockarbeitern vorbehalten ist. Als ortsgebundene Dienstleistung ist das Löschen vom Wettbewerb ausgenommen. Durch den beabsichtigten Wettbewerb mit den Schiffsbesatzungen wären die Löhne der Dockarbeiter unter Druck geraten. Das konnte nicht im Interesse der Gewerkschaft sein, weil sie beide Gruppen organisiert und einen Lohnwettbewerb verhindern will. Außerdem wäre die Streikmacht der meist gut organisierten Dockarbeiter bedroht gewesen – boykottieren sie das Löschen der Ladung, geraten die penibel abgestimmten Routenpläne der Schiffe in Verzug und die Reedereien unter finanziellen Druck.

Das gemeinsame Vorgehen von Seeleuten und Dockarbeitern ist aber kein neues Phänomen in der langen Geschichte der ITF, sondern war schon bei der Gründung 1896 von Bedeutung. Ein Streik von Hafenarbeitern in Rotterdam wurde von englischen Schiffsbesatzungen unterstützt, die sich weigerten, die Ladungen selbst zu löschen. Der gemeinsam geführte Arbeitskampf war ein Erfolg und führte auf Seiten der Arbeitnehmer zu der Einsicht, den global agierenden Reedern nur mit länder- und spartenübergreifender Kooperation begegnen zu können.

Dieses oberste Ziel wird noch heute verfolgt. Die entsprechenden Tätigkeiten der ITF lassen sich den Bereichen Information, Vertretung und Solidarität zuordnen. Die Vertretung der nationalen Einzelgewerkschaften durch die ITF geschieht z.B. bei der International Labour Organisation (ILO) oder bei spartenspezifischen Dachverbänden wie der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO). Durch Informations- und Bildungsarbeit der ITF werden die Bemühungen der nationalen Gewerkschaften unterstützt und aufeinander abgestimmt. Bei Konflikten im Heimatland kann die ITF Ressourcen und Erfahrungen vermitteln und gemeinsame Aktionen in die Wege leiten.

Die Seeleute und Hafenarbeiter machen heute nur 14 bzw. 8 Prozent der von der ITF vertretenen Arbeitnehmerschaft aus (siehe Grafik). Trotzdem ist gerade die Vertretung der Seeleute ein zentrales Anliegen der ITF, da die Vertretungsmacht der nationalen Einzelgewerkschaften in diesem Sektor besonders schwach ist.

Es gibt Bestrebungen, die Arbeitsbedingungen durch die sog. Maritime Labour Convention (MLC) weiter zu verbessern. Die MLC ist eine von der ITF erarbeitete Grundrechtecharta für Seeleute. Damit die Konvention in Kraft treten kann, muss sie von mindestens 30 Ländern ratifiziert werden. Die Charta fasst über 60 bestehende Einzelabkommen zusammen und würde, anders als der ITF-Tarifvertrag, allen der weltweit 1,2 Mio. Matrosen Schutz bieten. Bahnbrechend an der MLC wäre, dass Regierungen – und nicht mehr einzelne Reedereien – für die Einhaltung der Konvention verantwortlich sind. Wenn die Charta (wie von der ITF und der ILO erwartet) bis Ende 2012 ratifiziert sein wird, werden Frachtdienstleistungen teurer. Das wird sich wohl auch in den Güterpreisen niederschlagen, sodass die Verbraucher mit höheren Preisen für importierte Güter rechnen müssen.

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Ruf nach Regulierung
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Crowdworking Ruf nach RegulierungArrow

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierten Dialogs „Arbeit 4.0“ werden gegen Ende dieses Jahres Vorschläge präsentiert, wie die sozialen Bedingungen und Spielregeln der zukünftigen Arbeitsgesellschaft gestaltet werden sollen. Dabei wird auch über eine Regulierung des Crowdworkings diskutiert. mehr

IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Gewerkschaften Hundert Jahre AnerkennungArrow

Im Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften in Deutschland als Interessenvertreter der Arbeitnehmer anerkannt. Hundert Jahre später kämpfen nicht nur die deutschen Gewerkschaften gegen ihren Bedeutungsverlust. mehr

Rührei-Prinzip wird GdF zum Verhängnis
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Arbeitskampfrechtsprechung Rührei-Prinzip wird GdF zum VerhängnisArrow

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in zwei Entscheidungen vom 25.8.2015 das Arbeitskampfrecht weiterentwickelt – jeweils am Streik der Fluglotsen (1 AZR 875/13 und 1 AZR 754/13). Am 26.7.2016 ist die dritte Lotsenstreik-Entscheidung ergangen (1 AZR 160/14), mit der seit längerer Zeit einmal wieder ein Streik für rechtswidrig erkannt und hieraus eine Schadensersatzpflicht der streikenden Gewerkschaft abgeleitet worden ist. mehr