Das Gent-System Image
Dänische Arbeiter protestieren mit Fahnen ihrer Gewerkschaft in Kopenhagen. In Ländern wie Dänemark, Schweden, Island und Finnland ist ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad zu beobachten. Foto: Plougmann/iStock

Das Gent-System wurde erstmals im Jahr 1901 im belgischen Gent eingeführt und bezeichnet eine freiwillige Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, die von den Gewerkschaften organisiert und vom Staat subventioniert wird. Dieses System war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Europa sehr verbreitet, da es in vielen Ländern noch keine staatliche Arbeitslosenversicherung gab. Die staatlichen Versicherungen wurden in Großbritannien, Deutschland, Italien und Österreich schon im Laufe der ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts obligatorisch, in Norwegen aber erst 1938, in den Niederlanden 1952 und in Frankreich 1967.

Die zuvor von den Gewerkschaften angebotenen Arbeitslosenversicherungen galten zunächst nur für gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer. Dadurch entstand ein selektiver Anreiz, in eine Gewerkschaft einzutreten, der in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit besonders ausgeprägt war. Allerdings konnten sich nur gut bezahlte Facharbeiter diese Versicherung leisten. Die Kontrolle der Arbeitslosenversicherung bot den Gewerkschaften zugleich die Möglichkeit, zu entscheiden, welche Arbeiten und Arbeitsplatzangebote überhaupt für Arbeitslose zumutbar waren.

Damit die Arbeitslosenversicherung für alle Arbeitnehmergruppen erschwinglich wurde, wurden die Gent-Systeme schon ab 1905 staatlich subventioniert. Mit diesem staatlichen Eingriff wurde es zudem möglich, in die Arbeitslosenversicherung einzuzahlen, ohne Mitglied einer Gewerkschaft werden zu müssen. Da im 20. Jahrhundert nach und nach staatliche Pflichtversicherungssysteme eingeführt wurden, gibt es das Gent-System mit freiwilliger Mitgliedschaft heute nur noch in Dänemark, Finnland, Island und Schweden. In Belgien führte der Staat 1945 eine Pflichtversicherung ein, die von den Gewerkschaften verwaltet wird.

In den Ländern mit Gent-System gibt es verschiedene Arbeitslosenkassen, von denen die meisten nach wie vor an Gewerkschaften angegliedert sind. Es gibt nur wenige unabhängige Kassen. Alle Kassen unterliegen einer staatlichen Kontrolle. Sie organisieren die Zahlung des Arbeitslosengeldes, wobei sie gesetzliche Regelungen zur Bezugsdauer, Auszahlungshöhe und Anspruchsvoraussetzungen beachten müssen. Die Kassen sind formal nicht für die Arbeitsvermittlung zuständig. Diese wird von öffentlichen Arbeitsämtern übernommen. In Dänemark bieten die Kassen zusätzlich auch einen Vorruhestandsfonds sowie verschiedene andere Dienstleistungen an, beispielsweise Beratungen, Weiterbildungen und Hilfe bei der Arbeitssuche.

Heute wird die Arbeitslosenversicherung im Gent-System hauptsächlich über Steuern finanziert. In Schweden sind sogar 95 Prozent der Arbeitslosengeldzahlungen steuerfinanziert. Nur fünf Prozent kommen aus freiwilligen Mitgliedsbeiträgen. Durch die Steuerfinanzierung entstehen starke Anreize, sich freiwillig zu versichern. Außerdem gibt es in Schweden eine öffentliche Grundsicherung, die unabhängig von einer Kassenmitgliedschaft gezahlt wird sowie die Möglichkeit, direkt bei den Gewerkschaften noch eine weitere Zusatzversicherung abzuschließen, um das Arbeitslosengeld zu erhöhen. Viele Berufsgruppen genießen diese private Zusatzversicherung kollektiv als Teil ihres Tarifvertrags.

In den meisten europäischen Ländern ist der Organisationsgrad der Gewerkschaften niedrig und rückläufig. In den Ländern mit Gent-System hingegen ist der Organisationsgrad seit Jahrzehnten hoch und relativ konstant, obwohl man auch als Nichtgewerkschafts-Mitglied in eine Arbeitslosenkasse einzahlen kann. In der subjektiven Wahrnehmung sind Gewerkschaften und Arbeitslosenkassen in diesen Ländern immer noch stark verknüpft. Zudem sind die zusätzlichen Kosten, die für eine Gewerkschaftsmitgliedschaft anfallen, für Arbeitnehmer, die ohnehin in die Arbeitslosenversicherung einzahlen, sehr gering. Schließlich bieten die Gewerkschaften Zusatzleistungen für ihre Mitglieder an (zum Beispiel Beratung) und haben gute Kontakte zu den Arbeitgebern, so dass in der Praxis Gewerkschaftsmitglieder bei der Arbeitsplatzvergabe bevorzugt werden, auch wenn die Gewerkschaft nicht aktiv an der Vermittlung beteiligt ist.
Mitarbeit: Paula Hellmich

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