Beschäftigtenbefragung 2013 Image

Obwohl Deutschlands größte Gewerkschaft die Ergebnisse ihrer Beschäftigtenbefragung erst sorgfältig mit der Basis diskutieren will, ist ihr zweiter Vorsitzender Jörg Hoffmann bereits konkret geworden. Er forderte eine neue Debatte über die Arbeitszeit und will dies auch zu einem Thema der Tarifpolitik machen. Offen ist allerdings, wann dies geschehen soll. Die nächsten Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektro-Industrie dürften gegen Ende des Jahres beginnen, weil der derzeit gültige Entgelttarifvertrag zum 31.12.2014 ausläuft.

Die IG Metall verhandelt in den Bereichen Eisen und Stahl, Metall und Elektro, Textil und Bekleidung sowie Holz und Kunststoff. In diesen Branchen sehen die Tarifverträge Wochenarbeitszeiten zwischen 35 und 40 Stunden vor. Gemäß der Umfrage, an der Beschäftigte aller Branchen teilnahmen, haben 8 Prozent der Befragten eine vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit von weniger als 35 Stunden, 52 Prozent liegen bei 35 Stunden und 40 Prozent darüber.

Die längeren Arbeitszeiten gelten in Branchen mit einer tariflichen Wochenarbeitszeit von mehr als 35 Stunden (z. B. in der ostdeutschen Metall- und Elektro-Industrie, wo tariflich die 38-Stunden-Woche gilt) und vor allem bei Beschäftigten mit höherer Qualifikation. Im größten Organisationsbereich der Gewerkschaften sehen die Tarifverträge für bestimmte Beschäftigtengruppen auch explizit längere Arbeitszeiten vor. In der Metall- und Elektro-Industrie können die Betriebe mit einzelnen Mitarbeitern individualrechtlich vereinbaren, deren persönliche Arbeitszeit auf bis zu 40 Stunden in der Woche auszuweiten. Dieser Anteil ist grundsätzlich je nach Tarifgebiet auf 13 bis 18 Prozent der Belegschaft beschränkt. Eine Ausnahme bilden Betriebe, in denen mehr als jeder zweite Mitarbeiter hochqualifiziert ist. Dort können mit bis zu 50 Prozent aller Mitarbeiter 40-Stunden-Verträge vereinbart werden.

Die IG Metall hat die Beschäftigten danach gefragt, inwieweit die vertraglichen Arbeitszeiten auch eingehalten werden (Tabelle 2). Den Angaben der Befragten zufolge stimmen die tatsächlich geleistete und die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit häufig nicht überein. So arbeiten lediglich 32 Prozent der Beschäftigten, für die eine 35-Stunden-Woche gilt, auch tatsächlich so viele Stunden. Ein kleiner Anteil von 4 Prozent arbeitet kürzer, fast zwei Drittel (64 Prozent) länger. Von den Beschäftigten mit einer vereinbarten 40-Stunden-Woche arbeiten ebenfalls 57 Prozent länger. Auch bei anderen Gruppen zeigt sich, dass Arbeitszeiten, die über das vertraglich vereinbarte Maß hinausgehen, häufiger vorkommen als Arbeitszeiten, die darunter liegen. Die IG Metall betrachtet diesen Befund mit Sorge. Überlange Arbeitszeiten würden auf Dauer die Gesundheit gefährden und sie seien Ausdruck eines Leistungsdrucks, der die Beschäftigten mit Arbeitsanforderungen konfrontiere, die oberhalb des vertraglich vereinbarten Arbeitspensums liegen.

Allerdings ist unklar, ob die Differenz zwischen tatsächlichen und vereinbarten Arbeitszeiten wirklich eine übermäßige Belastung anzeigt. Sie signalisiert lediglich, dass der Arbeitsalltag mit einer festen Wochenarbeitszeit oftmals nicht vereinbar ist. Bei einer guten Auftragslage können Überstunden anfallen, die häufig vergütet werden oder in Arbeitszeitguthaben fließen. Zu der Frage, ob dies für die Beschäftigten (dauerhaft) belastend ist, liefert die Umfrage aber keine unmittelbare Antwort. Laut der Umfrage werden viele Beschäftigte häufig mit kurzfristigen Änderungen ihrer Arbeitszeit konfrontiert, ohne dies als besonders belastend zu empfinden. Insgesamt geben 78 Prozent der Befragten an, mit der geforderten Flexibilität gut umgehen zu können.

Für die künftige arbeitszeitpolitische Strategie der Gewerkschaft scheint allerdings wichtiger zu sein, dass bei vielen Beschäftigten die tatsächlichen und die gewünschten Arbeitszeiten auseinanderfallen (Tabelle 3). Es fällt auf, dass sich 45 Prozent der Befragten eine Arbeitszeit von 35 Stunden wünschen, also die Arbeitszeit, die für die IG Metall lange Zeit eine entscheidende strategische Rolle spielte. Ein knappes Drittel (32 Prozent) wünscht längere Arbeitszeiten, ein knappes Viertel hingegen kürzere (23 Prozent). Im Vergleich zur tatsächlichen Arbeitszeit fallen die größten Differenzen bei der 35-Stunden-Woche und bei den Arbeitszeiten von über 40 Stunden aus. Tatsächlich arbeiten nur 18 Prozent 35 Stunden, wollen tun dies aber 45 Prozent. Und es arbeiten 73 Prozent länger als 35 Stunden, wollen tun dies aber nur 32 Prozent.

Die IG Metall zieht daraus die Forderung nach „reduzierter Vollzeit“. Es sei auffallend oft der Wunsch nach abgesenkten Arbeitszeiten von 30 Stunden in der Woche geäußert worden. Dies sei besonders bei Frauen zu beobachten. Mit einer „reduzierten Vollzeit“ könne ein entscheidender Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie geleistet werden. Ob dafür ein Lohnausgleich gefordert werden solle, ist nach Angaben von Jörg Hoffmann allerdings offen.

Überzeugend ist die Forderung nach „reduzierter Vollzeit“ nicht. Unbestritten ist, dass Arbeitszeitpolitik schon aus demografischen Gründen heraus dazu beitragen sollte, die Erwerbsneigung positiv zu beeinflussen. Dazu bedarf es aber keiner „reduzierten Vollzeit“. Notwendig sind betriebsspezifische und individuelle Regelungen. So belegt der Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2013, dass Teilzeitbeschäftigung und flexible Arbeitszeitmodelle weit verbreitet sind. Zudem sind die Beschäftigten bei der Festsetzung der Lage der Arbeitszeit beteiligt. Der Monitor zeigt zum Beispiel, dass in drei von vier Betrieben individuell festgelegte Arbeitszeitmodelle erlauben, familiäre und berufliche Verpflichtungen miteinander zu vereinbaren. Es überrascht daher wenig, dass einer Umfrage des Familienministeriums zufolge 85 Prozent der berufstätigen Eltern im Jahr 2013 mit der Lage und Länge ihrer Arbeitszeiten zufrieden waren.

Auch aus einer Umfrage unter knapp 1.100 Beschäftigten in der Metall- und Elektro-Industrie, die im Spätsommer 2012 vom Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag von Gesamtmetall durchgeführt wurde, lässt sich kein zusätzlicher tarifpolitischer Handlungsbedarf ableiten. Nach dieser Umfrage haben 42 Prozent der Beschäftigten der Branche flexible Arbeitszeiten. Dieser Anteil ist seit zehn Jahren stabil. Das gilt auch für die Grundhaltung gegenüber flexiblen Arbeitszeiten. Fast zwei Drittel sind überzeugt, dass ein moderner Betrieb flexible Arbeitszeiten benötigt und durch sie Beruf und Familie besser vereinbar werden. 58 Prozent sehen als Vorteil, dass sich der Arbeitsanfall und die Arbeitszeiten besser miteinander abstimmen lassen. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die eine völlig konstante tägliche Stundenzahl wünschen, seit 2001 von 33 auf zuletzt 28 Prozent gesunken. Eine große Mehrheit von 59 Prozent der Beschäftigten favorisiert eine Mehrarbeit an bestimmten Tagen, die an anderen durch Freizeit ausgeglichen wird. Dieser Anteil lag 2002 bei lediglich 50 Prozent.

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Im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierten Dialogs „Arbeit 4.0“ werden gegen Ende dieses Jahres Vorschläge präsentiert, wie die sozialen Bedingungen und Spielregeln der zukünftigen Arbeitsgesellschaft gestaltet werden sollen. Dabei wird auch über eine Regulierung des Crowdworkings diskutiert. mehr

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Im Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften in Deutschland als Interessenvertreter der Arbeitnehmer anerkannt. Hundert Jahre später kämpfen nicht nur die deutschen Gewerkschaften gegen ihren Bedeutungsverlust. mehr

Rührei-Prinzip wird GdF zum Verhängnis
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Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in zwei Entscheidungen vom 25.8.2015 das Arbeitskampfrecht weiterentwickelt – jeweils am Streik der Fluglotsen (1 AZR 875/13 und 1 AZR 754/13). Am 26.7.2016 ist die dritte Lotsenstreik-Entscheidung ergangen (1 AZR 160/14), mit der seit längerer Zeit einmal wieder ein Streik für rechtswidrig erkannt und hieraus eine Schadensersatzpflicht der streikenden Gewerkschaft abgeleitet worden ist. mehr