Arbeitskampf bei Amazon Image
Im Amazon-Warenlager in Pforzheim beschäftigt die Firma mehrere hundert Mitarbeiter. Foto: killerbayer/iStock

Amazon setzt im Handel nicht nur stationäre Händler unter Druck, sondern beeinflusst auch die kommunale Wirtschaftsstruktur („verödende Innenstädte“) und unterhöhlt die Standards von guter Arbeit sowie rechtlich verbriefte Mitgestaltungsmöglichkeiten. Keine Frage: Amazon bezahlt aufgrund des zähen Widerstands der Beschäftigten nicht mehr die niedrigsten Löhne und schafft (strategisch wohl kalkuliert) in strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite versucht das Management aber, die Arbeitsbedingungen mehr oder weniger willkürlich zu diktieren. Damit greift Amazon die in Deutschland geltenden grundlegenden Arbeitnehmerrechte ebenso an wie die eingespielten sozialpartnerschaftlichen Umgangsformen. Das hat Auswirkungen über Amazon hinaus. Es ist daher nötig, das Unternehmen auch mit dem Engagement möglichst breiter gesellschaftlicher Kreise in die Schranken zu weisen. Dabei ist auch die Solidarität der Kunden gefragt.

Die Beschäftigten erleben täglich, was es heißt, für ein Unternehmen zu arbeiten, das keine Grenzen kennen will. Nach außen verbreitet Amazon die wohlklingende Rhetorik eines kooperativen Arbeitgebers. Im Inneren werden die Mitarbeiter massiv unter Druck gesetzt, um bei der körperlich extrem anstrengenden Arbeit im Schichtsystem permanent noch mehr Leistung zu erbringen. Amazon setzt durch den Einsatz vernetzter Scanner, die detaillierte Bewegungsdaten von Beschäftigten liefern, neue Standards in der lückenlosen Erfassung von Arbeitsleistungen. Die gespeicherten Daten werden zum Leistungsvergleich herangezogen. So bekommen Beschäftigte vorgehalten, sie hätten „nur“ 100 Prozent Leistung gebracht, der Kollege aber 110 Prozent. Die Beschäftigen protestieren, sie seien keine Roboter. Schlimm ist, wohin diese digitalisierungsgetriebene Unternehmenspolitik führt: Die Krankenquoten sind bei Amazon exorbitant hoch. Während die Quote bundesweit im Schnitt meist bei rund 4 Prozent liegt, erreicht sie bei Amazon je nach Standort und Jahreszeit 15 bis 25 Prozent oder mehr. Das ist ein Skandal und zeigt, wie nötig ein Tarifvertrag ist. Darin geht es nicht nur um die Bezahlung. Es geht auch um verbindliche Regelungen, die dafür sorgen, dass die Mitarbeiter nicht verheizt werden. Diese Regelungen würden auch verhindern, dass das Unternehmen eigenmächtig einfach einen Urlaubstag streicht, wie in Leipzig geschehen. Doch Amazon hat bisher grundsätzlich kein Interesse an einem Tarifvertrag. Um davon abzulenken, behauptet das Unternehmen, man sei kein Händler, sondern Logistiker.

Die in ver.di organisierten Beschäftigten setzen sich dagegen beharrlich zur Wehr. Sie nutzen viele Protestformen und diskutieren regelmäßig das weitere Vorgehen. Und Amazon gerät dadurch unter Druck: Das Unternehmen nimmt immer mehr Geld in die Hand, um sich öffentlich bei Politik und Medien als guter Arbeitgeber zu verkaufen und in diese Darstellung Beschäftigte einzubinden. Die nun kurzfristiger angesetzten Streiks an einzelnen Standorten führen dazu, dass Lieferversprechen schlechter eingehalten werden und Amazon stärker wirtschaftlich getroffen wird, weil das Unternehmen teure Maßnahmen vorhalten muss, um Streiks an Standorten abzufedern, die dann doch nicht bestreikt werden. Auch Amazons Behauptung, die Streiks wirkten sich kaum aus, ist eine Nebelkerze: Von den insgesamt rund 11.000 Beschäftigten ist pro Schicht zum Teil nur die Hälfte oder ein Drittel der Belegschaft im Dienst, der Rest hat Urlaub, ist krank oder feiert Überstunden ab. Es sind also sehr viel weniger Beschäftigte täglich im Einsatz, als Amazon suggeriert. Auch deswegen wirken die Streiks eines Teils der Belegschaft.

Die Beschäftigten haben zwar noch keinen Tarifvertrag erkämpfen können. Aber sie haben Verbesserungen durchgesetzt, die es sonst nicht gegeben hätte. In allen acht Versandzentren gibt es mittlerweile Betriebsräte. Zudem sieht sich Amazon gezwungen, die Löhne regelmäßig zu erhöhen oder ein minimales Weihnachtsgeld zu zahlen. Wie es zugeht, wenn kein gewerkschaftlicher Druck existiert, zeigt Polen: Dort zahlt Amazon rund 3,50 Euro in der Stunde – das ist auch in Polen eine Zumutung. Der Kampf der Amazon-Beschäftigten verdient breite Unterstützung. Wenn Amazon damit durchkommt, willkürlich die Rechte von Beschäftigten zu schleifen, wird das andere Arbeitgeber motivieren, Gleiches zu tun.

Eva Völpel, Pressesprecherin von ver.di

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