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Die amtliche Streikstatistik basiert auf den Meldungen bestreikter Arbeitgeber. Diese sind nach § 320 Abs. 5 SGB III dazu verpflichtet, der Bundesagentur für Arbeit Arbeitskämpfe anzuzeigen. Die amtliche Statistik unterscheidet zwischen normalen Streiks (und Aussperrungen) sowie Bagatellstreiks. Normale Streiks und Aussperrungen liegen vor, wenn in einem Betrieb mindestens zehn Arbeitnehmer beteiligt waren und der Ausstand mindestens einen Tag dauerte oder wenn die Arbeitsstreitigkeit einen Verlust von mehr als 100 Arbeitstagen verursachte. Die Statistik informiert über die Anzahl der bestreikten Betriebe, die Anzahl der Streikenden und die Anzahl der ausgefallenen Arbeitstage. Die Daten werden sektoral (nach Wirtschaftszweigen) und regional (nach Bundesländern) differenziert.

Ein Vergleich von 1991 bis 2015 zeigt, dass 2015 das konfliktreichste Jahr seit 1992 war (Grafik). Damals fielen mehr als 1,5 Millionen Arbeitstage aus. Dass im letzten Jahr so viele Tage durch Streiks verloren gingen, lag an zwei Großkonflikten: dem Konflikt über die Auslagerung der Paketzustellung auf Regionalgesellschaften bei der Deutschen Post und dem Arbeitskampf für eine bessere Bezahlung der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungswesen. Die beiden mehrwöchigen Konflikte führten zusammen zu rund 750.000 Ausfalltagen, davon schätzungsweise 550.000 bei der Deutschen Post und 200.000 bei Kindergärten und Kitas. Die genaue Anzahl der Ausfalltage lässt sich der amtlichen Statistik nicht entnehmen, da die beiden Bereiche nicht eigens ausgewiesen werden.

Neben diesen beiden Großkonflikten gab es viele kleinere Konflikte. Eine überregionale Bedeutung erlangten die schon im Jahr 2014 mehrfach eskalierten Tarifrunden bei der Deutschen Bahn und bei der Deutschen Lufthansa. Dies lag aber weniger an der (amtlich nicht ausgewiesenen) Zahl an Ausfalltagen – sie lag nach eigenen Schätzungen bei der Deutschen Bahn bei etwa 24.000 und bei der Lufthansa bei rund 3.000 – als an den dadurch verursachten negativen Drittwirkungen. Das trifft auch für einige regionale Konflikte zu, beispielsweise für den zehntägigen Ausstand an der Berliner Charité (rund 3.000 Ausfalltage) oder für den zweiwöchigen Streik im öffentlichen Personennahverkehr des Landes Brandenburg. Immerhin kamen durch die vielen kleineren Streiks fast 350.000 Ausfalltage zusammen. Das allein war schon deutlich mehr als in den letzten Jahren üblich.

Eine sektorale Unterscheidung zeigt, dass neun von zehn Tagen im Dienstleistungssektor ausfielen. Damit hat sich der Trend einer Tertiarisierung des Arbeitskampfes – die Verlagerung des Arbeitskampfgeschehens vom Produzierenden Gewerbe in die Dienstleistungsbranchen – weiter fortgesetzt (Grafik). Seit 2006 entfallen zwischen 48 und 98 Prozent der Streikausfalltage auf den tertiären Sektor. Zwischen 1991 und 2005 war hingegen das Produzierende Gewerbe stärker betroffen. Haupttreiber dieser Entwicklung ist die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Ver.di war nicht nur in die meisten Großkonflikte der letzten Jahre verwickelt (2006 mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder im Öffentlichen Dienst, 2007 mit der Deutschen Telekom, 2015 mit der Deutschen Post und mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden), sondern auch in zahlreiche kleinere Konflikte. Zwischen 2007 und 2014 führte die Gewerkschaft nach eigenen Angaben insgesamt 1.141 Arbeitskämpfe. Seit 2005 gehen jährlich zwischen 36 und 97 Prozent aller streikbedingt verlorenen Arbeitstage auf das Konto von ver.di. Damit hat die Dienstleistungsgewerkschaft die IG Metall als konfliktfreudigste Gewerkschaft abgelöst.

Eine Auswertung nach Bundesländern zeigt große Unterschiede. Im Jahr 2015 fielen (ohne Bagatellstreiks) in Nordrhein-Westfalen und in Bayern die meisten Arbeitstage aus. In Nordrhein-Westfalen waren es gerundet 229.000 und in Bayern 197.000 Streiktage. Die wenigsten Arbeitsausfälle verbuchten Thüringen (11.000), Mecklenburg-Vorpommern (14.000) und das Saarland (15.000). Auch im Zehn-Jahres-Vergleich war Nordrhein-Westfalen Streikregion Nummer 1. Zwischen 2006 und 2015 gingen im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland insgesamt 538.000 Arbeitstage arbeitskampfbedingt verloren, in Baden-Württemberg 353.000 und in Bayern 332.000. Auf diese drei Bundesländer entfielen fast 50 Prozent aller bundesweit gemeldeten Streikausfalltage.

Der regionale Vergleich stellt sich anders dar, wenn berücksichtigt wird, dass die Anzahl der Arbeitnehmer zwischen den Bundesländern beträchtlich streut. Um diesen Größeneffekt auszuschalten, werden die Ausfalltage normiert und je 1.000 Beschäftigte angegeben. Bei einer solchen Normierung liegen die nördlichen Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2015 mit durchschnittlich 38 Ausfalltagen an der Spitze, gefolgt von Hessen mit 37 Tagen (Grafik). Nordrhein-Westfalen kommt je 1.000 Arbeitnehmer auf lediglich 27 und Bayern auf 30 Tage. Am friedlichsten blieb es mit durchschnittlich 14 Ausfalltagen in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Im Zehn-Jahres-Vergleich liegen Rheinland-Pfalz und das Saarland mit jahresdurchschnittlich zwölf Ausfalltagen an der Spitze. Die friedlichsten Regionen waren Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Sachsen. Die Spitzenstellung der Region Rheinland-Pfalz und Saarland hängt mit einer überproportionalen Betroffenheit dieser Region im Tarifstreit des Öffentlichen Dienstes 2006 zusammen.

Um die Frage zu beantworten, ob 2015 ein Ausnahmejahr war oder Tarifauseinandersetzungen auch in Zukunft immer härter geführt werden, ist ein Blick auf die Streikursachen hilfreich. Das Arbeitskampfvolumen wird sehr stark durch Großkonflikte geprägt. Solche Großkonflikte sind in der Industrie selten geworden, weil die vernetzte Produktion überaus störanfällig ist und die Tarifparteien ein Interesse am Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit gut bezahlter Arbeitsplätze haben. An längeren Eskalationen sind weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeber(verbände) interessiert. Der Tertiarisierungsprozess zeigt, dass dies für den Dienstleistungssektor weitaus weniger gilt. Hier fehlt es an einer gemeinsamen Auffassung der Tarifparteien darüber, dass Streiks beiden Seiten schaden. Hinzu kommt, dass Besitzstände aus Zeiten monopolartiger Marktstrukturen vehement verteidigt werden und die Konkurrenz durch Spartengewerkschaften vor allem ver.di unter Erfolgsdruck setzt. Schließlich sieht ver.di im Arbeitskampf eine Möglichkeit, neue Mitglieder zu werben.

Demnach wirken verschiedene strukturellen Faktoren, die das tarifpolitische Klima in den Dienstleistungssektoren belasten. Mit dem Tarifeinheitsgesetz hat der Gesetzgeber eine Regelung verabschiedet, um Tarifkonflikte zu befrieden und die Rivalität zwischen Gewerkschaften zu begrenzen. Das Gesetz wird aber nicht verhindern, dass Tarifkonflikte eskalieren, sobald Besitzstände auf den Prüfstand gestellt werden. Im laufenden Jahr drohen keine Großkonflikte. Bisher gab es nach Angaben der Gewerkschaften rund eine Million Streikteilnehmer, vor allem im Öffentlichen Dienst und in der Metall- und Elektro-Industrie.

Ansprechpartner

13. Februar 2017

M+E-Strukturbericht Markterschließung versus KostensenkungArrow

Die deutsche M+E-­Industrie ist stark globalisiert. Neben den Exporten werden dabei ausländische Produktionsstandorte immer wichtiger. Schon seit Jahren steigen die Direktinvestitionen im Ausland schneller als der inländische Kapitalstock. Arbeitskosten spielen dabei wieder eine größere Rolle. mehr auf iwd.de

Ökonomische Auswirkungen der Familienarbeitszeit auf die Metall- und Elektro-Industrie
Gutachten, 9. Februar 2017

Holger Schäfer Ökonomische Auswirkungen der Familienarbeitszeit auf die Metall- und Elektro-IndustrieArrow

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7. Februar 2017

M+E-Strukturbericht Erfolgsstory mit ungewisser ZukunftArrow

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