Arbeitsbedingungen in Textilfabriken Südostasiens Image

Im September 2012 erstickten mehr als 300 Menschen beim Brand von zwei Textilfabriken in Pakistan, zwei Monate später kamen mehr als 100 Personen bei einem Brand der Tazreen Fashion Fabrik in Bangladesch um und im Januar 2013 starben weitere sieben Menschen bei einem Brand während der Mittagspause in der ebenfalls in Bangladesch ansässigen Fabrik Smart Export Garments. Um derartige Wiederholungen zu vermeiden, haben Gewerkschaften und die internationale Organisation Clean Clothes Campain Brandschutzabkommen entwickelt, über die derzeit mit europäischen und amerikanischen Bekleidungsfirmen verhandelt wird. Im Falle einer Einigung würden erstmals Gewerkschaften und Organisationen aus den Produktionsländern erlaubt, Textilfabriken zu kontrollieren.

Bangladesch ist mit einem Anteil von knapp 10 Prozent nach China und der Türkei der drittgrößte Exporteur von Textilien nach Europa. Auf die Textilproduktion entfallen 80 Prozent des bangladeschischen Exports. Die etwa 4.500 Fabriken der Branche beschäftigen etwa 3,6 Millionen überwiegend weibliche Personen. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken der Branche, die etwa vier Millionen Personen beschäftigen, gelten als besonders schlecht. Die Grundarbeitszeit von 8 bis 17 Uhr ist akzeptabel, aber häufig werden die Arbeiter gezwungen, bis zu 16 Stunden an sieben Tagen in der Woche zu arbeiten. Dafür bekommen sie nach Auskunft von ortsansässigen Fachleuten ohne Überstunden umgerechnet etwa 30 Euro im Monat, was amtlichen statistischen Angaben zufolge ein durchschnittliches Jahreseinkommen von rund 350 Euro im Jahr ergibt. Selbst mit Überstunden verdienen die Näher laut Presseberichten höchstens 45 Euro im Monat. Urlaubstage sind nicht vorgesehen.

Ein weiteres großes Problem ist, dass Frauen, die zwischen 75 und 90 Prozent der Belegschaft ausmachen, von ihren männlichen Vorgesetzen oft schikaniert, diskriminiert und sogar sexuell belästigt werden. Ein Grund für die vielen Missstände in den Textilfabriken Bangladeschs ist das fehlende Mitspracherecht der Mitarbeiter. Nur 2 Prozent aller Textilbetriebe vor Ort haben einen eigenen Betriebsrat. Bei den restlichen Fabriken ist ein solcher Betriebsrat nicht erwünscht oder wird mit Gewalt zerschlagen. Ähnliches gilt für den Zugang von Gewerkschaften zum Betrieb. Nach Angaben der International Trade Union Confederation (ITUC) werden in der Textilindustrie Bangladeschs die Bemühungen um die Gründung von Arbeitnehmervereinigungen kontinuierlich vereitelt und die Organisatoren entlassen. Dabei sieht die Verfassung des Landes das Recht auf die Gründung von und den Beitritt zu Gewerkschaften ausdrücklich vor. Es bestehen jedoch zahlreiche Beschränkungen. Eine Gewerkschaftsgründung ist nur auf der Betriebs- oder Unternehmensebene möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass Gewerkschaftskandidaten Beschäftigte oder ehemalige Beschäftigte eines Unternehmens oder einer Unternehmensgruppe sein müssen. Um registriert und damit offiziell anerkannt zu werden, müssen 30 Prozent der Beschäftigten eines Betriebs Mitglied einer Gewerkschaft sein. Jede Gewerkschaft kann aufgelöst werden, sobald ihr Mitgliederstand unter diesen Prozentsatz fällt. Ein Streik ist möglich, wenn sich drei Viertel der Gewerkschaftsmitglieder dafür aussprechen. In neu eingerichteten Betrieben, die entweder ausländischen Investoren gehören oder Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Investoren sind, sind Streiks nach Angaben von ITUC jedoch für eine Dauer von drei Jahren ab dem Datum ihrer Geschäftsaufnahme verboten.

Mangelnde Arbeitnehmerrechte schlagen sich auch in unzureichenden Sicherheitsstandards nieder. Es fehlt den Fabriken nicht nur an Sprinkleranlagen, Feuerlöschern, Notbeleuchtung oder funktionierenden Feuertüren; auch die normalen Ausgänge sind zu eng, um als Fluchtweg genutzt werden zu können. Aus Kostengründen sind die Räume oft viel zu klein für die vielen Näherinnen.

Um diese Missstände zu beseitigen, sind westliche Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen gefragt. Die Unternehmen müssen ihre Produktionsfirmen effektiver kontrollieren und mehr Transparenz über ihre Lieferketten einfordern. Oder sie eröffnen zusammen mit Partnern vor Ort in Süd- und Südostasien Fabriken. Notwendig sind ferner Qualitätssiegel, die dem Käufer zeigen, woher das Produkt, was er kaufen will, kommt und ob es in fairer Produktion hergestellt wurde. Das Problem an den bestehenden Siegeln ist, dass es eine Vielzahl gibt, die sich auf ganz unterschiedliche Aspekte beziehen. Neben einem Siegel für „fair trade“ gibt es Umweltzertifikate, Siegel für Schadstofffreiheit (z.B. Ökotex) oder für faire Bezahlung.

Hilfe bekommen die Unternehmen nun vom Modeverband „German Fashion“. Der Deutsche Modeverband hat das Projekt „Tradegood“ gestartet, mit dem ein positiver Einfluss auf die Produktionsbedingungen in Fernost genommen werden soll. Eine Datenbank gibt Auskunft über mehr als 20.000 verifizierte Lieferanten, die sich in der Vergangenheit als seriöse Geschäftspartner bewährt haben. Dazu werden alle Angaben der Produzenten auf Richtigkeit überprüft. Mithilfe von Bildern der Produktionsanlagen, dem Nachweis von Business-Lizenzen, Zertifikaten oder Aussagen über das Qualitätsmanagement kann sich jedes Mitgliedsunternehmen umfassend informieren.

Eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen und höhere Löhne für die Näherinnen würden nur zu einem geringen Aufschlag bei den Preisen für Textilien führen. Der Lohnkostenanteil an einem in Osteuropa gefertigten Anzug liegt bei 8 Prozent (siehe Grafik Seite 2), bei einem Hemd sind es lediglich 5 Prozent. Die Materialkosten belaufen sich bei einem Qualitätsanzug auf rund 15 Prozent. Die größten Kostenblöcke sind neben der Mehrwertsteuer die Deckungsbeiträge der Händler. Dass dieser beim Endhändler dreimal so groß ausfällt wie beim Konfektionisten, hängt damit zusammen, dass dieser davon das Marketing finanzieren muss. Außerdem handelt es sich um eine kalkulatorische Marge, die nur realisierbar ist, wenn der Anzug ohne Preisnachlass verkauft werden kann. Bei Billigtextilien aus Bangladesch dürfte der Lohnkostenanteil niedriger sein. Nach Berechnungen des Worker Rights Consortium würden Investitionen von 3 Milliarden US-Dollar, die nach Schätzungen des Instituts die Sicherheitsstandards in den Nähfabriken Bangladeschs auf den Standard im Westen bringen würden, den Preis je Kleidungsstück aus Bangladesch um lediglich 10 US-Cents verteuern. Bei einem Billig-T-Shirt würde das den Preis um nicht einmal 2 Prozent verteuern. Das sollte für die Konsumenten kein Problem sein. Bei höherwertigen Produkten können die notwendigen Preisaufschläge allerdings größer ausfallen. Somit hängt eine substanzielle Verbesserung der Arbeitsbedingungen auch davon ab, in welchem Umfang die Kunden bereit sind, mehr Geld für ihre Kleidung zu zahlen. Um die Konsumenten zu sensibilisieren, muss ihnen veranschaulicht werden, was in den Textilfabriken Südostasiens vor sich geht und wie die Menschen dort arbeiten und leben.

Arbeitskosten in der Textilindustrie

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) erstellt jährlich für den Gesamtverband Textil+Mode einen internationalen Arbeitskostenvergleich für die Textil- und Bekleidungsindustrie. Der Vergleich berücksichtigt neben den europäischen Ländern auch große Textilimportländer wie die Türkei oder China. Für die Textilindustrie zeigt der internationale Arbeitskostenvergleich eine gewaltige Spanne (Grafik unten). Während eine Arbeitsstunde in Deutschland im Jahr 2011 fast 26 Euro und in Italien gut 23 Euro kostete, lagen die Kosten in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern zwischen 2,56 (Bulgarien) und 4,42 Euro (Ungarn). In den beiden größten Textilimporteuren nach Europa, in China und in der Türkei, beliefen sich die Arbeitskosten auf umgerechnet 2,13 und 3,88 Euro. Inzwischen ist ein Teil der Textilproduktion von China in noch billigere asiatische Länder abgewandert.

Grundlage der Berechnungen für die EU-Länder ist die internationale Arbeitskostenerhebung des europäischen Statistikamts Eurostat. Diese enthält jeweils Angaben zu den Arbeitskosten in der Textil- und Bekleidungsindustrie. Das IW schreibt die Daten von Eurostat, die zuletzt für 2008 veröffentlicht wurden, fort. Grundlage hierfür ist die Entwicklung der Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe. Für Deutschland werden darüber hinaus Ergebnisse aus den nationalen Strukturberechnungen berücksichtigt.
Bei den nicht europäischen Ländern ist die Datenbank des International Labour Office die wichtigste Quelle. Auch hier werden die offiziellen Werte mithilfe der Arbeitskosten- und Verdienstentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe fortgeschrieben. Insgesamt ist die Datensicherheit bei den „exotischen“ Ländern aber schlechter, zumal Arbeitszeitangaben zum Teil geschätzt wurden mussten.

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Die Deutsche Lufthansa und ihre Tochter Eurowings liegen im Dauerclinch mit den Gewerkschaften. Seit 2014 sind für den Konzern etwa 550 Millionen Euro an Streikkosten angefallen. Allein die vier Streiks seit September dürften 100 Millionen Euro verschlungen haben. Dieses Geld fehlt nicht nur den Aktionären, sondern kann auch nicht in höhere Gehälter fließen. mehr