Gewerkschaften
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Den Arbeitnehmerorganisationen in Deutschland schwimmen allmählich die Felle davon. Waren 1991 im DGB noch 11,8 Millionen Personen organisiert, sank die Zahl bis 2008 auf 6,37 Millionen, was einem Rückgang von fast 50 Prozent entspricht. Wie gut das Standing der Gewerkschaften im Arbeitnehmerlager überhaupt noch ist und wie es sich in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hat, zeigt eine spezielle Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Das SOEP ist eine jährliche Haushaltsbefragung, an der jeweils rund 20.000 Personen in Deutschland teilnehmen. Gewerkschaftsfragen werden dabei alle drei bis vier Jahre gestellt.

Von 1998 bis 2007 ist eine deutliche Verringerung der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer erkennbar. Ihr Anteil reduzierte sich von 23,1 auf 17,8 Prozent. Besonders starke Verluste sind in Ostdeutschland zu verzeichnen. Seit 1998 ist der Arbeitnehmeranteil dort um 7,7 Prozentpunkte gesunken – von 24,5 auf 16,8 Prozent. Dagegen sank der Anteil westdeutscher organisierter Arbeitnehmer um 5,1 Prozentpunkte (von 23,2 auf 18,1 Prozent).Hinsichtlich der sozio-demografischen Merkmale zeigen sich deutliche Unterschiede: Bei der Altersstruktur fällt auf, dass 1998 noch 47,3 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer unter 41 Jahre waren. Im Jahr 2007 betrug ihr Anteil nur noch 28,8 Prozent. Der Organisationsgrad der unter 41-Jährigen ist um mehr als 7 Prozentpunkte gesunken. Diese Ergebnisse machen deutlich, dass Gewerkschaften besondere Schwierigkeiten haben, jungen Nachwuchs zu rekrutieren.

Eine weitere Problemgruppe stellen die Arbeiter dar. Ihr Organisationsgrad lag zuletzt bei 22,4 Prozent. Das war zwar höher als bei den Angestellten, die nur zu 13,6 Prozent organisiert sind, aber deutlich niedriger als bei den Beamten, die zu 30,5 Prozent organisiert sind (Grafik). Während der Anteil Angestellter von 1998 bis 2007 um 3,5 Prozentpunkte und der der Beamten nur um 1 Prozentpunkt sank, reduzierte sich der Organisationsgrad der Arbeiter um 7 Prozentpunkte.

Damit hat sich auch das Verhältnis von Arbeitern und Angestellten innerhalb der Gewerkschaft verschoben. Seit 2007 gibt es unter den abhängig beschäftigten Gewerkschaftsmitgliedern erstmalig deutlich mehr Angestellte als Arbeiter. Während 1998 52,1 Prozent unter ihnen noch Arbeiter, 38,5 Prozent Angestellte und 9,3 Prozent Beamte waren, hat sich das Verhältnis in 2007 wie folgt geändert: Nur noch 38,7 Prozent der abhängig beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder sind Arbeiter, 45,2 Prozent Angestellte und 15,9 Prozent Beamte.

Die Gewerkschaften haben strukturelle Probleme auch bei der Organisierung von Frauen und Teilzeitbeschäftigten, wobei dies aufgrund der höheren Teilzeitpräferenz von Frauen eng miteinander zusammenhängt. Grundsätzlich gilt aber: Die Gewerkschaften müssen in allen Bereichen Verluste verzeichnen. So sank der Organisationsgrad der Vollzeitbeschäftigten in den letzten zehn Jahren von 25,2 auf 20,5 Prozent, die der Männer von 27,9 auf 22,5 Prozent und die der Frauen von 16,7 auf 12,9 Prozent. Nur die geringfügig Beschäftigten steigerten ihren Nettoorganisationsgrad – um 1 Prozentpunkt.

Die empirischen Befunde zeigen: Das typische Gewerkschaftsmitglied, den männlichen vollzeitbeschäftigten Facharbeiter gibt es immer weniger. Damit haben es die Gewerkschaften nicht nur versäumt, die veränderte Beschäftigungsstruktur – relativ mehr Angestellte im Dienstleistungssektor und relativ weniger Arbeiter in der Indus-trie – in der Mitgliedschaft abzubilden. Sie verlieren auch in ihren Domänen immer mehr Mitglieder.

Dr. Hagen Lesch

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