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Spätestens seit der Finanzkrise sind die ökonomische Forschung und Politikberatung zunehmender Kritik ausgesetzt. Zu realitätsfern sei das in den meisten Modellen zugrunde gelegte Menschenbild des Homo oeconomicus, des vollständig rationalen Akteurs. Die politischen Handlungsempfehlungen seien nicht umsetzbar oder gar schädlich, wenn der Blick für das tatsächliche Verhalten von Menschen und Märkten verloren ginge.

Immer stärker rücken daher interdisziplinäre Analysen menschlichen Verhaltens in den Vordergrund, denen sich sogar ein ganzer Forschungszweig widmet: Die Verhaltensökonomik. Sie versucht, das Bild des rationalen Akteurs mit Erkenntnissen aus der Psychologie und der Soziologie anzureichern und so ökonomische Modelle der Realität näherzubringen. In Experimenten und theoretischen Analysen zeigt sie, dass Menschen nur in begrenztem Maße rational handeln. Selten haben sie die Möglichkeiten und Fähigkeiten, alle Informationen, die für eine Entscheidung relevant sind, zu sammeln und auszuwerten, da es meist schlichtweg zu viele sind. Fehleinschätzungen und Verhalten, das langfristig eher schadet als nutzt, sind häufig die Folge.

Da die Komplexität der Umwelt und ihre Veränderungsgeschwindigkeit steigen, fühlen sich manche Konsumenten zunehmend überfordert. Dies bedroht die Akzeptanz der Marktwirtschaft, deren Grundanliegen die bestmögliche Versorgung der Konsumenten mit Waren und Dienstleistungen ist. Die Gewinnerzielung der Unternehmen ist letztlich nur das Ergebnis der Befriedigung der am Markt geäußerten Bedarfe der Nachfrage. Voraussetzung für die Erfüllung dieses Versprechens ist aber die Konsumentensouveränität. Je weniger diese aufgrund von ungleichen Machtverhältnissen oder der Ausnutzung von Informationsasymmetrien durch die Anbieter gewährleistet ist, desto mehr wachsen die Zweifel an der Fairness des marktwirtschaftlichen Systems.

In der Folge greift der Staat mehr und mehr in die marktwirtschaftlichen Prozesse ein und versucht, Fehlsteuerungen und Fehlentscheidungen zu verhindern. Die Nebenwirkungen solcher Maßnahmen sind jedoch teilweise so stark, dass es insgesamt betrachtet zu einer Verminderung der Wohlfahrt kommt.

Die Verhaltensökonomik versucht deshalb, einen Mittelweg aufzuzeigen zwischen mehr staatlicher Regulierung auf der einen Seite und der Idee völlig rationaler Entscheidungen von informierten Verbrauchern auf der anderen Seite.

Es lohnt sich, über den Tellerrand der mikroökonomischen Standardtheorie zu schauen. Einige Regierungen setzen das gewonnene Wissen bereits in die Praxis um. So beraten seit einigen Jahren Verhaltensökonomen die britische und die US-Regierung. Im März 2015 nahm ein solches Team seine Arbeit auch im Bundeskanzleramt auf und soll dabei helfen, politische Maßnahmen stärker am realen menschlichen Verhalten zu orientieren – mit dem Ziel, das Leben und die Wohlfahrt langfristig zu verbessern. Kritiker argwöhnen, dass der Staat die Bürger damit manipulieren und entmündigen wolle.

Ein zentrales Anwendungsgebiet verhaltensökonomischer Erkenntnisse ist der Verbraucherschutz. Denn gerade in der Rolle als Verbraucher ist der Mensch aufgrund seines Informationsnachteils verletzlich, was durch seine eingeschränkte Rationalität noch verstärkt wird. Schutzmaßnahmen, die auf den rationalen Verbraucher abstellen – wie zum Beispiel eine bessere Informationsbereitstellung –, reichen unter Berücksichtigung neuer Forschungsergebnisse nicht aus. Praxistauglicher, moderner Verbraucherschutz, der langfristig das Wohlergehen der Bürger erhöht, muss intelligenter sein als die bisherigen staatlichen Eingriffe. Diese haben vor allem zu mehr Gesetzen, mehr Bürokratie und einer Überforderung der Konsumenten durch viele Detailregelungen geführt. Damit wurden speziell die gut informierten, rechtlich versierten oder von Anwälten beratenen Verbraucher geschützt, aber nicht die breite Masse der Konsumenten. Teilweise führte dies dann auch zur Ausnutzung von Regelungen durch findige oder dreiste Verbraucher und zu einer Verrohung der Sitten im geschäftlichen Umgang.

In der vorliegenden IW-Analyse werden zunächst die Ursachen und Ausprägungen eingeschränkt rationalen Handelns ausgemacht (Kapitel 2). Darauf aufbauend werden die bestehenden und neuen Herausforderungen und Lösungsansätze für einen modernen und effektiven Verbraucherschutz betrachtet (Kapitel 3) und anhand von ausgewählten Beispielen veranschaulicht (Kapitel 4). Hierbei wird stets die unterschiedliche Intensität der Eingriffe in die Konsumentensouveränität berücksichtigt, die von Empfehlungen und Voreinstellungen bis hin zu Verboten reichen. Leitbild ist dabei, dass marktwirtschaftliche Prozesse und die freie Entscheidung von Verbrauchern durch verhaltensökonomische Maßnahmen gestärkt werden sollen, da dies die Grundpfeiler einer freiheitlichen Ordnung sind. So werden die Wünsche der Verbraucher besser erfüllt als durch eine „One-size-fits-all“-Politik. Kapitel 5 schließt mit einem Ausblick.

IW-Analyse

Dominik Enste / Mara Ewers / Christina Heldman / Regina Schneider: Verbraucherschutz und Verhaltensökonomik – Zur Psychologie von Vertrauen und Kontrolle

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