Nicht erst seit der Veröffentlichung des Buches „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty (2014) wird in Deutschland über die Vermögensverteilung diskutiert. Debattiert wurde bereits heftig, nachdem die Ergebnisse des Vierten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung im Herbst 2012 öffentlich wurden. Danach „verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinen. Der Anteil des obersten Dezils ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen.“ (BMAS, 2013, S. XII). Im Anschluss zog insbesondere auch die Veröffentlichung der Ergebnisse der länderübergreifenden Vermögensbefragung des Eurosystem Household Finance and Consumption Survey (HFCS) der Europäischen Zentralbank (EZB) reichlich mediale Aufmerksamkeit auf sich. Demnach ist die Vermögensungleichheit in Deutschland im Vergleich mit den Staaten des Euroraums besonders hoch (European Central Bank, 2013b).

Allerdings lässt sich die Höhe der Vermögensungleichheit ohne Einordnung in den spezifischen Länderkontext kaum bewerten. Ein Teil der eingeschränkten Vergleichbarkeit liegt bereits in methodischer Natur: divergierende Betrachtungszeiträume, unterschiedliche Haushaltsgrößen sowie die unterschiedliche Erfassung sehr vermögender Haushalte in den einzelnen Befragungsländern. Insgesamt ist die Forschung zur Vermögensverteilung weit weniger standardisiert als die Veröffentlichung von Kennziffern der Einkommensverteilung, bei denen sich die Verwendung von bedarfsgewichteten Jahreseinkommen (inklusive Mietvorteile aus selbstgenutzten Wohneigentum) weitgehend als Standard durchgesetzt hat. Statistiken zur Vermögensungleichheit werden hingegen häufig auf Basis unterschiedlicher Untersuchungseinheiten (auf individueller Basis, je Erwachsenen oder auch auf Haushaltsbasis) veröffentlicht. Unbenommen dieser methodischen Unterschiede bleibt aber die Beobachtung, dass die Ungleichheit der Vermögensverteilung deutlich höher ist als die Ungleichverteilung der Einkommen. Besitzen die vermögensreichsten 10 Prozent beinahe 60 Prozent der gesamten Nettovermögen, vereinnahmen die einkommensreichsten 10 Prozent gerade einmal etwas mehr als ein Fünftel der bedarfsgewichteten Nettoeinkommen (Abbildung 1). Hierbei ist anzumerken, dass hohe Ein-kommen zwar in der Tendenz mit hohen Vermögen einhergehen, die beiden Gruppen aber keineswegs identisch sind (Niehues/Schröder, 2012). Vergleicht man darüber hinaus die in den Medien präsentierten Ungleichheitsmaße, dann beträgt der Gini-Koeffizient der individuellen Nettovermögen im Jahr 2012 gemäß der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) 0,78. Damit liegt er um das 2,7fache über dem Gini-Koeffizienten der bedarfsgewichteten Nettoeinkommen.

Um diese großen Unterschiede zu bewerten, stellt sich die Frage, wodurch die höhere Vermögensungleichheit zustande kommt. Da der Vermögensaufbau eine gewisse Ansparzeit erfordert, liegt es nahe, den Einfluss des Alters auf die individuelle Vermögenshöhe zu untersuchen. Gemäß der Lebenszyklustheorie steigt die Vermögenshöhe zunächst in der Erwerbsphase an, um dann im Ruhestand zur Glättung des Lebenszeitkonsums aufgelöst zu werden. Der Teil der Ungleichheit, der rein auf Altersunterschiede zurückgeht, ist dabei aus Gerechtigkeitsperspektive weniger kritisch zu beurteilen, als die Ungleichheit innerhalb einer Altersgruppe. Auch bei der Einkommenshöhe ist eine Abhängigkeit vom Lebensalter zu erwarten. Daher soll in dieser Analyse der Frage nachgegangen werden, ob Alterseffekte bei der Vermögenshöhe eine größere Rolle spielen als beim Einkommen und dadurch die großen Niveauunterschiede in der Vermögensungleichheit im Vergleich zu der Ungleichheit der Einkommen erklärt werden können.

Kurzstudie für die Carl-Deilmann-Stiftung

Judith Niehues: Vermögensverteilung und Altersgruppeneffekte – Eine Dekompositionsanalyse

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