Deutschland sieht sich derzeit mit zwei Entwicklungen konfrontiert, die die Wirtschaft nachhaltig verändern werden. Der erste dieser Trends ist die immer weiter zunehmende Automatisierung von Arbeitsprozessen durch die Weiterentwicklung der Digitaltechnik und die Verschmelzung der virtuellen Welt mit der physikalischen Welt, die in Fachkreisen bereits als vierte industrielle Revolution bezeichnet wird. Dies führt dazu, dass in Deutschland immer mehr einfache Hilfs- und Helfertätigkeiten obsolet werden. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die Globalisierung, in deren Rahmen standardisierte Fertigungsschritte in Niedriglohnländern und komplexe Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten in hochentwickelten Ländern wie Deutschland erfolgen.

Der zweite für die deutsche Wirtschaft bedeutende Trend ist der demografische Wandel, der das Fachkräftepotenzial in Deutschland in den nächsten Jahren sinken lassen wird. Prognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge wird der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 65 Jahren an der Gesamtbevölkerung bei einer Nettozuwanderung von 100.000 Personen pro Jahr von 60,6 Prozent im Jahr 2008 auf 59,6 Prozent im Jahr 2020 und 54,4 Prozent im Jahr 2030 sinken. Insgesamt wird sich im Zeitraum von 2011 bis 2030 der Bedarf an Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung um 0,9 Millionen Personen reduzieren. Hingegen wird der Bedarf an (spezialisierten) Fachkräften selbst bei moderatem Wachstum auch in Zukunft weiter steigen. Das Angebot dürfte sich aber vor allem bei den beruflich Qualifizierten besonders stark demografisch bedingt reduzieren. Aufgrund der zunehmenden Akademisierung werden daher vor allem bei beruflich Qualifizierten Engpässe entstehen.

Für die Sicherung des Wohlstands in Deutschland wird es vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen zunehmend wichtiger, ungenutzte Arbeitskräftepotenziale zu aktivieren und, soweit notwendig, zu qualifizieren. Ein solches Potenzial liegt bei Personen, die im Bildungssystem scheitern. Dabei ist Bildung für die Sicherung des Wohlstands in Deutschland von besonderer Bedeutung, da sie auch das Wirtschaftswachstum positiv beeinflusst. Auch aus sozialen Gründen sollte für diese Gruppe der Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt verbessert werden. So gehen mit sehr geringen Kompetenzen und fehlenden formalen Qualifikationen weniger ehrenamtliche Arbeiten in einer Organisation, seltenere Beteiligung an lokalen Aktivitäten und geringere politische Teilhabe einher.

Obschon das Thema Bildungsarmut in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, liegt keine einheitliche Definition von „Bildungsverlierern“ vor. So werden „Bildungsverlierer“ beispielsweise als Personen definiert, die keine ausreichende Grundbildung aufweisen, aber auch als Personen, die einer „bildungsfernen Schicht“ angehören. Eine eindeutige Abgrenzung ist jedoch wichtig, um klare und aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Daher soll für dieses Kurzgutachten der Begriff „Bildungsverlierer“ mit Personen gleichgesetzt werden, die am Ende ihrer Bildungslaufbahn keinen berufsqualifizierenden Abschluss erreichen. Da der endgültig erreichte Bildungsstand frühestens in der dritten Lebensdekade beobachtbar ist, werden im Gutachten schwerpunktmäßig Personen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren betrachtet, die über keinen berufsqualifizierenden Abschluss verfügen und sich nicht mehr in Ausbildung befinden. Im Jahr 2012 traf dies auf 1,30 Millionen Personen in Deutschland zu. Das entspricht einem Anteil von 13,2 Prozent. Damit hat sich ihre Zahl gegenüber der Mitte des vergangenen Jahrzehnts deutlich reduziert. Im Jahr 2005 waren es noch 1,57 Millionen, und ihr Anteil lag mit 16,5 Prozent noch um über 3 Prozentpunkte höher

Diese Abgrenzung zählt ausdrücklich auch junge Menschen zu den „Bildungsverlierern“, die die Hochschulreife erreicht, aber im Anschluss weder ein Hochschulstudium noch eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Damit folgt das Kurzgutachten der Herangehensweise des Berufsbildungsberichts, weicht jedoch deutlich von internationalen Vergleichsstudien wie „Bildung auf einen Blick“ ab, in denen das Erreichen der Hochschulreife dem Abschluss einer Ausbildung im dualen System gleichgestellt ist (beides entspricht Stufe 3 nach der International Standard Classification of Education, ISCED). Die Untersuchung zu Bildungsverlierern ist in drei Schritte aufgeteilt. Im ersten Schritt wird in Kapitel 2 dargestellt, wie sich das Problem im regionalen und internationalen Vergleich darstellt und welche Personengruppen besonders betroffen sind. In Kapitel 3 werden Risikofaktoren während der regulären Schullaufbahn ermittelt, und es wird überprüft, wie Schulabbrüche und Kompetenzdefizite vermieden werden können. Zudem werden Entwicklungen von Nachqualifizierungsangeboten im Übergangssystem dargestellt. Kapitel 4 untersucht, welche Perspektiven junge Menschen am Arbeitsmarkt haben, die endgültig keinen berufsqualifizierenden Abschluss erreichen, und was einer stärkeren Erwerbsbeteiligung dieser Gruppe über den fehlenden Abschluss hinaus entgegensteht. Abschließend werden in Kapitel 5 die wichtigsten Ergebnisse und Ansatzpunkte für politisches Handeln nochmals kurz zusammengefasst.

Kurzgutachten für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Ina Esselmann / Wido Geis: Bildungsverlierer – Kurzstudie auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels und PISA-Daten

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26. August 2016

Regionale Armut Arme Eltern, schlechte SchülerArrow

Finanzielle Armut und Bildungsarmut gehen oftmals Hand in Hand. So zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dass in den meisten Regionen, in denen vergleichsweise viele Kinder und Jugendliche in finanziell schwierigen Verhältnissen leben, auch mehr Schüler die Schule abbrechen als anderswo. mehr auf iwd.de

Armutsgefährdete Kinder
IW-Pressemitteilung, 25. August 2016

Armutsgefährdete Kinder Bildungsarmut wird vererbtArrow

In Regionen mit hoher Armutsquote brechen viele Jugendliche die Schule ab, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Das liegt nicht an fehlenden finanziellen Mitteln der Familien, sondern an der mangelnden Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien in Kitas und Schulen. mehr

IW-Kurzbericht, 25. August 2016

Wido Geis / Christoph Schröder Armutsgefährdete Kinder und Schulabbrüche im regionalen VergleichArrow

Berechnungen des IW Köln zeigen, dass es in Regionen mit vielen armutsgefährdeten Kindern auch häufiger zu Schulabbrüchen kommt. Die Armutsgefährdung geht dabei häufig mit geringerer Bildung der Eltern einher. Damit sich durch Vererbung von Bildungsarmut die Armutsgefährdung in betroffenen Regionen nicht verfestigt, sollten flächendeckend qualitativ hochwertige Betreuungs- und Ganztagschulangebote gemacht werden. mehr