MINT-Qualifikationen sind für die Innovationskraft in Deutschland von großer Bedeutung. Ein Blick auf die innovativsten Branchen in Deutschland zeigt, dass diese einen hohen Anteil an MINT-Akademikern beschäftigen. Auch die Erwerbstätigkeit von beruflich qualifizierten MINT-Fachkräften ist in diesen Branchen sehr hoch. Daneben zeigt eine aktuelle Unternehmensbefragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dass sich die Arbeitsanforderungen aufgrund der Digitalisierung in den Unternehmen verändern und die Bedeutung von technischem Fachwissen, IT-Fachwissen und Online-Kompetenzen deutlich zunimmt. Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Nachricht, dass die Erwerbstätigkeit von MINT-Akademikern von rund 2.366.000 im Jahr 2011 auf rund 2.554.000 im Jahr 2013 und damit um rund 94.000 pro Jahr gestiegen ist. Die Dynamik der Erwerbstätigkeit aus dem Zeitraum von 2005 bis 2010 konnte damit noch einmal gesteigert werden. Bei den beruflich qualifizierten MINT-Fachkräften ist jedoch bereits aktuell ein Rückgang der Erwerbstätigkeit feststellbar. Im Jahr 2011 waren rund 9.178.000 MINT-Fachkräfte erwerbstätig, bis zum Jahr 2013 sank diese Zahl auf rund 9.106.000 und damit pro Jahr um rund 36.000 Personen.

Hoher Zuwachs vor allem bei älteren MINT-Kräften und Zuwanderern

Die Erwerbstätigkeit von älteren MINT-Kräften und von Zuwanderern ist laut aktuellem MINT-Report im Zeitraum von 2011 bis 2013 deutlich gestiegen. So nahm die Anzahl erwerbstätiger MINT-Akademiker im Alter ab 55 Jahren von rund 449.000 auf rund 511.000 zu, bei MINT-Fachkräften stieg die Erwerbstätigkeit 55plus von 1.708.000 auf 1.906.000. Der Hauptgrund dafür ist die deutlich gestiegene Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen, die bei MINT-Akademikern von 62,9 Prozent (2011) auf 66,6 Prozent und bei MINT-Fachkräften von 44,9 Prozent (2011) auf 51,1 Prozent (2013) zunahm.

Der Anteil selbst zugewanderter Personen an allen erwerbstätigen MINT-Akademikern nahm von 14,3 Prozent im Jahr 2011 auf 15,7 Prozent im Jahr 2013 zu, die entsprechende Quote bei MINT-Fachkräften stieg von 11,9 auf 12,7 Prozent. Die Zunahme ist dabei bei MINT-Fachrichtungen höher als im Durchschnitt der sonstigen Fachrichtungen.

Differenziertes Bild bei der Entwicklung der Erwerbstätigkeit von Frauen

Während die Erwerbstätigkeit von MINT-Akademikerinnen von 2011 bis 2013 sehr dynamisch von rund 477.000 auf rund 548.000 gestiegen ist, sank die Erwerbstätigkeit von weiblichen MINT-Fachkräften im selben Zeitraum von 1.064.000 auf 1.018.000. Der Frauenanteil unter den erwerbstätigen MINT-Fachkräften ging dadurch von 9,2 auf 8,7 Prozent zurück, während er unter MINT-Akademikern von 20,2 Prozent auf 21,5 Prozent zunahm. Auffällig ist auch, dass der Frauenanteil unter jüngeren erwerbstätigen MINT-Akademikern deutlich höher als unter älteren ist, während der Frauenanteil unter den MINT-Fachkräften in jüngeren Kohorten deutlich
niedriger als in älteren Kohorten ist.

Sehr gute Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen von MINT-Kräften sind weiterhin sehr gut. Im Jahr 2013 waren nach Angaben des Mikrozensus nur 10,7 Prozent der MINT-Akademiker befristet beschäftigt im Vergleich zu 12,2 Prozent der sonstigen Akademiker. MINT-Akademiker sind häufiger Vollzeit beschäftigt und mit 38,2 Prozent gegenüber 33,1 Prozent auch häufiger in leitender Position tätig als Personen sonstiger Fachrichtungen. Auch bei der Entwicklung der Löhne spiegelt sich die in den vergangenen Jahren hohe Nachfrage nach MINT-Akademikern. So stieg der durchschnittliche Monatslohn vollzeiterwerbstätiger MINT-Akademiker von 3.600 Euro im Jahr 2000 über 4.500 Euro im Jahr 2005 auf 5.100 Euro im Jahr 2013 deutlich dynamischer als der entsprechende Lohn von allen Akademikern in Vollzeit, der von 3.700 Euro in 2000 über 4.200 Euro in 2005 auf 4.600 Euro in 2013 zunahm. Auch bei MINT-Fachkräften zeigen der Zugang zu Führungspositionen, die geringe Befristungsquote sowie die gute Verfügbarkeit von Vollzeitstellen positive Arbeitsmarktsignale.

Sehr gute Perspektiven insbesondere für beruflich qualifizierte MINT-Fachkräfte

Bei MINT-Akademikern kann der aktuelle jährliche Ersatzbedarf von 52.800 aufgrund der gestiegenen Studierendenzahlen gedeckt werden. Auch bis zum Jahr 2025 dürfte der zunehmende Ersatzbedarf weiter gedeckt werden können. Neben dem Ersatzbedarf stehen auch MINT-Akademiker für eine Expansion der Erwerbstätigkeit zur Verfügung. Bleibt die Expansionsdynamik auf dem aktuellen Niveau bestehen, dürften die aktuellen Absolventenzahlen nicht ausreichen, um den Gesamtbedarf zu decken. Die bestehende hohe Zuwanderungsdynamik aus der EU und aus Drittstaaten kann neben weiteren Anstrengungen der MINT-Initiativen sowie einer gezielten Strategie zur Zuwanderung über die Hochschulen helfen, den Gesamtbedarf bis 2025 zumindest weitgehend decken zu können.

Betrachtet man den jährlichen Ersatz- und Expansionsbedarf an beruflich qualifizierten MINT-Fachkräften, so ergibt sich eine vollkommen andere Herausforderung. Allein der jährliche Ersatzbedarf an MINT-Fachkräften steigt von aktuell rund 245.300 auf rund 268.900 ab dem Jahr 2019 und rund 292.000 ab dem Jahr 2024. Auf Basis der 13. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (Variante 2) ergibt sich bei einem MINT-Anteil an einer Alterskohorte von rund 20 Prozent und einer Erwerbstätigenquote von 91,1 Prozent ein jährliches Angebot, das von rund 162.000 auf gut 143.000 in den kommenden zehn Jahren zurückgehen dürfte. Bei Verwendung
der IW-Bevölkerungsprognose, die die aktuelle Rekordzuwanderung aus dem Jahr 2015 besser abbildet, ergibt sich eine etwas größere Zahl an jungen Menschen, sodass das Neuangebot an MINT-Fachkräften von rund 167.000 auf rund 157.000 abnehmen würde. Bis zum Jahr 2020 würde damit die Erwerbstätigkeit von MINT-Fachkräften unter sonst gleichen Bedingungen um rund 469.000 bzw. 431.000 auf Basis der IW-Bevölkerungsprognose sinken. Bis zum Jahr 2025 würde ohne Gegenmaßnahmen zur Fachkräftesicherung die Anzahl erwerbstätiger MINT-Fachkräfte um gut 1,1 Millionen bzw. 1,0 Millionen auf Basis des IW-Prognosemodells
sinken.

Aktuelle MINT-Arbeitskräftelücke

Die künftige Entwicklung von Engpässen in den MINT-Qualifikationen macht sich bereits in Ansätzen bei einem Blick auf die MINT-Berufe bemerkbar. Ende April 2016 waren in den MINT-Berufen insgesamt 380.800 Stellen zu besetzen. Gleichzeitig waren bundesweit 222.347 Personen arbeitslos gemeldet, die gerne einem MINT-Erwerbsberuf nachgehen würden. Unter Berücksichtigung des qualifikatorischen Mismatch resultiert für Ende April 2016 eine über sämtliche 36 MINT-Berufskategorien aggregierte Arbeitskräftelücke in Höhe von 171.400 Personen. Mit 68.200 bzw. 67.900 hielten sich die MINT-Expertenberufe und MINT-Facharbeiterberufe dabei die Waage, gefolgt von 35.300 im Segment der Meister- und Technikerberufe. Trotz der deutlichen Beschäftigungsgewinne insbesondere bei Ausländern und Älteren ist die MINT-Arbeitskräftelücke in den letzten Monaten wieder deutlich gestiegen.

Fachkräftesicherung seit Ende 2012 durch ausländische Fachkräfte

Die Engpässe im MINT-Bereich würden jedoch noch größer ausfallen, wenn nicht das MINT-Beschäftigungswachstum von ausländischen Arbeitnehmern im Zeitraum vom 4. Quartal 2012 bis zum 3. Quartal 2015 überproportional hoch ausgefallen wäre. Die Beschäftigungsdynamik ausländischer MINT-Arbeitskräfte lag in sämtlichen MINT-Berufsaggregaten um ein Vielfaches höher im Vergleich zu ihren deutschen Pendants, bei den MINT-Akademikerberufen dreimal, bei Meistern/Technikern sechsmal und MINT-Facharbeitern gar zehnmal so hoch. Der Beitrag ausländischer MINT-Arbeitskräfte zur Fachkräftesicherung in Deutschland reicht folglich vom Elektriker bis zum Ingenieur. Wäre die Beschäftigung von Ausländern seit Anfang 2013 nur in der geringen Dynamik wie die Beschäftigung von Deutschen gestiegen, würde die Fachkräftelücke heute um knapp 66.600 höher ausfallen und damit einen Wert von 238.000 erreichen.

In regionaler Hinsicht profitieren davon vor allem die Regionen, in denen ein hoher Anteil der MINT-Beschäftigten Ausländer sind. Zum 30. September 2015 waren 11,6 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in MINT-Berufen in Baden-Württemberg Ausländer. Hohe Ausländeranteile weisen auch das Saarland mit 11,0 Prozent, Hessen mit 9,5 Prozent und Bayern mit 9,0 Prozent auf. Am Ende der Skala rangieren die ostdeutschen Bundesländer mit 2,5 Prozent in Brandenburg, 2,2 Prozent in Sachsen, 2,1 Prozent in Thüringen, 1,9 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und 1,6 Prozent in Sachsen-Anhalt. Bei der Betrachtung von Kreisen reichen die Unterschiede beim Ausländeranteil unter den MINT-Beschäftigten von 0,6 Prozent in Elbe-Elster bis 19,6 Prozent im Odenwaldkreis. Für die neuen Länder ist die geringe
Attraktivität für ausländische Fachkräfte perspektivisch ein gravierendes Problem, denn dort ist der Anteil der Beschäftigten im Alter ab 55 Jahren an allen Beschäftigten besonders groß und reicht von 18,9 Prozent in Sachsen bis 21,5 Prozent in Brandenburg. Der demografische Ersatzbedarf ist gemessen an der Gesamtbeschäftigung im Westen kleiner, der Anteil der Beschäftigten im Alter ab 55 Jahren an allen Beschäftigten beträgt in Bayern 14,7 Prozent, in Hamburg 15,6 und in Baden-Württemberg 16,2 Prozent.

Herausforderung der Digitalisierung

Das Thema Digitalisierung stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Nach einer Unternehmensbefragung des IW werden durch die Digitalisierung vor allem vermehrt kommunikative Kompetenzen sowie IT- und sonstige technische Kompetenzen benötigt. Dies bedeutet in Folge der Digitalisierung für die regionalen Wachstumsperspektiven in Deutschland Folgendes:

  • Der Anteil der über 55-jährigen MINT-Beschäftigten ist in den neuen Ländern sehr hoch, dies bedeutet dort einen besonders hohen demografischen Ersatzbedarf.
  • In den letzten Jahren gelang die Beschäftigungsdynamik in MINT-Berufen vor allem dank der Zuwanderung – die Beschäftigung von Ausländern ist deutlich dynamischer gewachsen. Der Anteil der Ausländer an allen Beschäftigten ist in den Stadtstaaten und Baden-Württemberg sehr hoch, in den neuen Ländern sehr niedrig. Aufgrund fehlender Netzwerke zu potenziellen Zuwanderern haben die neuen Länder geringere Chancen, von der künftigen Zuwanderung in punkto Fachkräftesicherung zu profitieren.
  • Schaut man spezieller auf die Verfügbarkeit von beschäftigten IT-Experten, so zeigt sich im Unterschied zu Ingenieuren, dass diese sehr stark auf Städte konzentriert sind. Von 10.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind in kreisfreien Großstädten 115 in IT-Experten-Berufen tätig, in städtischen Kreisen sind es 65, in ländlichen Kreisen mit Verdichtungsansätzen nur 28 und in dünn besiedelten ländlichen Kreisen 22. Insgesamt gibt es eine deutlich höhere Beschäftigungsdichte in Bayern mit 105, Baden-Württemberg mit 94 und Hessen mit 90 als in Sachsen-Anhalt mit 25, Brandenburg mit 24 und Mecklenburg-Vorpommern mit 20. Die Anteile sind in den Stadtstaaten Hamburg mit 121, Berlin mit 102 und Bremen mit 97 hoch, jedoch niedriger als in den kreisfreien Großstädten in Bayern mit 200, Baden-Württemberg mit 150 oder Hessen mit 130.
  • Auch bei den Potenzialen der Höherqualifizierung zeigt sich ein ähnliches Bild: in den neuen Ländern gibt es vergleichsweise wenige IT-Facharbeiter und Spezialisten, die zu IT-Experten weiterqualifiziert werden könnten (zum Beispiel 56 pro 10.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Sachsen-Anhalt). Auch hier haben Regionen wie Hessen (193), Baden-Württemberg (177) und Bayern (159) deutlich größere Potenziale.
  • Des Weiteren zeigt sich, dass die Hochschulen in städtischen Regionen gemessen an der Erwerbstätigkeit insgesamt deutlich mehr IT-Hochschulabsolventen ausbilden als in ländlichen Regionen. Auch hier liegen unter den Bundesländern Baden-Württemberg mit 89 IT-Hochschulabsolventen pro 100.000 Erwerbstätige zusammen mit Hessen mit 61 und Bayern mit 60 an der Spitze der Flächenländer. Die fünf neuen Länder bilden zusammen mit Rheinland-Pfalz und Niedersachsen hier die hinteren Positionen im Ländervergleich.
  • Die regional deutlichen Unterschiede bei demografischer Herausforderung, Zuwanderung, Verfügbarkeit von IT-Experten, IT-Höherqualifizierungspotenzialen und ITAusbildungsleistung der Hochschulen spiegeln sich wieder in Unterschieden bei der regionalen Verfügbarkeit von Breitband. An der Spitze stehen die Stadtstaaten, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Hessen. In den städtischen und halbstädtischen Regionen schneidet auch Bayern sehr gut ab. Am geringsten ist die Versorgung mit Breitband in den fünf neuen Ländern.

Fazit: Um die Wachstumschancen der Digitalisierung zu nutzen, benötigen viele Regionen in Deutschland (insbesondere der Osten) eine Stärkung der Willkommenskultur für ausländische Experten. Weiterhin sollten die neuen Länder und die ländlichen Regionen dringend die IT-Ausbildungsleistung der regionalen Hochschulen stärken sowie den Ausbau der IT-Infrastruktur (Breitband) vorantreiben.

Gutachten für BDA, BDI, MINT Zukunft schaffen und Gesamtmetall

Christina Anger / Oliver Koppel / Axel Plünnecke: MINT-Frühjahrsreport 2016 – Herausforderungen der Digitalisierung

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27. September 2016

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