Bund und Länder beschlossen 2013 in einem gemeinsamen Strategiepapier zur Internationalisierung der Hochschulen, dass bis zum Jahr 2020 jeder zweite Hochschulabsolvent studienbezogene Auslandserfahrung gesammelt haben soll und dass mindestens jeder dritter Absolvent einen Auslandsaufenthalt von mindestens drei Monaten und/oder 15 ECTS-Punkten nachweisen kann. Die Steigerung der Studierendenmobilität wurde auch im Communiqué der Bologna-Ministerkonferenz in Jerewan im Jahr 2015 als ein wichtiges Ziel definiert. Mobilität wird darin als ein sehr wirksames Mittel zur Verbesserung der Kompetenzen und Arbeitsmarktchancen der Studierenden und somit als Beitrag zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit, einem weiteren Kernziel des Bologna-Prozesses, gesehen.

Ziel der Studie und Untersuchungsfragen

Die Arbeitsmarktchancen von Bachelor- und Masterabsolventen waren bereits Gegenstand früherer Studien im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Das Hauptziel der vorliegenden Studie ist es, die Aufnahme von Hochschulabsolventen mit studienbezogener Auslandserfahrung auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu untersuchen. Darüber hinaus soll geprüft werden, inwieweit die Ergebnisse der vorangegangenen Studien noch zutreffend sind. Im Mittelpunkt stehen die folgenden Untersuchungsfragen:

  • Welche Bedeutung messen die Beschäftiger der Internationalisierung für die Entwicklung ihres Unternehmens in den nächsten fünf Jahren bei? Welche internationalen Bezüge weisen die Tätigkeiten im Unternehmen auf?
  • Wie wichtig sind internationale Kompetenzen im Vergleich zu allgemeinen Kompetenzen für die deutschen Beschäftiger?
  • Welchen Stellenwert hat die studienbezogene Auslandserfahrung im Vergleich zu ande-ren Merkmalen des Lebenslaufes im Rekrutierungsprozess?
  • Trägt die studienbezogene Auslandserfahrung nach Ansicht der Beschäftiger dazu bei, interkulturelle, studienbezogene und soziale Kompetenzen zu fördern?
  • Sind auslandserfahrene Absolventen nach Ansicht der Beschäftiger eher dazu geeignet, internationale Tätigkeiten im Unternehmen zu übernehmen als nicht auslandserfahrene Absolventen? Bewältigen auslandserfahrene Absolventen ihre beruflichen Aufgaben im Allgemeinen besser als nicht auslandserfahrene Absolventen?
  • Welche Art des studienbezogenen Auslandsaufenthaltes wird von den Beschäftigern bevorzugt?

Methodisches Vorgehen

Die Studie basiert auf einer quantitativen Befragung von 1.008 Personalverantwortlichen aus Unternehmen aller Branchengruppen und Größenklassen. Der Fragebogen wurde in enger Zusammenarbeit mit der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit im DAAD entwickelt und basiert auf eine Analyse der Forschungsliteratur sowie auf sechs ausführlichen Interviews mit Personalverantwortlichen. Die Online-Befragung wurde im Juli und August 2015 im Rahmen des IW-Personalpanels des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln durchgeführt. Seit 2010 befasst sich das IW-Personalpanel bis zu dreimal im Jahr mit verschiedenen Themen aus dem Bereich Human Resources. Dabei richtet sich das Panel an die Personalverantwortlichen in deutschen Unternehmen, die mindestens einen Mitarbeiter beschäftigen. Zum Aufbau der Stich-probe erfolgte eine Zufallsauswahl der zu befragenden Unternehmen.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Die Bedeutung der Internationalisierung für Wirtschaft und Arbeitsplätze nimmt zu
Wie aus der offiziellen Statistik hervorgeht, ist die exportorientierte deutsche Wirtschaft tief in den weltweiten Prozess der Globalisierung eingebunden. Der besonders hohe prozentuale Anteil der Exporte am BIP macht deutlich, dass Deutschlands internationale Handelstätigkeit die Basis für den Wohlstand schafft. Ein Viertel der Arbeitsplätze hängt direkt oder indirekt vom Export ab. Der gestiegene Wertschöpfungsanteil der aus dem Ausland importierten Vorleistungen in deutschen Exportprodukten verweist auf die tiefgehende Integration Deutschlands in internationale Wertschöpfungsketten. Diese Art internationaler Verflechtung wird durch das technische Potenzial der Digitalisierung noch intensiviert werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage zeigen ein wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung der Internationalisierung auf Unternehmensebene. Fast die Hälfte der Unternehmen, die Absolventen beschäftigen oder dies planen, geben an, dass die Relevanz der internationalen Aktivitäten, wie zum Beispiel der häufige Gebrauch von Fremdsprachen oder internationalen Kontakte als Teil der täglichen Arbeit, in den nächsten fünf Jahren zunehmen wird. Jedes vierte Unternehmen organisiert Arbeit in internationalen Teams, eine Organisationsform, die – nach dem Stand der Forschung – Innovationen fördert. Darüber hinaus wiesen die befragten Personalverantwortlichen in den Interviews darauf hin, dass die Zusammenarbeit in international gemischten Teams an Bedeutung gewinnt, da das Personal auch in den Unternehmen hierzulande zunehmend diversifiziert ist. Vorangegangene Studien zeigten eine positive Wirkung der internationalen Aktivitäten auf die Produktivität, Investitionsquote und Beschäftigung. Die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage unterstreichen diesen Zusammenhang: Vier von zehn Befragten geben an, dass die internationalen Aktivitäten für den Erfolg ihres Unternehmens relevant sind.

Kognitive und soziale Kompetenzen sind am wichtigsten für die Arbeitgeber
Trotz oft der großen semantischen Vielfalt in der Definition von beschäftigungsrelevanten Fähigkeiten und Kompetenzen kann eine Art gemeinsames Verständnis in der Forschungsliteratur identifiziert werden: Für die meisten Arbeitgeber umfassen die beiden wichtigsten Kompetenzen sowohl berufsspezifische Kenntnisse und Fähigkeiten als auch soziale Kompetenzen. In den meisten Arbeitgeberbefragungen erweisen sich soziale Kompetenzen wie die Fähigkeit, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft effektiv zu kommunizieren und zu kooperieren, in einer serviceorientierten und globalisierten Wirtschaft als unerlässlich. Die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage und die Interviews mit den Personalverantwortlichen bestätigen diese Feststellung. Kognitive Kompetenzen, während des Studiums erworbene methodische Fähigkeiten und Kenntnisse, soziale Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale repräsentieren drei Viertel des gewünschten Anforderungsprofils für Hochschulabsolventen. Im Vergleich zu diesen allgemeinen Kompetenzen betrachten die Personalverantwortlichen, auch diejenigen in Unternehmen mit internationalen Aktivitäten, internationale Kompetenzen wie Fremdsprachenkenntnisse, länderspezifisches juristisches und ökonomisches Fachwissen sowie interkulturelle Kompetenz als weniger wichtig. Aber die Unterscheidung zwischen allgemeinen und internationalen Kompetenzen muss in Anbetracht der Äußerungen einiger Interviewpartner in Frage gestellt werden. Interkulturelle Kompetenz wird von den Gesprächspartnern in erster Linie mit Offenheit und Toleranz im Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen assoziiert, gleichzeitig aber auch mit Offenheit im Umgang mit neuen Situationen verbunden. Für die Interviewpartner aus den Unternehmen sind diese Fähigkeiten und Einstellungen wichtig für die Arbeit im Unternehmen – unabhängig von einem bestimmten internationalen Kontext. Diese Sichtweise verweist auf eine starke Verbindung zwischen der interkulturellen Kompetenz mit den sozialen Fähigkeiten und den Persönlichkeitsmerkmalen.

Praxiserfahrung ist im Lebenslauf wichtiger als studienbezogene Auslandserfahrung
Im Hinblick auf die Bewertung der Merkmale des Lebenslaufes zu Beginn des Rekrutierungsprozesses ergeben die Literaturrecherche und die vorliegende Umfrage das gleiche Resultat: Die Arbeitgeber achten am meisten auf eine während des Studiums erworbene, für die Tätigkeit im Unternehmen relevante Praxiserfahrung, während studienbezogene Auslandsaufenthalte auch von Unternehmen mit internationalen Aktivitäten als weniger wichtig eingestuft werden. Aber wenn zwischen zwei ähnlich qualifizierten Kandidaten zu entscheiden ist, gibt die internationale Erfahrung im Durchschnitt für eines von zwei Unternehmen den Ausschlag, bei den internationalen Unternehmen mit Mitarbeitern im Ausland sogar für die Mehrheit. Für die Mehrheit der Arbeitgeber ist die Studiendauer innerhalb der Merkmale des Lebenslaufes wichtiger als die internationale Erfahrung. Dennoch wird eine Verlängerung der Studiendauer aufgrund eines studienbezogenen Auslandsaufenthaltes von der Mehrheit der Befragten akzeptiert.

Die Arbeitgeber sehen studienbezogene Auslandserfahrung als eine Möglichkeit, sowohl internationale als auch allgemeine Kompetenzen zu verbessern
Was den Einfluss der Auslandserfahrung auf die Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen betrifft, so zeigen sich in der Forschungsliteratur unterschiedliche Einschätzungen, je nachdem in welchem Maße die methodischen Probleme der Selbst-Selektivität und des Einflusses externer Faktoren berücksichtigt werden. In einigen methodisch fundierten Studien, in denen es gelingt, diese endogenen und exogenen Faktoren zu berücksichtigen, konnte ein positiver Einfluss der studienbezogenen Auslandsaufenthalte auf die Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen wie Offenheit und Verträglichkeit nachgewiesen werden. Die Befragten der vorliegenden Umfrage gehen davon aus, dass die studienbezogenen Auslandsaufenthalte mehrere Kompetenzen verbessern. Wie es zu erwarten war, wird die größte positive Wirkung für die Fremdsprachenkenntnisse und die interkulturelle Kompetenz angenommen. Gleichzeitig wird der positive Einfluss auf die sozialen Fähigkeiten und die Persönlichkeitsmerkmale als fast ebenso hoch eingeschätzt. Überraschenderweise wird sogar für die kognitiven Kompetenzen und das studienbezogene Wissen eine fördernde Wirkung der studienbezogenen Auslandsaufenthalte angenommen. Diese positive Wahrnehmung der Auswirkungen der studienbezogenen Auslandsaufenthalte wird von Unternehmen mit und ohne internationale Aktivitäten gleichermaßen geteilt.

Nach Ansicht der Beschäftiger sind mobile Absolventen für internationale Tätigkeiten besser qualifiziert und erbringen allgemein bessere Leistungen als nicht mobile Absolventen
Auch für die Beurteilung des Einflusses der studienbezogenen Auslandserfahrung auf den Übergang in den Arbeitsmarkt sowie auf die Karrierechancen verweist die Forschungsliteratur auf methodische Probleme der Selbstselektion und der externen Einflussfaktoren. In vorangegangenen Studien gibt es einige Hinweise darauf, dass mobile Absolventen eher die Chance haben, international orientierte Tätigkeiten zu übernehmen als nicht mobile Absolventen. Dieser Befund wird durch die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage bestätigt. Etwa zwei Drittel der Befragten stellen fest, dass mobile Absolventen besser darauf vorbereitet sind, Fremdsprachen einzusetzen, internationale Kontakte als Teil der täglichen Arbeit zu handhaben und in international gemischten Teams zu arbeiten. Weit weniger offensichtlich ist nach den Ergebnissen der Forschungsliteratur, dass die studienbezogene Mobilität das Arbeitslosigkeitsrisiko senkt und zu höheren Einkommen führt. Wie in vorangegangenen Studien nachgewiesen wurde, werden die Einkommen durch die individuelle Leistung sowie durch mikro- und makroökonomische Faktoren beeinflusst. Andere Studien zeigen, dass die studienbezogene Auslandserfahrung das Einkommen und die berufliche Entwicklung dann fördern kann, wenn auslandsbezogene Tätigkeiten ein wesentlicher Bestandteil der ausgeübten Beschäftigung sind und wenn der jeweilige Absolvent in der Lage ist, seine Erfahrungen zu nutzen. In der vorliegenden Umfrage und in den Interviews konstatierten diejenigen Personalverantwortlichen, die einen entsprechenden Vergleich vornehmen konnten, eine allgemein bessere berufliche Leistung unter den mobilen Absolventen im Vergleich zu Absolventen ohne studienbezogene Auslandserfahrung.

Die Beschäftiger bevorzugen studienbezogene Auslandsaufenthalte, die Praxiserfahrung und soziale Kontakte im Gastland ermöglichen
Laut vorangegangener Untersuchungen, in denen eine positive Auswirkung studienbezogener Auslandserfahrung festgestellt wurde, erfordern diese positiven Effekte einige Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die Möglichkeit, soziale Beziehungen mit einheimischen Personen oder anderen internationalen Studierenden zu aufzubauen. Ein wesentliches Gestaltungselement war für die Interviewpartner die Möglichkeit, in Kontakt mit kulturell unterschiedlichen Sichtweisen und Einstellungen zu kommen. Die Ergebnisse der vorliegenden Umfrage zeigen eine Präferenz für Auslandsaufenthalte von drei bis zu sechs Monaten, während eine kürzere Dauer weniger geschätzt wird. Vor die Wahl zwischen Studium oder Praktikum im Ausland gestellt, haben die Arbeitgeber eine leichte Präferenz für das Praktikum.

Schlussfolgerungen und politische Implikationen

Internationale Mobilität kann den Übergang in den Arbeitsmarkt erleichtern. Die Arbeitgeber betrachten studienbezogene Mobilität als eine Möglichkeit zur Verbesserung nicht nur der internationalen, sondern auch der allgemeinen Kompetenzen. Aus ihrer Sicht erbringen mobile Absolventen im weiteren Berufsverlauf bessere Leistungen und sind eher darauf vorbereitet, internationale Arbeitsaufgaben zu übernehmen, die für den Erfolg des Unternehmens von Bedeutung sind und die in Zukunft noch wichtiger werden. Die internationale Mobilität stärkt somit die langfristige Beschäftigungsfähigkeit. Die Nationale Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit als Abteilung im DAAD möchte den Hochschulen nahelegen, für eine ausreichende Dauer der studienbezogenen Auslandsaufenthalte Sorge zu tragen und die Anerkennung von Studienleistungen zu verbessern. Die Studierenden sollten darüber informiert sein, dass die Arbeitgeber eine längere Studiendauer aufgrund eines internationalen Aufenthaltes tolerieren. Des Weiteren sollten die Hochschulen mobile Studierende dabei unterstützen, sich über die positiven Auswirkungen ihres Aufenthaltes auf ihre Kompetenzen stärker bewusst zu werden. Die Arbeitgeber sollten den studienbezogenen Auslandserfahrungen während des Rekrutierungsprozesses mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen. Die Politik sollte darauf achten, dass durch die Gestaltung von Zielvereinbarungen und Finanzierungsbedingungen ein mobilitätsfreundliches Design von Studiengängen, Informationsangeboten und Anerkennungsverfahren in angemessener Weise honoriert wird.

Gutachten für den Deutschen Akademischen Austauschdienst

Christiane Konegen-Grenier / Beate Placke: Hochschulabsolventen mit Auslandserfahrungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt

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Ansprechpartner

6. Dezember 2016

Bildung Kompetenzen stärken, Jobchancen verbessernArrow

In Europa können rund 70 Millionen Menschen nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Auch fehlt es vielen an digitalen Kompetenzen. Die EU-Kommission will das mit ihrer New Skills Agenda ändern. In deren Rahmen sollen unter anderem mehr junge Menschen für eine Berufsausbildung begeistert werden. Der Ansatz ist gut, doch mit dem Hauptpunkt der Agenda, einer „Kompetenzgarantie“, sendet die EU falsche Signale. mehr auf iwd.de

21. November 2016

Schule Grundkurs DigitalesArrow

Digitale Klassenzimmer sind hierzulande noch eher selten, wie eine Studie zeigt. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland weit zurück. Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung fordern daher eine bessere Vorbereitung in den Schulen auf die digitale Arbeitswelt. mehr auf iwd.de

Defizite bei Informatikern und Internet lähmen ländliche Regionen
IW-Kurzbericht, 16. November 2016

Oliver Koppel Defizite bei Informatikern und Internet lähmen ländliche RegionenArrow

Die Verfügbarkeit von IT-Akademikern und Breitbandinternet ist elementar, um die Herausforderungen der Digitalisierung erfolgreich bewältigen zu können. Ländliche Regionen weisen jedoch einen riesigen Rückstand im Vergleich zu Städten auf – und ihre Probleme sind zum Teil hausgemacht. mehr