Keine Gemeinschaft kann ohne Regeln leben. Doch zu viele Regeln bremsen alles aus. Wo also liegt die richtige Balance? Der Wissenschaftspreis Bürokratie hat heute erstmals eine Publikation prämiert, die sich mit der Funktion und Wirkung der Bürokratie auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt. Gewonnen hat ein Beitrag über die Arbeit der Europäischen Kommission.

Was passiert, wenn sich die EU-Mitgliedsstaaten nicht auf eine gemeinsame Linie einigen können? Das war die Leitfrage der Arbeit von Dirk Junge, Thomas König und Bernd Luig unter dem Titel „Legislative Gridlock and Bureaucratic Politics in the European Union“. Ihr Ergebnis überrascht: Nicht etwa Stillstand in der Gesetzgebung ist die Folge, sondern ein Erstarken der Bürokratie. Die Wissenschaftler untersuchten mehr als 80.000 Vorlagen der Europäischen Kommission seit 1983.

„Mit innovativen Methoden wird belegt, dass die Europäische Kommission und ihre Bürokratie mit eigenen Rechtsnormen systematisch die Spielräume füllen, die durch Pattsituationen bei der Legislative entstehen“, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung, die heute erstmals verliehen wurde. Die Studie sei ein wichtiger Beitrag zum Verständnis des Verhältnisses von Bürokratie und Legislative.

Der mit 5.000 Euro dotierte Wissenschaftspreis Bürokratie wurde von Fritz Hellwig, Gründungsdirektor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), gestiftet. Sein Wunsch: Der Preis soll die Wissenschaft anregen, sich mit der Arbeitsweise und der Entwicklungsdynamik von Bürokratien zu beschäftigen sowie deren Wirkung auf Betroffene und das Gemeinwesen auf den Grund zu gehen. Anlass für die Preisstiftung war die Sorge, „dass Regulierungs- und Verwaltungsvorschriften das Marktgeschehen überwuchern“, so Hellwig.

Die Jury des Wissenschaftspreis Bürokratie bestand aus Martin Hellwig, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern Bonn, Johannes Ludewig, Vorsitzender des Nationalen Normenkontrollrates, Renate Mayntz, emeritierte Direktorin des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung Köln, Daniel Zimmer, Direktor des Instituts für Handels- und Wirtschaftsrecht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, und Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Die Geschäftsführung für den Wissenschaftspreis liegt beim IW Köln.

Pressemitteilung

Neuer Wissenschaftspreis: Bürokratie durch Stillstand

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Programm

1. Preisverleihung: Wissenschaftspreis Bürokratie – Für wissenschaftliche Forschung zur Funktionsweise und Wirkung von Bürokratien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft

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Preisträger

  • Dirk Junge: Promovierte an der Universität Mannheim zu den Erfolgsbedingungen von EU Reformverhandlungen und den Folgen unterschiedlicher Verfahrensregeln. In Aufenthalten an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaft Speyer, am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung und an der Universität Essex forschte er unter anderem zum Design von Regeln, Rechten und Entscheidungsverfahren, ihren empirischen Effekten und den Konsequenzen für die Reform politischer Institutionen. Seine Veröffentlichungen sind in Zeitschriften wie dem British Journal of Political Science, dem Journal of Theoretical Politics und European Union Politics erschienen. Derzeit unterrichtet er an der Universität Essex.
  • Bernd Luig (Doktorand von Prof. König): Studierte zunächst am Fachbereich für Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz. Zusätzlich absolvierte er den Magister-Aufbaustudiengang an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Aktuell Projektmitarbeiter im Projekt "Steuerpolitik in der EU im Umfeld neuer Fiskalinstitutionen und Abstimmungsverfahren" am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (mzes) tätig. Seine Forschungsinteressen: Finanz- und Haushaltspolitik, quantitative Gesetzgebungsforschung, quantitative Implementationsforschung und quantitative Inhaltsanalyse.
  • Prof. Dr. Thomas König: Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft II an der Universität Mannheim und seit 2010 Sprecher des DFG-Sonderforschungsbereichs (SFB) 884 "The Political Economy of Reforms". Im Mittelpunkt seiner Forschung steht die Entwicklung und Anwendung von Theorien politischen Entscheidens. Zurzeit liegt ein Schwerpunkt auf der Erforschung von Erfolg und Scheitern von Reformen (SFB 884), die in Forschungsprojekten am Beispiel der EU, UN, Kyoto etc. sowie an nationalen Reformvorhaben untersucht werden. Ziel ist ein wissenschaftlich fundiertes Verständnis von Politik, das international anerkannt ist.

Zur prämierten Arbeit "Legislative Gridlock and Bureaucratic Politics in the European Union" auf journals.cambridge.org

Wissenschaftspreis Bürokratie

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Themen

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