Pflegebedarf: Realitätscheck für die Politik Image
Nähe ist in der Pflege wichtig. Die Politik darf jedoch nicht nur auf Betreuung durch die Familie setzen. Foto: Jenny Sturm/Fotolia

2,6 Millionen Menschen waren 2013 in Deutschland pflegebedürftig, diese Zahl dürfte nach IW-Schätzungen bis zum Jahr 2030 um bis zu 828.000 steigen. Bundesweit müssen dafür bis zu 220.000 Plätze mehr in Pflegeheimen geschaffen werden. Die Bundesländer sind auf diesen Trend unterschiedlich vorbereitet: Nordrhein-Westfalen etwa muss fast 48.000 zusätzliche Pflegeplätze schaffen, in Bayern sind es knapp 23.000, in Baden-Württemberg 29.000. Einzig das Saarland müsste bei einer höheren Auslastung der bereits vorhandenen Pflegeheime kaum nachrüsten – hier fehlen nur etwa 1.000 Plätze.

Die Politik setzt derzeit auf mehr ambulante Pflege, insbesondere durch Angehörige und Ehrenamtliche. Realistisch ist das nicht, warnt IW-Forscher Jochen Pimpertz: „Bislang fehlen empirische Beweise dafür, dass die familiäre oder nachbarschaftliche Pflege steigt.“ Bundesweit gibt es eher einen Trend hin zu mehr professioneller Pflege. Zudem spielen gesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle: Die Zahl der Single-Haushalte steigt, genau wie die Gruppe der Kinderlosen. Partner und Kinder fallen damit immer häufiger als potenzielle Pfleger weg. Auch ist nicht absehbar, wie sich die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen auf die Pflegebereitschaft auswirkt. Bislang übernehmen vor allem Töchter, Schwestern und Schwiegertöchter die Pflege, was sich allein rein zeitlich meist nicht mit einem Job vereinbaren lässt.

„Die Politik muss der Realität ins Auge sehen und schnell reagieren“, sagt Pimpertz. „Denn der notwendige Ausbau der Infrastruktur braucht Zeit.“ Dabei sollten die Länder keine Versorgungsart bevorzugen, sondern Investitionen in alle Bereiche attraktiv machen.

Hoher Nachholbedarf im Osten bis 2030

Abweichung des Bedarfs an stationären Pflegeplätzen im Jahr 2030 von der Zahl der tatsächlich verfügbaren Plätze 2013 in Prozent. Diese Karte können Sie kostenlos auf Ihrer Website einbetten. Schicken Sie dazu eine Mail an onlineredaktion <AT> iwkoeln.de.

Es wird angenommen, dass die alters- und geschlechtsspezifischen Pflegequoten konstant bleiben (Basisszenario) und die stationären Einrichtungen zu 98 Prozent ausgelastet werden können. Daten: Statistisches Bundesamt 2010, Bevölkerung Deutschlands nach Bundesländern bis 2060, 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung; Statistisches Bundesamt 2011, Generationensterbetafeln für Deutschland; Statistisches Bundesamt 2015, Pflegestatistik 2013; Statistisches Bundesamt 2015, Fortschreibung des Bevölkerungsstandes; Berechnungen: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

IW-Trends

Susanna Kochskämper / Jochen Pimpertz: Herausforderungen an die Pflegeinfrastruktur

IconDownload | PDF

Pressekonferenz

Zu den gesamten Materialien

Ansprechpartner

IW-Kurzbericht, 23. November 2016

Jochen Pimpertz Pflegereform III – Personalkosten sind mehr als die VergütungArrow

Um dem steigenden Pflegebedarf gerecht werden zu können, bedarf es unter anderem eines Ausbaus der Pflegeinfrastruktur. Neue Nachweispflichten für die Betreiber von Pflegeeinrichtungen drohen aber die Investitionsbedingungen zu verschlechtern. Leidtragende wären Pflegebedürftige und Steuerzahler. mehr

17. November 2016

Interview „Ohne zusätzliche Privatvorsorge geht es nicht“Arrow

Welche Stellschrauben gilt es bei der Rente zu drehen? Über ihre Vorstellungen einer zukunftsfähigen Lösung sprechen Jochen Pimpertz, Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, und Eva Maria Welskop-Deffaa, als Bundesvorstandsmitglied der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di zuständig für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik sowie Sozialpolitik. mehr auf iwd.de

15. November 2016

Gesetzliche Rentenversicherung Die Rentenbeiträge werden steigenArrow

Aufgrund des demografischen Wandels müssen die Beitragszahler der gesetzlichen Rentenversicherung in Zukunft selbst dann höhere Lasten schultern, wenn das Rentenniveau sinkt. Ein konstantes oder gar höheres Rentenniveau würde den Beitragszahlern zusätzliche Kosten aufbürden. mehr auf iwd.de