Zinsentscheidung Image
Mit höheren Zinsen könnte die EZB langfristig vor allem mittelständischen Unternehmen unter die Arme greifen. Foto: helmutvogler/Fotolia

Die Bankkreditvergabe im Euroraum verläuft weiterhin schleppend und die Inflationsrate liegt noch immer weit unterhalb ihres Zielwertes. Die Negativzinsen und Wertpapierkäufe der EZB sollten die Wirtschaft beleben – bisher ist das allerdings nur mit sehr mäßigem Erfolg gelungen. Denn die traditionelle Lehre, dass Zinssenkungen die Wirtschaft beleben, gilt nicht mehr. Im Gegenteil: Es braucht höhere Zinsen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Denn momentan sind die Banken bei der Kreditvergabe zurückhaltend, weil sie die gestiegenen regulatorischen Anforderungen an ihre Eigenkapitalquoten erfüllen müssen. In normalen Zeiten könnten sie diese Vorgaben einhalten, indem sie Aktien emittieren oder Gewinne einbehalten. Doch zurzeit sind die Kurse der Bankaktien im Keller, so dass sich auf diesem Weg nicht viel Geld einsammeln ließe. Wegen der Niedrigzinsen machen die Geldinstitute aber auch kaum noch Gewinne. Entsprechend kommen sie auch so nicht an mehr Eigenkapital. Also führen die Negativzinsen der EZB zu einer geringeren Kreditvergabe – und erreichen damit das Gegenteil dessen, was sie eigentlich bewirken sollen: Statt Kredite für sinnvolle Investitionen zu vergeben, müssen die Banken in Staatsanleihen mit negativen Renditen investieren. Denn Staatsanleihen können sie ohne Eigenkapital erwerben und statt ihr Geld zu einem negativen Zins von -0,4 Prozent bei der EZB zu parken, ist es für sie das geringere Übel, Staatsanleihen zu kaufen, bei denen die Rendite zumindest weniger negativ ausfällt.

Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Die hohe Nachfrage nach Staatsanleihen senkt deren Renditen weiter, dies mindert die Zinseinnahmen der Banken weiter, erschwert deren Eigenkapitalaufbau, dies belastet die Kreditvergabe zusätzlich und lässt die Nachfrage nach Staatsanleihen weiter in die Höhe schnellen.

Würde die EZB die Zinsen erhöhen, könnten Banken leichter Eigenkapital aufbauen und der Kreditmarkt würde sich entspannen. Vor allem die Langfristkreditvergabe würde befördert, wovon vor allem kleine und mittelständische Unternehmen profitieren würden. Denn die leiden momentan besonders: Weil es für sie schlichtweg zu teuer ist, sich über Anleihen auf dem Kapitalmarkt Geld zu beschaffen, sind sie besonders auf funktionierende Banken angewiesen.

Ansprechpartner

Schadet die EZB-Geldpolitik mehr, als sie nützt?
Gastbeitrag, 19. Oktober 2016

Michael Hüther im Magazin Positionen Schadet die EZB-Geldpolitik mehr, als sie nützt?Arrow

Die Europäische Zentralbank will die Wirtschaft ankurbeln, indem sie die Zinsen gen null drückt: Sparen allein lohnt nicht mehr – wer sein Geld mehren will, muss investieren. Aber sorgt dieser Gedanke tatsächlich für den angestrebten Effekt? Diese Frage ergründet IW-Direktor in einem Gastbeitrag für Positionen, das Magazin der deutschen Versicherer. mehr

Die Politik kann das volkswirtschaftliche Risiko drosseln
Gastbeitrag, 6. Oktober 2016

Tobias Hentze auf xing.com Die Politik kann das volkswirtschaftliche Risiko drosseln Arrow

Wie stark belastet die Niedrigzinspolitik die Betriebsrenten? Die andauernde Zinspolitik der EZB beschert Unternehmen finanzielle Sorgen: Firmen müssen heute für Pensionen mehr Geld zurückstellen, als noch vor wenigen Jahren. Was muss jetzt passieren? mehr

26. September 2016

Geldpolitik Draghische EntscheidungenArrow

Seit 2008 zieht die Europäische Zentralbank (EZB) ein geldpolitisches Instrument nach dem anderen aus dem Hut, um die Märkte zu stabilisieren, die Wirtschaft zu beleben oder – wie derzeit – die Inflation anzukurbeln. Weil bislang nicht alle erhofften Wirkungen eingetreten sind, soll EZB-Chef Mario Draghi nach dem Willen einiger Ökonomen noch tiefer in die geldpolitische Trickkiste greifen. Doch das ist nicht notwendig. Denn tatsächlich wirkt die Niedrigzinspolitik – auf dem Arbeitsmarkt. mehr auf iwd.de