Die große Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat fast 2,1 Millionen Mitglieder. Das sind rund 230.000 weniger, als die IG Metall zählt, Deutschlands größte und mächtigste Arbeitnehmerorganisation. Ein Blick auf das Streikgeschehen zeigt indes, dass Verdi die IG Metall zumindest in puncto Streikbereitschaft in den Schatten stellt (Grafik). Seit 2005 entfallen fast drei Viertel aller durch Arbeitskämpfe verlorenen Arbeitstage auf Verdi. Die IG Metall ist hingegen nur für ein Sechstel verantwortlich. Im vergangenen Jahr haben die beiden Großorganisationen Konkurrenz bekommen: Die mit 34.000 Mitgliedern eher kleine Lokführergewerkschaft GDL spielt mit einem Anteil von 20 Prozent erstmals richtig im „Konzert der Großen“ mit.

„Kein Tag ohne Streik“ – Verdi brüstet sich mit seiner Arbeitskampfstärke. Inzwischen gilt der Arbeitskampf sogar ganz offiziell als Mittel der Mitgliederrekrutierung. Während sich Tarifauseinandersetzungen im Handel oder bei Banken oft hinziehen und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, kann Verdi bei den Kitas, den kommunalen Verkehrsbetrieben oder im Gesundheitssektor so richtig auftrumpfen. Leidtragende sind unbeteiligte Dritte: Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen müssen, Nutzer des öffentlichen Bus- und Straßenbahnnetzes oder Patienten, deren Operationen verschoben werden.

Mit ihren regelmäßigen Ausständen nähert sich Verdi immer mehr dem Verhalten von Spartengewerkschaften an. Sicherheitskontrolleure, Schleusenwärter, Erzieherinnen – sie alle sind streikmächtig und bekommen neuerdings Privilegien. Damit gewinnt die neue „Multi-Spartengewerkschaft“ nicht nur Mitglieder. Sie sorgt auch dafür, dass sich Erzieherinnen und Krankenschwestern nicht in einer eigenen Gewerkschaft organisieren.

Streikstatistik Deutschland: Verdi versus IG Metall

Durch Streiks und Aussperrungen ausgefallene Arbeitstage in Deutschland

Ohne Bagatellstreiks (Streiks und Aussperrungen mit weniger als 10 Beteiligten und einer Dauer von weniger als einem Tag oder mit weniger als 100 Arbeitstagen); Quelle: Bundesagentur für Arbeit; IW-Berechnungen

Ansprechpartner

Ruf nach Regulierung
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Crowdworking Ruf nach RegulierungArrow

Im Rahmen des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales initiierten Dialogs „Arbeit 4.0“ werden gegen Ende dieses Jahres Vorschläge präsentiert, wie die sozialen Bedingungen und Spielregeln der zukünftigen Arbeitsgesellschaft gestaltet werden sollen. Dabei wird auch über eine Regulierung des Crowdworkings diskutiert. mehr

IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Gewerkschaften Hundert Jahre AnerkennungArrow

Im Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften in Deutschland als Interessenvertreter der Arbeitnehmer anerkannt. Hundert Jahre später kämpfen nicht nur die deutschen Gewerkschaften gegen ihren Bedeutungsverlust. mehr

Rührei-Prinzip wird GdF zum Verhängnis
IW-Gewerkschaftsspiegel, 30. November 2016

Arbeitskampfrechtsprechung Rührei-Prinzip wird GdF zum VerhängnisArrow

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat in zwei Entscheidungen vom 25.8.2015 das Arbeitskampfrecht weiterentwickelt – jeweils am Streik der Fluglotsen (1 AZR 875/13 und 1 AZR 754/13). Am 26.7.2016 ist die dritte Lotsenstreik-Entscheidung ergangen (1 AZR 160/14), mit der seit längerer Zeit einmal wieder ein Streik für rechtswidrig erkannt und hieraus eine Schadensersatzpflicht der streikenden Gewerkschaft abgeleitet worden ist. mehr