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Viele Verhandlungen eskalierten, weil es um mehr ging als Löhne und Arbeitszeiten. Quelle: Saklakova / Fotolia

Das Jahr 2015 meldet nicht nur Rekorde bei den Streikausfalltagen – bis Anfang Juli sind nach IW-Schätzungen schon 944.000 Arbeitstage ausgefallen, sechsmal mehr als 2014. Auch die Konfliktintensität bei Tarifverhandlungen nimmt zu, wie eine Analyse des IW Köln zeigt. Mithilfe einer Eskalationspyramide mit sieben Abstufungen wurden die maximale Eskalationsstufe und die Konfliktintensität in jedem Tarifkonflikt gemessen (siehe Tabelle unten). Es zeigt sich: Im laufenden Jahr sind in den zwölf untersuchten Branchen über alle 14 Tarifverhandlungen aufaddiert schon insgesamt 234 Punkte zusammengekommen. Das entspricht 16,7 Punkten pro Konflikt. Das ist der höchste Durchschnittswert der letzten zehn Jahre. Die maximale Eskalationsstufe erreichte mit durchschnittlich 3,6 ebenfalls einen Höchstwert.

Tarifauseinandersetzungen eskalieren schneller, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter nicht nur über Löhne verhandeln, sondern über strukturelle Fragen. Beispiel: der Poststreik. Die Gewerkschaft Verdi wollte vor allem verhindern, dass Beschäftigte in Service-Gesellschaften mit geringeren Tarifen ausgelagert werden. Ähnlich sieht es im Kita-Konflikt aus. Hier streiten die Parteien darüber, in welche Entgeltgruppen Erzieherinnen und Sozialarbeitern künftig eingeordnet werden sollen. Allein diese beiden Tarifrunden sind für fast die Hälfte aller in diesem Jahr bislang angefallenen Konfliktpunkte verantwortlich. Wenn hingegen vor allem über Lohnsteigerungen verhandelt wurde – wie etwa in der Chemischen Industrie, im Einzelhandel oder in den Krankenhäusern – ging es geräuschloser zu.

Auffällig ist, dass Tarifverhandlungen besonders im Dienstleistungssektor eskalieren. Das hat mehrere Ursachen: Zum einen scheuen die Arbeitgeber in der Industrie vor Eskalationen zurück, weil Produktionsausfälle teuer sind. Gleichzeitig gehen die Gewerkschaften vorsichtig mit ihrer Streikmacht um, weil sie die Verlagerung gut bezahlter Arbeitsplätze fürchten. Somit ist auf beiden Seiten die Kompromissbereitschaft höher. Außerdem ist durch die gemeinsame Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise das Vertrauen zwischen den Sozialpartnern gewachsen. Im Dienstleistungssektor gibt es ein solches Vertrauensverhältnis nicht.

Verdi schürt den Konflikt

Die Konfliktintensität der Tarifverhandlungen 2015 ergibt sich aus der Summe der jeweils in einer Tarifverhandlung erreichten Eskalationsstufen (0=Tarifverhandlung; 1=Streikdrohung; 2=Abbruch der Verhandlungen; 3=Streikaufruf; 4=Warnstreik; 5=Scheitern und Schlichtung/juristische Auseinandersetzung; 6=Scheitern und Urabstimmung/Scheitern und Streik, 7=Arbeitskampf)

Stand: 31. Juli 2015; Verdi: Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Branchengewerkschaft); GEW: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Branchengewerkschaft), GDL: Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (Spartengewerkschaft), VC: Vereinigung Cockpit (Spartengewerkschaft), IG Metall: Industriegewerkschaft Metall (Branchengewerkschaft), DBB: Beamtenbund und Tarifunion (Branchengewerkschaft), UFO: Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Spartengewerkschaft), EVG: Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (Branchengewerkschaft), GdF: Gewerkschaft der Flugsicherung (Spartengewerkschaft), IG BCE: Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (Branchengewerkschaft); Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Konfliktintensität nimmt zu

Die Konfliktintensität der Tarifverhandlungen seit 2006 ergibt sich aus der Summe der jeweils in einer Tarifverhandlung erreichten Eskalationsstufen (0=Tarifverhandlung; 1=Streikdrohung; 2=Abbruch der Verhandlungen; 3=Streikaufruf; 4=Warnstreik; 5=Scheitern und Schlichtung/juristische Auseinandersetzung; 6=Scheitern und Urabstimmung/Scheitern und Streik, 7=Arbeitskampf)

Stand: 31. Juli 2015, Branchen: Bankgewerbe, Bauhauptgewerbe, Chemische Industrie, Druckindustrie, Einzelhandel, Flugsicherung, Krankenhäuser, Luftfahrt, Metall- und Elektro-Industrie, Nachrichtenübermittlung, Öffentlicher Dienst, Schienenverkehr; Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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