Hysterie über Italiens Schuldzinsen ist übertrieben Image
Quelle: Fotolia

Italien stellt die Eurozone derzeit vor große Probleme. Wenn die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsgemeinschaft ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, stößt auch der Rettungsfonds EFSF an seine Grenzen. Deshalb wird bereits über ein stärkeres Eingreifen der Europäischen Zentralbank spekuliert. Sie solle vermehrt italienische Anleihen kaufen, fordern Experten wie der Nobelpreisträger Paul Krugman - und damit den Zinsdruck für das Land lindern. Doch eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, dass die Panik übertrieben sein könnte. Zwar liegt der aktuelle Zins mit knapp sieben Prozent sehr hoch, doch im langfristigen Durchschnitt kommt Italien weitaus günstiger weg.

Aber warum gilt ausgerechnet der Zinssatz von sieben Prozent als kritische Marke? Der Grund: Bei diesem Niveau nahmen schon Portugal und Irland die Hilfe des EFSF in Anspruch.

Doch die Lage Italiens ist nur bedingt mit jener der anderen Euro-Sorgenkinder vergleichbar: Wie Berechnungen des IW zeigen, wäre die Belastung für Italien selbst bei einem Zinssatz von neun Prozent noch deutlich niedriger als in der Vergangenheit - und da konnte das Land sie bei ähnlich hohem Schuldenstand durchaus verkraften.

Um die Berechnung des IW zu verstehen, muss man wissen, dass sich ein gestiegener Zinssatz für ein Land nur bei der Aufnahme neuer Schulden auswirkt. Der Wert für die alten Schulden ändert sich nicht. Der Zins am Sekundärmarkt, also dort wo Besitzer von Staatsanleihen miteinander handeln, betrifft ein Land also nicht, das kaum neue Schulden aufnehmen muss.

Italien muss bis 2015 allerdings rund 750 Milliarden Euro an alten Schulden tilgen und durch neue ersetzen. Das gilt – etwa im Vergleich zu Griechenland – als sehr viel. Deshalb werden an den Märkten Bedenken geäußert, das Land könne mit seiner Refinanzierung überfordert sein. Doch laut IW-Ökonom Jürgen Matthes sind diese Bedenken überzogen: „Der Durchschnittszins erhöht sich nur nach und nach. Bis 2015 wird noch nicht einmal die Hälfte des Schuldenstandes von 1,9 Billionen Euro umgewälzt.“

In Modellrechnungen zeigt Matthes, dass sich der Durchschnittswert bei einem aktuellen Zinssatz von sieben Prozent bis 2015 gerade einmal auf 5,3 Prozent erhöht. „Italien musste bis zum Jahr 2001 wesentlich höhere Durchschnittszinsen verkraften und konnte das auch“, sagt Matthes. Ein vereinfachtes Beispiel zeigt, wie der IW-Experte gerechnet hat:

• Der gesamte Schuldenstand beträgt rund 1,9 Billionen Euro, die durchschnittlichen Zinsen darauf liegen laut EU-Kommission im Jahr 2011 bei 4,2 Prozent.

• 2012 werden rund 300 Milliarden Euro fällig, die annahmegemäß ebenfalls zu 4,2 Prozent im Durchschnitt verzinst sind. In der Modellrechnung verlangen die Investoren für neue Kredite aber sieben Prozent Zinsen.

• Der neue Durchschnittssatz wird dann aus den 1,6 Billionen Euro an alten Schulden (zu 4,2 Prozent) und den 300 Milliarden Euro an neuen Schulden (zu 7,0 Prozent) berechnet.

• Das Ergebnis für diesen Fall wäre dann ein Durchschnittssatz von 4,66 Prozent. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag dieser Wert in Italien noch bei 6,0 Prozent - und das Land konnte seine auch damals immensen Schulden problemlos bedienen.

Italiens Banken nach Referendum
IW-Nachricht, 5. Dezember 2016

Italien Unsicherheit kann Banken destabilisierenArrow

Die Banca Monte die Pasci di Siena, die drittgrößte Bank Italiens, muss bis zum Ende dieses Jahres einen Großteil ihrer Problemkredite ab- und Eigenkapital aufbauen. Der Ausgang des Referendums macht die Erfüllung dieser EZB-Auflage schwieriger. Andere italienische Banken stehen vor ähnlichen Problemen. mehr

5. Dezember 2016

Referendum „Italien ist ein anderes Kaliber als Griechenland“Arrow

Italien hat sich gegen eine Parlamentsreform entschieden, Ministerpräsident Matteo Renzi ist zurückgetreten. Im Interview spricht Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, über das Wahlergebnis und dessen Folgen. mehr auf iwd.de

New Skills Agenda der EU-Kommission
IW-Nachricht, 5. Dezember 2016

New Skills Agenda der EU-Kommission Image der Berufsausbildung verbessernArrow

Die Europäische Woche der Berufsbildung soll die berufliche Ausbildung attraktiver machen. Das duale Ausbildungssystem in Deutschland kann dabei insbesondere Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit als Vorbild dienen. mehr