Armutsdefinition Image
Quelle: chantal cecchetti – Fotolia

Andrea Nahles unterstreicht im Interview, dass die relative Einkommensarmut ein Maß für die Einkommensspreizung ist, aber keinen Rückschluss auf die absolute Armut erlaubt. Damit hat sie Recht, denn der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verdienen und damit per Definition in relativer Einkommensarmut leben, bliebe beispielsweise auch dann gleich, wenn der Wohlstand aller Personen im gleichen Umfang steigt.

Tatsächlich ist das Wohlstandsniveau in den vergangenen Jahren gestiegen. Denn das mittlere Einkommen und damit der Schwellenwert für die relative Einkommensarmut legten zwischen 2009 und 2013 jedes Jahr schneller als die Verbraucherpreise zu. Damit rutschen viele unter die relative Armutsgrenze, obwohl sie sich gar nicht weniger leisten können als früher.

Deshalb ist es höchste Zeit, Armut anders zu definieren als mit einem relativen Armutsbegriff. Eine Vorlage liefert die Europäische Union (EU) in ihrer offiziellen Armutsdefinition aus den 1980er-Jahren: Der EU gilt als arm, wer aufgrund mangelnder Ressourcen nicht die Möglichkeit hat, einen angemessen Mindestlebensstandard zu erreichen. Die EU legt ihr Augenmerkt also auch bewusst darauf, ob man sich Dinge leisten kann, die in einem Land als unverzichtbar gelten – also ob man unter der sogenannten materiellen Deprivation leidet oder nicht. Gerade bei der Deprivation spielt es eine wichtige Rolle, wie hoch das Wohlstandsniveau eines Landes insgesamt ist.

Und auch die subjektiv empfundene Einkommensarmut hängt stark mit dem generellen Einkommensniveau eines Landes zusammen. So fühlen sich beispielsweise nur 2 Prozent der Dänen und Schweden aber mehr als die Hälfte der Bulgaren und Ungarn subjektiv einkommensarm –der relative Armutsbegriff käme hier zu ganz anderen Ergebnissen.

Ministerin Nahles tut also gut daran, die längst überfällige Diskussion über eine sinnvolle Armutsdefinition anzustoßen.

Ansprechpartner

Themen

Gastbeitrag, 27. Dezember 2016

Knut Bergmann und Judith Niehues in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Wahrnehmung und WirklichkeitArrow

Tendenziell neigen insbesondere gutverdienende Menschen dazu, ihre Einkommensposition zu unterschätzen, wobei die Deutschen im internationalen Vergleich besonders pessimistisch sind. Ein Gastbeitrag von IW-Kommunikationsleiter Knut Bergmann und IW-Verteilungsforscherin Judith Niehues in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. mehr

Armuts- und Reichtumsbericht
IW-Nachricht, 14. Dezember 2016

Armuts- und Reichtumsbericht Viele positive EntwicklungenArrow

Mittlerweile kursiert der Entwurf des Fünften Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung im Internet. Der Bericht deutet auf viele positive Entwicklungen hin, dennoch werden in vielen Medien vor allem negative Befunde betont. Das ebenfalls dokumentierte Auseinanderdriften von gefühlter und messbarer Realität dürfte sich dadurch weiter verstärken. mehr

Regionale Armut
IW-Pressemitteilung, 5. Dezember 2016

Regionale Armut Auf die Preise kommt es anArrow

Der Westen Deutschlands ist reich, der Osten arm – so pauschal läuft häufig die Armutsdebatte. Tatsächlich aber stehen vor allem westdeutsche Städte schlecht da, zeigt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einer Studie. Die Politik könnte gegensteuern. mehr