"Das muss man stark relativieren" Image
Quelle: ferkelraggae Fotolia

Ja, warum haben denn die gut ausgebildeten Deutschen keine Lust, in Deutschland zu bleiben?

Man muss das erst mal, glaube ich, ein bisschen gerade rücken. Wir haben gut ausgebildete Deutsche, die das Land verlassen, aber gleichzeitig auch gut ausgebildete Personen aus dem Ausland, die hierher kommen. Man darf das nicht ohne Gegenbuchung sehen. Warum verlassen Deutsche das Land? Da gibt es verschiedene Gründe. Ein Hauptgrund ist, dass es immer wichtiger wird, gerade im hochqualifizierten Segment, internationale Erfahrung zu sammeln. Mal im englischsprachigen Ausland gelebt zu haben, um Englisch zu lernen. In großen Unternehmen ist es häufig so, für die Karriere ist es notwendig, zwei, drei Jahre in einem anderen Land gelebt zu haben. Und natürlich kommt es dann vor, dass Personen in die USA gehen, eigentlich nur zwei, drei Jahre bleiben wollen, aber dann kleben bleiben. Und was wir die letzten Jahre sehen, ist, dass wir eindeutig mehr Zuwanderer haben als Auswanderer, und dass die Zuwanderer eben auch gut qualifiziert sind. Also, dieses "Deutschland verliert hier extrem Fachkräfte" würde ich sehr stark relativieren wollen.

Sie haben natürlich recht: Es gibt eine Nettozuwanderung, das heißt, es kommen mehr Zuwanderer als Menschen das Land verlassen, aber heißt das nicht auf der anderen Seite, dass wir sozusagen den Braindrain, also den Wegzug der besten Köpfe in wirtschaftlich schwächere Staaten verlagern?

Wie gesagt, ganz viel ist hier einfach die Mobilität, dass heute in Deutschland, in Italien, in Großbritannien auch, inzwischen auch in den USA immer wichtiger wird, dass man eine Zeit seines Lebens im Ausland gelebt hat, dort Sprachkenntnisse erworben hat, dort für die Firma tätig war, die häufig multinational ist. Natürlich gibt es einige Länder, aus denen im Moment mehr zu uns kommen. Nun sehen wir es immer noch, dass Deutsche netto in die Schweiz abwandern, aber diesen starken Braindrain würde ich hier nicht sehen. Und das Bild, Deutschland gibt seine guten Kräfte in die eine Richtung ab und holt sich dafür andere, das ist so meiner Ansicht nach auch nicht ganz zutreffend.

Wir sprechen natürlich auch über Rückkehrer, das heißt Menschen, die wieder nach Deutschland zurückkommen. Die gibt es. Aber die sind zumeist nicht die Hochqualifizierten. Woran liegt das?

Der eine Punkt ist, dass natürlich Hochqualifizierte in anderen Ländern aufgrund besserer Sprachkenntnisse bessere Chancen haben. Ein zweiter Punkt ist natürlich, dass viele, die zurückkehren, schon länger im Ausland leben, und in Deutschland gibt es einfach in den letzten Jahren, Stichwort Akademisierung, viel mehr Hochqualifizierte.

Können wir denn von solchen Ländern wir den USA oder auch der Schweiz, können wir etwas über das Thema Willkommenskultur lernen? Ist ja auch in Deutschland ein großes Thema.

Wir können etwas über das Thema Willkommenskultur lernen, ich würde aber nicht die USA und die Schweiz da als Vorbilder sehen, sondern eher Kanada. Also auf jeden Fall, dass wir in den Behörden ganz anders mit Zuwanderern, insgesamt mit Fachkräften umgehen müssen, die als Ressource sehen, denen sofort das passende Informationsmaterial zur Verfügung stellen, dass diese Anlaufstellen eben auch für ausländische Fachkräfte sich spezialisiert haben und nicht nur diese Fragen, die im Bereich humanitärer Zuwanderung da sind, die natürlich auch sehr, sehr wichtig sind. Aber dass wir eben auch die geeigneten Anlaufstellen für Fachkräfte hier haben.

Aber das sind natürlich alles jetzt behördliche oder institutionelle Faktoren, aber was ist denn mit den Unternehmen, den Arbeitgebern selbst? Was können die denn noch tun, um mehr Willkommenskultur im Land zu etablieren?

Grundsätzlich sehen wir da auch in den Unternehmen in den letzten paar Jahren einen Wandel, dass Unternehmen immer stärker im Ausland rekrutieren, was ein bisschen kompliziert ist. Aber ein Unternehmen kann sich natürlich noch viel bewusster vom demografischen Wandel dafür entscheiden, im Ausland zu rekrutieren. Ein Unternehmen kann einem neuen Mitarbeiter aus dem Ausland einen Paten zur Verfügung stellen, der den auch bei einigen privaten Gängen. Und der zweite Punkt ist einfach auch, noch stärker das Thema Besonderheiten im kulturellen Umgang Unternehmen leben und da seine Mitarbeiter auch für zu sensibilisieren, dass dieser Zuwanderer jetzt nicht irgendjemand den Arbeitsplatz wegnimmt, sondern dadurch, dass er da ist, sogar Arbeitsplätze sichert.

Zum Interview zum Anhören auf deutschlandfunk.de

Ansprechpartner

PISA-Studie
IW-Nachricht, 6. Dezember 2016

Neue PISA-Studie Großer Handlungsbedarf in MINT-FächernArrow

Nach einem jahrelangen Aufwärtstrend haben sich die Kompetenzen deutscher Schüler zuletzt nicht weiter verbessert. In Mathematik und den Naturwissenschaften haben sie sich im Vergleich zu anderen OECD-Staaten sogar leicht verschlechtert. Das ist insbesondere angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs in den MINT-Berufen eine schlechte Nachricht. mehr

6. Dezember 2016

Bildung Kompetenzen stärken, Jobchancen verbessernArrow

In Europa können rund 70 Millionen Menschen nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. Auch fehlt es vielen an digitalen Kompetenzen. Die EU-Kommission will das mit ihrer New Skills Agenda ändern. In deren Rahmen sollen unter anderem mehr junge Menschen für eine Berufsausbildung begeistert werden. Der Ansatz ist gut, doch mit dem Hauptpunkt der Agenda, einer „Kompetenzgarantie“, sendet die EU falsche Signale. mehr auf iwd.de

Diversity Management – Bunte Mischung aus Alt und Jung
Gastbeitrag, 5. Dezember 2016

Christiane Flüter-Hoffmann für Mediaplanet Diversity Management – Bunte Mischung aus Alt und JungArrow

Auszubildende unter 20 Jahre und Silver Worker über 65 Jahre – diese beiden Beschäftigtengruppen zeigen die große Spannweite von Altersgruppen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ein Gastbeitrag von IW-Personalökonomin Christiane Flüter-Hoffmann auf dem Onlineportal erfolg-und-business.de der Agentur Mediaplanet. mehr