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"Durch staatliche Regulierung entsteht keine einzige neue Wohnung", sagt IW-Ökonom Voigtländer. Foto: IW Köln

Sie schlagen vor, den Leerstand in ländlichen Gebieten stärker zu nutzen, um die Wohnungsnot in den Städten zu lindern. Aber das ist doch der Kern des Problems: Viele Dörfer veröden ja gerade deshalb, weil die Bewohner strukturschwachen Gegenden den Rücken kehren. Wie wollen Sie denen denn jetzt das Landleben schmackhaft machen?

Wir haben auf der einen Seite Leerstand, und auf der anderen Seite Wohnungsmangel, oftmals sogar in regionaler Nachbarschaft wie etwa in Hessen oder Nordrhein-Westfalen. In den Großstädten entstehen die meisten neuen Jobs, aber dennoch kann es attraktiv sein, im Umland zu leben. Dafür bedarf es aber einer besseren Verkehrsinfrastruktur, damit die Menschen möglichst bequem und ohne PKW pendeln können. Und die bislang schrumpfenden Städte und Gemeinden müssen attraktiver werden - eine schnellere Internetverbindung ist für viele Menschen heute etwa ein ganz wichtiges Entscheidungskriterium.

Der Gesetzgeber ist nun auf den Plan getreten mit Mietpreisbremse und Bestellerprinzip. Brauchen wir mehr staatliche Regulierung des Wohnungsmarktes?

Durch staatliche Regulierung entsteht keine einzige neue Wohnung. Vielmehr besteht die Gefahr, dass wir durch immer mehr Regulierungen Investoren vertreiben. Es bedarf aber einer gezielten Unterstützung von einkommensschwachen Haushalten. Meiner Ansicht nach müssen wir das Wohngeld weiter stärken, da es gezielt Haushalten hilft, die mit den Wohnkosten überfordert sind. Vor allem muss das Wohngeld auch dynamisiert werden, d.h. es bedarf einer Anpassung der Leistungen an die Mietentwicklung.

Warum kommt der Bau von neuen Wohnungen nicht ausreichend in Schwung? Bei den derzeit hohen Mieten sollte sich das doch lohnen.

Es gibt auch genügend Investoren, die in den Großstädten bauen wollen. Schließlich ist der Wohnungsbau nicht nur aufgrund steigender Mieten, sondern auch wegen der niedrigen Zinsen attraktiv. Allerdings fehlt es oftmals an Bauflächen, dies ist der wesentliche Engpassfaktor. Hinzu kommt, dass durch immer mehr Standards und Auflagen das Bauen sehr teuer geworden ist.

Stichwort Standards und Auflagen: Die energetischen Anforderungen an den Wohnungsbau sind immer weiter gestiegen. Müssten wir uns von unseren ehrgeizigen Klimaschutzzielen verabschieden, um das Wohnen wieder bezahlbar zu machen?

Der Klimaschutz ist sehr wichtig und gerade der Gebäudesektor spielt eine Schlüsselrolle, auch um unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Wir dürfen die Anforderungen aber nicht überziehen: Wenn wir weniger bauen, weil die Standards zu hoch sind, nutzen wir mehr alte Gebäude, die deutlich mehr Energie verbrauchen. Wir sollten daher die Standards insgesamt langsamer verschärfen, auch damit die Bauwirtschaft mehr Planungssicherheit hat.

Verändert sich das Leben in der Stadt unter dem Eindruck der Wohnungsnot?

Das Leben in der Stadt wird immer teurer, und darauf reagieren die Menschen. Mikro-Appartements, die kleiner als 30 Quadratmeter groß sind, gewinnen an Bedeutung. Außerdem leben auch mehr und mehr Erwerbstätige und Rentner in WGs zusammen, um einerseits Kosten zu sparen, andererseits aber auch, um Gesellschaft zu haben. In Städten wie München geht der Wohnflächenverbrauch pro Kopf bereits zurück, dies wird sich in den nächsten Jahren sicherlich fortsetzen.

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