„Steilere Zinsstruktur“ Image
EZB Quelle: VRD – Fotolia

Herr Hüther, manche Ökonomen erklären die aktuellen Niedrigzinsen mit einem weltweiten Überschuss der Ersparnisse gegenüber den Investitionen. Stimmt die Erklärung?

Zum Teil. Viele Unternehmen haben in den Krisenjahren hohe Ersparnisse gebildet, statt zu investieren. Dadurch sind sie bei der Finanzierung unabhängiger geworden von den Kapitalmärkten. Diese hohe Ersparnis hat dazu beigetragen, die Zinsen nach unten zu drücken. Die Minizinsen, die wir derzeit bei allen Laufzeiten sehen, sind daher nicht nur auf die expansive Geldpolitik zurückzuführen.

Fehlt es den Unternehmen an Investitionsmöglichkeiten?

Derzeit sehe ich nicht die großen Basisinnovationen, in die viel Geld fließen könnte. Allerdings heißt das nicht, dass wir unter einer chronischen Investitionsschwäche leiden. Es sind ja nicht nur Basisinnovationen, die Investitionen auslösen. Gerade in Deutschland haben wir eine Tradition der inkrementellen Innovation. Das sind Neuerungen, die Produkte und Dienstleistungen im Detail verbessern. In manchen Unternehmen beruhen 70 Prozent des Produktivitätszuwachses auf solchen Innovationen. Auch das löst Investitionen aus. Wir sollten deutlicher erkennen, dass es unterschiedliche Innovationssysteme in den großen Volkswirtschaften gibt; das eine ist weder per se schlechter oder besser als das andere.

Warum schwächeln die Investitionen dann nahezu weltweit?

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise haben die Schwellenländer einen großen Teil der weltweiten Investitionen auf sich gezogen. Nun wird deutlich, dass viele Länder unter schlechter Regierungsführung, Korruption, Verteilungskämpfen und mangelhafter Infrastruktur leiden. Das mindert die Attraktivität für Investitionen. Die Zeiten, als Investoren dort blindlings ihr Geld anlegten oder Fabriken errichteten, sind vorbei.

Wie lange hält die Phase niedriger Zinsen noch an?

In den USA sind die langfristigen Zinsen am Kapitalmarkt bereits gestiegen. Die etwas steilere Zinsstruktur passt zur Konjunkturerholung; in den USA scheinen sich die Wachstumsraten im Trend wieder Richtung drei Prozent zu bewegen. Europa hinkt beim Zyklus noch hinterher. Die Inflationsrate liegt hier unter einem Prozent, und die Banken haben noch etliche Problemfälle in ihren Bilanzen. Die EZB wird daher versuchen, durch das Versprechen weiterhin niedriger Leitzinsen die Kapitalmarktrenditen unten zu halten. Letztlich aber kann sich Europa dem Aufwärtstrend der Zinsen, der aus den USA kommt, nicht völlig entziehen.

Ansprechpartner

IW-Kurzbericht, 16. Februar 2017

Markus Demary The End of Low Interest Rates?Arrow

After the economic recovery has strengthened and inflation rates have increased, hopes for higher interest rates emerged among savers, while debtors began to fear higher financing costs. This article argues, that there is room for higher interest rates, but this room is small compared to historical interest rate levels. mehr

Bankenregulierung sollte nicht alle über einen Kamm scheren
Gastbeitrag, 3. Februar 2017

Markus Demary in der Zeitschrift Profil Bankenregulierung sollte nicht alle über einen Kamm scherenArrow

Die wissenschaftlichen Berater von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel forderten laut Medienberichten eine stärkere Regulierung der Banken. Sie folgten dabei einem Vorschlag des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht. Dieses Vorhaben ist aber aus mehreren Gründen problematisch. Ein Gastbeitrag in der Zeitschrift Profil von IW-Finanzmarktökonom Markus Demary. mehr

Fed-Zinsentscheidung
IW-Nachricht, 2. Februar 2017

Fed-Zinsentscheidung Konflikt verschobenArrow

Die US-Notenbank Federal Reserve hat ihre Leitzinsen nicht angehoben – trotz guter Wirtschaftsdaten. Das dürfte die neue US-Regierung freuen, denn sie braucht niedrige Zinsen, um ihre Infrastrukturvorhaben zu finanzieren. Doch der Druck auf die Fed bleibt hoch. mehr