Speicherstadt Hamburg Image
Einstiges Welthandelszentrum: Die Hamburger Speicherstadt war früher Umschlagplatz großer Warenmengen aus dem Ausland, heute zählt sie zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: bluejayphoto/iStock

Herr Hüther, viele Menschen fürchten Globalisierung und Freihandel. Sie wünschen, dass der Nationalstaat wieder die Herrschaft über die Produktions- und Arbeitsbedingungen zurückgewinnt. Sind wir mit der Globalisierung zu weit gegangen?

Davon kann nicht die Rede sein. Wir stehen am Anfang einer sehr langen Entwicklung, die erst vor 25 Jahren begann. Die Integration der Welt durch große Ströme von Waren, Dienstleistungen, Kapital und neuerdings auch Menschen ist allerdings kein Prozess, der geradlinig verläuft. Das zeigt die Geschichte. Sie zeigt auch: Wir waren schon einmal viel weiter als heute.

Von welcher Epoche sprechen Sie?

Für die meisten Menschen dürfte es überraschend sein, dass die erste Welle der Globalisierung vor mehr als 100 Jahren viel intensiver war als heute. Der Welthandel erlebte um 1900 herum einen rapiden Aufschwung. Vor allem die finanzielle Integration der damaligen Schwellen- und Entwicklungsländer war zu jener Zeit deutlich tiefer als heutzutage. Das zeigen wirtschaftshistorische Studien.

Schwer vorstellbar, dass die Globalisierung vor über 100 Jahren weiter gewesen sein soll als heute. Woran lässt sich das festmachen?

Es gelang damals in sehr viel stärkerem Maße, privates Kapital aus den reichen Volkswirtschaften für Investitionen in weniger entwickelten Regionen der Welt zu mobilisieren. Die Unterschiede sind beachtlich: Beinahe die Hälfte der gesamten Auslandsinvestitionen vor 1914 erreichte weniger entwickelte Regionen der Welt; nach 1990 waren es nur rund zehn Prozent.

Hat man im späten 19. Jahrhundert überhaupt schon von Globalisierung gesprochen?

Der Begriff wurde erst später geprägt, auch die Schwellen- und Entwicklungsländer hat man damals noch nicht so genannt. Diese Phase der Globalisierung fällt ja in das imperialistische 19. Jahrhundert und in die Zeit der Kolonisierung. Damals wurden in historisch wohl einmaligem Umfang Ersparnisse aus dem wohlhabenden Norden in den kolonialisierten kapitalarmen Süden geleitet. Gemessen daran ist die Verflechtung der Kapitalströme heute deutlich geringer.

Warum legten die Investoren damals so bereitwillig ihr Kapital in Entwicklungsländern an?

Die Welt vor 1914 war in den Augen vieler Unternehmer ein sicherer Platz. Sie vertrauten auf den exklusiven und zugleich selektiven ordnungspolitischen Rahmen, den das Kolonialsystem geschaffen hatte. Die Staaten garantierten ein Mindestmaß an finanzieller und politischer Stabilität, Verträge und Eigentumsrechte ließen sich durchsetzen. Vor allem Großbritannien sorgte als Hegemon dafür, dass die Risiken für internationale Kredite überschaubar waren. Die aktive weltpolitische Rolle des Vereinigten Königreichs war die eigentliche Grundlage der ersten Globalisierungsrunde. Leider fand sie mit dem Ersten Weltkrieg ein jähes Ende.

Andererseits wurden Millionen Menschen Opfer kolonialer Verbrechen, des Rassismus und der Sklaverei. Lassen diese Untaten nicht an den Erfolgen der Kolonialmächte zweifeln?

Ohne Zweifel, diese Verbrechen sind aus heutiger Sicht unentschuldbar. Aber historisch gehört diese Ausbeutung der Kolonien ebenso zur ersten Globalisierung und der Beschleunigung im späten 19. Jahrhundert wie die relativ stabilen Bedingungen für Investoren in den Kolonien.

Sind die institutionellen Bedingungen für eine offene Weltwirtschaft heute nicht deutlich besser als zu Kolonialzeiten?

Der Eindruck täuscht. Es gibt in China, Indien, Brasilien und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften große Zweifel an der politischen Stabilität. Investoren brauchen aber Verlässlichkeit, ein funktionierendes Rechtssystem, das Eigentumsrechte schützt, Vertragsfreiheit garantiert und es ermöglicht, Verträge durchzusetzen. Solche institutionellen Fragen sind entscheidend für die Entstehung von Märkten. Und hier hapert es. Deshalb ist die Kapitalmarktintegration heute nicht so hoch wie zu Zeiten des britischen Empire. Das heißt, wir sehen heute, gemessen an der Wirtschaftskraft der Industrieländer, wesentlich weniger Direktinvestitionen in den Schwellenländern.

Mit anderen Worten: Die Weltwirtschaft ist nur so gut wie ihre Regeln, Gesetze und Gepflogenheiten. Freie Märkte allein reichen nicht?

Die vergangenen 25 Jahre Globalisierung waren von großem marktwirtschaftlichem Optimismus geprägt. Die neoklassische Finanzmarktlogik beruht ja vor allem auf Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung. Man glaubte, dass Ordnungspolitik und Institutionen gar nicht so bedeutend sind für eine funktionierende Marktwirtschaft. Stimmt aber nicht. Institutions matter. Unternehmen brauchen Rechtssicherheit. Ohne Rechtstitel, ohne funktionierende Rechtsprechung kann schließlich niemand sein Eigentum mit Krediten belasten, wird niemand größere Investitionen tätigen oder darauf hoffen, sich im Streitfall vor Gericht durchzusetzen. Korruption, ineffiziente Behörden und inkompetente Richter sind in Ländern wie China ein großes Problem.

Warum soll das plötzlich ein Investitionshemmnis werden? In den vergangenen Jahren hat das deutsche Unternehmen doch auch nicht groß bekümmert, die nach China gegangen sind.

China konnte viele Jahre lang mit erheblichen Vorteilen bei den Arbeitskosten punkten, die haben sich mittlerweile aber deutlich relativiert. Nun kommt es darauf an, Innovationsprozesse anzustoßen. Ein solches unternehmerisches Engagement braucht aber verlässliche Rechte und es braucht mehr Freiheiten. Mit beidem tun sich Partei und Regierung bislang schwer.

Muss sich China von der Idee verabschieden, seine Wirtschaft mit großen Infrastrukturprojekten zu lenken?

Das Land muss akzeptieren, dass Marktwirtschaft geordnete Anarchie ist. Der Gedanke liegt der chinesischen Denktradition aber fern. Es ist natürlich einfacher, gewaltige Infrastrukturprojekte zu planen, Stahlwerke, Eisenbahnen und Flughäfen zu bauen, eine neue Seidenstraße zu entwerfen. Nun kommt es aber darauf an, die unternehmerische Freiheit zu fördern, damit eine private Marktwirtschaft entstehen kann.

Haben die Machthaber das Problem erkannt?

Die Einsicht ist da. Aber der nötige Strukturwandel stellt das Land vor bisher ungelöste sozialpolitische Fragen. Denn in einer Übergangsphase wird die Arbeitslosigkeit gewaltig zunehmen und das Wirtschaftswachstum leiden. In der Stahlindustrie zum Beispiel gibt es riesige Überkapazitäten, Werke müssten dringend stillgelegt werden. Aber was passiert mit den Menschen, die dort arbeiten? Hier brechen Verteilungskonflikte auf, die sich nicht so einfach befrieden lassen. Schafft es das Land nicht, auf eine höhere Entwicklungsstufe zu gelangen, steckt es in der Falle. Dann schwinden für weite Bevölkerungsschichten die Chancen auf einen Aufstieg. Für die Globalisierung wäre das ein Rückschlag.

Die Globalisierung scheint ohnehin gerade in einer Phase der Ernüchterung zu stecken. Das gilt nicht nur für die aufstrebenden Länder. Auch in Europa und den USA machen sich viele Menschen Sorgen über die hohe Arbeitslosigkeit und die Folgen von Einwanderung. Werden in dieser neuen Welt die Abgrenzung von Fremden und der Protektionismus wichtiger?

In vielen entwickelten Volkswirtschaften gibt es Regionen, die abgehängt sind, in denen das Pro-Kopf-Einkommen stagniert. Besonders deutlich sieht man das in Großbritannien und Frankreich. In England zum Beispiel sind die Bruttolöhne seit 2009 zurückgegangen, obwohl das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gewachsen ist. Dort gibt es viele Menschen, die nicht erkennen können, dass sie an den Erträgen der Globalisierung teilhaben. Sie sind anfällig für politische Strategien der Abschottung und Wettbewerbsminderung. Die Briten haben sich ja bereits für den Austritt aus der EU entschieden. Wenn man sich die ökonomischen Daten ansieht, müssten die Franzosen eigentlich die Nächsten sein, die sich von der Europäischen Union abwenden.

Wo genau liegen die ökonomischen Probleme Frankreichs?

Frankreich hat drei grundlegende Probleme: Erstens war es nie so stark industrialisiert wie Deutschland, heute liegt der Anteil der Industrie an der Gesamtwirtschaft nur noch bei zehn Prozent. Zweitens wirkt sich der traditionelle Zentralismus als Belastung aus. Drittens steht die hohe Staatsquote mit fast 57 Prozent - bei uns liegt die Quote bei 44 Prozent - für Verkrustung und Reformunfähigkeit.

Sind die Abstiegsängste der Menschen berechtigt?

Man muss ernst nehmen, wenn Menschen nicht mehr an das Versprechen des Aufstiegs glauben, das die Marktwirtschaft ihnen gibt. Sie sagen: "Heute geht"s mir gut. Aber wie wird es morgen sein?" Das treibt die Leute um. Hinzu kommt die Wanderungsbewegung, die besonders von den unteren Schichten als Bedrohung wahrgenommen wird. In Europa fürchten die Menschen die Konkurrenz durch Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus Afrika. Einen ähnlich starken Wanderungsdruck sehen sie in den Vereinigten Staaten. Das verschärft die Verteilungskonflikte, die es ohnehin in den Gesellschaften gibt. So lässt sich Globalisierung heute anders lesen als vor 25 Jahren.

Zum Interview in der Süddeutschen Zeitung

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