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Herr Prof. Hüther, allenthalben wird derzeit über eine Investitionslücke in Deutschland debattiert, zumal im Vergleich mit anderen Ländern. Sind die Klagen berechtigt?

Die Vergleichbarkeit des Investitionsverhaltens zwischen Ländern ist nicht leicht herzustellen. Wenn sie einen hohen Industrieanteil haben, ist der Investitionsbedarf ein anderer als in eher auf Dienstleistungen ausgerichteten Volkswirtschaften. Und man muss sich zudem die Frage stellen, was denn eigentlich die relevante Investitionsfunktion ist, nach der die Unternehmen entscheiden. Das sind die Ertragserwartung und die Bedingungen im Vergleich zu anderen Standorten. Hier rangiert Deutschland mit seinem Industrienetzwerk und der vergleichsweise noch recht guten Infrastruktur sowie dem Bildungssystem in allen Ranglisten auf den oberen Plätzen. So gesehen gibt es zunächst keinen großen Nachholbedarf, wie er immer wieder von manchen Ökonomen thematisiert wird.

Aber die Entwicklung der Investitionsquoten zeigt doch ganz klar, dass Deutschland hier seit längerer Zeit hinterherhinkt.

Da muss man dann schon genauer hinschauen. So manche Investition etwa in Spanien hat sich im Zuge der jüngsten Krise ja nicht gerade als nachhaltig und ertragreich erwiesen. Insofern müssen wir die Bauinvestitionen vorsichtig betrachten. Die Ausrüstungsinvestitionen stellen sich nicht als Problem heraus, vor allem, wenn man bedenkt, dass infolge der Krise 2009 der Welthandel und damit der Transportbedarf massiv eingebrochen ist. Und hier ist es vor allem der Schiffbau beziehungsweise der Kauf von Schiffen, der die Investitionen nach unten gezogen hat. Aber zugestanden: Wenn man alle diese Sondereffekte herausrechnet, zeigt sich immer noch, dass sich die Investitionskonjunktur derzeit recht fantasielos gibt. Darauf deuten auch Unternehmensbefragungen hin. Dabei erfährt man, dass sich vor allem der Mittelstand angesichts neuer digitaler Herausforderungen in Zurückhaltung übt, weil die Unternehmen nicht wissen, wo es langgeht, auch politisch.

Müsste die deutsche Wirtschaft die "Industrie 4.0" nicht mit offenen Armen empfangen, um für die Zukunft gewappnet zu sein, und deshalb entsprechend kräftig investieren?

Ja, das ist grundsätzlich richtig. Und Industrie 4.0 löst ja auch Investitionsfantasie aus. Aber offenbar hemmt die damit verbundene Unsicherheit die Unternehmen wegen noch unklarer Punkte wie Datensicherheit und der Dominanz mancher amerikanischer Digitalkonzerne. Immerhin spürt man, dass die Unsicherheit hier langsam schwindet. Wobei man immer auch sehen muss, dass der Investitionszyklus der deutschen Wirtschaft in solchen Prozessen zunächst nie in der Breite getragen worden ist, sondern immer eine Avantgarde der Unternehmen vorangegangen ist.

Spielt da nicht auch die Angst mit, dass die Unternehmen vereinnahmt werden könnten durch Google, Apple & Co. und ihnen über die Digitalisierung die Margen entzogen werden? Braucht es hier nicht einen neuen industriepolitischen Ansatz, um eigene Standards zu setzen?

Im B2B-Bereich bin ich zuversichtlich, dass wir hier nicht klein beigeben müssen mit Blick auf Digitalisierung und Industrie 4.0. Kritisch wird es, wenn es um Geschäfte mit dem Endverbraucher geht und die Auswertung ihrer Daten. Hier sehe ich für die europäische Wirtschaft durchaus Probleme. Es zeichnet sich leider ab, dass der digitale Strukturwandel im B2C-Bereich die Profite mit großer Skalierung in die digitalen Megakonzerne leitet oder in findige Start-ups, die mit einer guten Idee die globalisierte Welt abgreifen.

Muss das Kartellamt angesichts der Marktdominanz dieser Konzerne eingreifen?

Google nun zu zerschlagen, wie bereits einige Ökonomen und Politiker fordern, halte ich für keine besonders gute Idee. Aber wenn ich mir die Äußerungen der Kartellwächter oder der EU-Kommission anhöre, weiß ich auch nicht, was hier die Regulierungslogik sein soll. Zumindest ein EuGH-Urteil hat jetzt klargestellt, dass dort reguliert werden soll, wo die monierten Effekte auftreten, und nicht da, wo die Server stehen. Eine solche Wirkungsdoktrin würde den Konzernen unmöglich machen, sich mit dem Server in Regulierungsoasen zurückzuziehen. Hier könnte die EU-Kommission ansetzen.

Das setzt aber noch keine neuen Investitionen frei.

Richtig. Wir müssen uns eingestehen, dass wir in der digitalen Wertschöpfungskette nach wie vor kaum marktprägende Unternehmen in Europa haben. Das ist ein gewaltiger Nachteil gegenüber den USA.

Brauchen wir dafür eine neue europäische Industriepolitik?

Die Entwicklung kann damit nicht umgesteuert werden. Es geht hier um eine andere Kultur, die wir bräuchten, um derartige dominierende Digitalkonzerne hervorzubringen.

Oder eher eine andere Innovationskultur?

Vielleicht. Bei uns findet die Innovation vor allem in den bestehenden Unternehmen statt, weniger über Start-ups. Die Frage ist, ob unsere Unternehmen noch in der Lage sind, genügend Innovationen hervorzubringen, um auch die nächsten 100 Jahre zu überstehen. Oder ob wir tatsächlich eine neue Innovationskultur benötigen - außerhalb oder innerhalb der Unternehmen. Hier gibt es keine eindeutige Antwort.

Ist das nicht ein eher ungemütlicher Ausblick angesichts der Tatsache, dass gerade im Bereich digitaler Innovationen ganze Industriesektoren schnell ins Hintertreffen geraten können?

So schlecht stehen wir ja nicht da. Wenn Sie sich die Karte der Länderrisiken vor Augen halten, so ist West- und Mitteleuropa hier trotz Euro-Krise ein Hort der Stabilität in einem Meer von Unsicherheiten. Und im Hinblick auf die gute Konjunktur in den USA: So richtig brummt es dort auch nicht. Viel ist da dem Fracking zu verdanken. Und China? Das Wachstum ist deutlich gedämpft, und die sozialen Risiken steigen. Brasilien? Auch nicht toll. Von daher werden viele Investitionen wohl wieder verstärkt nach Europa zurückfließen oder überhaupt erstmalig hier ankommen.

Aber warum erleben wir dann in Deutschland keine regelrechte Investitionsoffensive: niedrige Zinsen, Hort der Stabilität, industrielles Netzwerk und viele technische Cluster sowie eine noch recht gute Infrastruktur - das würde doch dafür sprechen?

Das kann dem deutschen Standort durchaus in die Hände spielen, wenn heimische Unternehmen wegen der gestiegenen weltweiten Risiken Forschung und Fertigung wieder am Heimatstandort bündeln. Aber unklar ist: Führt Industrie 4.0 nun zu mehr oder zu weniger Beschäftigung? Und tatsächlich stellen manche Unternehmen deswegen Fachkräfte ein, sogar auf Vorrat wegen des Facharbeitermangels. Andere dürften die Automatisierung eher für eine Belegschaftsverringerung nutzen. Zudem könnte der sich abschwächende China-Boom auch dazu führen, dass in Deutschland Kapazitäten frei werden, zumal dort immer mehr lokale Anbieter eingebunden werden müssen.

Auch das wäre eher ein Motiv, hierzulande eher mehr statt weniger zu investieren. Also erneut: Warum geschieht das nicht?

Nun, die Modernisierung des Standorts durch Investitionen passiert sehr wohl. Woran es derzeit mangelt, sind Investitionen zur Kapazitätsausweitung und in die Digitalisierung.

Hemmt der demografische Ausblick die Unternehmen am Investieren?

Das ist sicher ein Punkt. Allerdings spricht das dann auch eher für mehr Investitionen. Schließlich muss dann ja die Produktivität erhöht werden. Und das geht nur mit mehr Technikeinsatz. Vielleicht kommt das ja alles noch und die Unternehmen halten sich nur wegen der Krise in der Eurozone zurück. Dass die Reformen dort wirken, darauf wurde ja bereits hinlänglich hingewiesen. Aber es braucht eben seine Zeit, bis sich die Wirkung auch sichtbar einstellt. Dann dürfte es auch zu ergänzenden Investitionen dort und hierzulande kommen.

Bedarf es nicht auch politischer Impulse, um den Investitionsstau aufzulösen? Auch in Deutschland selbst mangelt es ja an einer ökonomischen Aufbruchstimmung.

Investitionsstau ist wie anfangs betont zu hoch gegriffen. Die großen industriellen Cluster finden sich alle in Mitteleuropa. Und es gibt nirgendwo eine solche Bündelung wie in Deutschland, Österreich, Norditalien, Tschechien und dem Elsass. Das ist der industrielle Kern Europas. Wer in die europäische Industrie investieren will, muss es hier tun - ganz unabhängig von der politischen Unterstützung.

Ist das nicht gerade die politische Herausforderung: diesen Mega-Industrie-Cluster bewahren und stärken? Sind die jüngsten Berliner Entscheidungen zur Rente mit 63 und zur Energiewende nicht eher dazu angetan, diesen Verbund aufzulösen?

Ja, die Energiewende ist ein klarer Negativpunkt. Für den Standort spricht die Bildung - vor allem die duale Ausbildung und die Differenziertheit des Systems. Wir haben die industrielle Verbundforschung. Da sind wir gut aufgestellt.

Sie gehen also davon aus, dass die jüngsten Berliner Entscheidungen zu einer Investitionszurückhaltung geführt haben?

Sie lösen zumindest keine neuen oder zusätzlichen Investitionen aus. Und blicken wir in die Zukunft, so wird uns die Rente mit 63 noch gewaltig zu schaffen machen, weil sie ein negatives Bild des Alterns zeichnet. Als ob man auch in einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft immer kürzer arbeiten könnte! Dieser Eindruck ist fatal. Wenn das nicht glaubwürdig korrigiert wird, ist das gefährlich.

Die 10 Mrd. Euro, welche die Bundesregierung für Investitionen in Aussicht gestellt hat: Reicht das aus für einen Investitionsimpuls?

Schon allein das Signal ist gut - zumal das Vorhaben gut eingebettet ist in eine stabilisierende Finanzpolitik. Und da es nicht die Konjunktur direkt adressiert, es startet ja auch erst 2016, sieht man auch, dass es für das strukturelle Wachstum gedacht ist. Zugleich - und das ist der Nebeneffekt - wird der ständigen Kritik an der deutschen Weigerung zur Wirtschaftsstimulierung die Spitze genommen.

Würden Sie dann die 300 Mrd. Euro für ein Wachstumsprogramm, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in die Debatte geworfen hat, ebenso vorbehaltlos begrüßen?

Dann ja, wenn sie wirklich einem europäischen Infrastrukturnetz zugutekommen würden - also in die Verkehrs- und Energienetze sowie die digitalen Netze gesteckt werden. Und warum soll man dann einer europäischen Investitionsagentur nicht auch eine Kreditnehmerfunktion zuerkennen dürfen? Sicherzustellen wäre, dass es sich um zweckgebundenes Geld handelt für einen Spezialhaushalt. In so einem Zusammenhang wäre wohl auch Deutschland bereit, einem speziell und nur dafür aufgelegten europäischen Projektbond zuzustimmen.

Warum geht man nicht einfach bereits erprobte Wege und macht Investitionen durch eine Verbesserung der degressiven Steuerabschreibung attraktiver?

Darüber sollte man auf jeden Fall nachdenken. Ich halte die degressive Abschreibung übrigens auch nicht für eine Steuervergünstigung, wie viele monieren, sondern es geht darum, den Kapitalverzehr durch die Zeit steuerlich zu berücksichtigen. Und der ist bei innovativen Produkten anfangs besonders hoch.

Zur Person: Interpret der Ökonomie

Vor geraumer Zeit winkten viele Menschen bei der Nennung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) schon im Vorfeld ab. Äußerungen von Wissenschaftlern aus der Denkfabrik wurden mit Verweis auf dessen Finanzierung durch Verbände und Unternehmen der Privatwirtschaft nur mit einem gewissen Abschlag hingenommen und meist mit dem abfällig gemeinten Zusatz "arbeitgebernah" versehen.

Unter seinem seit 2004 amtierenden Direktor Michael Hüther hat sich das Bild indes deutlich gewandelt. Seither vermittelt auch das Institut jene Offenheit in der Kommunikation, die Hüther immer wieder attestiert wird. Unter ihm hat das IW zudem hohes Ansehen erlangt und wird ihm mehr Eigenständigkeit bei der Wahl der Themen, deren Interpretation und Kommentierung eingeräumt, was dem früheren Chefvolkswirt der DekaBank, der zuvor Generalsekretär der "Wirtschaftsweisen" war, direkt zuzuschreiben ist. Denn Hüther verbindet ökonomische Denkschärfe mit allgemeiner Verständlichkeit, was nicht jedem Ökonomen gegeben ist. Er ist darum nicht nur in der Fachwelt geachtet, sondern trägt seine Positionen auch in weite Kreise der Bevölkerung hinein.

Ansprechpartner

Tag des deutschen Handwerks
IW-Nachricht, 16. September 2016

Tag des Handwerks Baustelle DigitalisierungArrow

„Die Zukunft ist unsere Baustelle“ hat sich das deutsche Handwerk zum Tag des Handwerks 2016 auf die Fahnen geschrieben. Das ist wörtlich zu nehmen, denn viele Betriebe nutzen die Potenziale digitaler Technologien noch nicht. mehr

15. September 2016

Grundsteuer Reine Bodensteuer statt GrundsteuerArrow

Die Mehrheit der Länderfinanzminister ist sich einig: Die Grundsteuer muss reformiert werden. Doch der vorliegende Kompromiss ist zu teuer und zu bürokratisch, zeigt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einer Studie. Dabei wäre die Lösung so einfach. mehr auf iwd.de