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In Köln merken die Besucher kaum, dass die Stadt nicht die schönste ist. Foto: SilviaJAnsen/iStock

Herr Hüther, sind Sie ein jecker Ökonom oder eher ein ökonomischer Jeck?

Ich bin vor allem Rheinländer, in Düsseldorf geboren und mit dem Karneval groß geworden. Ich bin nicht Mitglied im Karnevalsverein, aber ich mag die Haltung der Rheinländer zum Leben: das anlasslose Feiern des Daseins aus sich heraus.

Trotzdem ist der Karneval nicht unbedingt ein naheliegender Forschungsgegenstand.

Beim Jahresempfang unseres Instituts in Berlin musste ich am Vorabend von Weiberfasnacht einen Vortrag halten. Da lag das Thema nahe – augenzwinkernd, ja, aber wir haben ernsthaft Daten erhoben und gerechnet. Uns hatte schon der Ehrgeiz gepackt – zumal die Datenlage erstaunlicherweise völlig unzureichend ist. Während nahezu jeder andere Wirtschaftsbereich durchleuchtet wurde, gibt es zum Karneval bislang kaum Zahlen.

Nennen Sie doch mal die beeindruckendsten.

Rund 3.000 Unternehmen mit 40.000 Mitarbeitern leben bundesweit ganzjährig vom Karneval. Der Gesamtumsatz beträgt 2 Milliarden Euro. Dazu noch die unerforschte Schattenwirtschaft – die verkauften Bierdosen am Straßenrand beispielsweise. Das sind erstaunliche Zahlen, wenn man sich vor Augen führt, dass die Solarwirtschaft etwa die gleiche Größenordnung hat, aber durch die Ökostromumlage mit 20 Milliarden Euro im Jahr subventioniert wird.

Wäre der Karneval auch subventionsfähig?

Feiern muss nicht subventioniert werden, zumal die Stadt ja ein großes Interesse an der Veranstaltung hat: In Köln merken die Besucher deshalb kaum, dass die Stadt nicht die schönste ist.

Schließen sich rheinische Gemütlichkeit und ökonomische Effizienz nicht eigentlich aus?

Nein, da gibt es Verbindungen. Etwa die berühmten Sinnsprüche, bekannt als "Das Rheinische Grundgesetz ". Sie behandeln, was gerade allerorten vorangetrieben wird: die ökonomische Glücksforschung. So ist etwa belegt, dass für das persönlich empfundene ökonomische Glück die Gewöhnung an Dinge eine zentrale Rolle spielt. Der Rheinländer wusste schon lange: "Et hätt noch emmer joot jejange". Soll heißen: Was gestern gut war, wird auch morgen funktionieren. Auch enge soziale Bindungen sind wichtig für das empfundene Glück. Auf Rheinländisch: "Drinks de ejne met?"

Aus ökonomischer Sicht: Welche Karnevalshochburg feiert denn nun am effizientesten?

Da gewinnen die Düsseldorfer. Sie benötigen beim Rosenmontagsumzug nur halb so viele Teilnehmer wie Köln, um immerhin zwei Drittel der Besucherzahl zu erreichen. In Köln neigt man dagegen zur Übertreibung. Mit "Jeck im Sunnesching" wollte man Karneval im August etablieren. Aber zusätzliche Events wie dieses verwässern die Marke Karneval. Denn sie ist das Gegenteil von Alltag, nur deshalb ist sie so erfolgreich. Als Ökonom empfehle ich also: Feiert jetzt!

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