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Herr Hüther, mit dem Betreuungsgeld hat die Regierung den Einstieg ins Bildungssparen gewagt. Eltern, die das Betreuungsgeld auf ein Bildungskonto überweisen, bekommen einen Zuschuss. Ist das sinnvoll?

Als nachgeschobene Legitimation für das Betreuungsgeld ergibt es keinen Sinn. Ich bin kein Freund des Betreuungsgeldes, halte es für kontraproduktiv und würde es abschaffen, wenn ich könnte. Bildungssparen ja, aber nicht so.

Grundsätzlich brauchen wir es aber?

Wir werden immer älter und immer weniger und müssen das kompensieren, indem wir produktiver werden. Wer in Bildung und Weiterbildung investiert, erhöht seine Chancen, hilft aber auch der Gesellschaft insgesamt. Das ist eine Win-Win-Situation.

Bisher hat der Staat den Löwenanteil an den Bildungsausgaben. Müssen wir das Verhältnis von staatlichen zu privaten Bildungsausgaben verändern?

Wir reden seit langem über lebenslanges Lernen, aber oft ist es noch nicht mehr als ein Schlagwort. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass Ausbildung und Studium allein nicht für das ganze Erwerbsleben reichen. In dem Maße, in dem wir länger leben und arbeiten, müssen wir uns auch länger weiterbilden. Damit verlagert sich die Verantwortung vom Staat zum Einzelnen und den Unternehmen. Die Firmen sind in der Verantwortung, ihren Mitarbeitern aufzuzeigen, wo sie sich weiterbilden müssen. Einen Teil davon werden die Unternehmen finanzieren, ein Teil davon ist aber auch individuelles Engagement. Und da kommt das Bildungssparen ins Spiel.

Wofür genau?

Sicherlich nicht dort, wo Bildung den Charakter eines öffentlichen Gutes hat, wo es um Basiskompetenzen und Sozialisation, Kulturfähigkeit, Selbststeuerung sowie Demokratiefähigkeit geht.

Also nicht in Kindergarten und Schule?

Alles bis zum Abitur hat den Charakter eines öffentlichen Gutes. Das muss der Staat finanzieren. Wir diskutieren in Deutschland ja schon lange, dass wir am Anfang der Bildungsbiografie, in den Kindergärten, Gebühren nehmen, im Studium aber darauf verzichten. Das ist unsinnig. Das Debakel mit den Studiengebühren ist problematisch für eine systematische Finanzierung von Bildung im Lebensverlauf.

Mit Debakel meinen Sie die Abschaffung der Gebühren in fast allen Bundesländern.

500 Euro je Semester sind minimal im Vergleich dazu, was ein Studium kostet. Die Gebühren sind ökonomisch sinnvoll, da eine Hochschulausbildung in höherem Maße dem Einzelnen zugutekommt. Das gilt genauso für die Weiterbildung im weiteren Berufsleben. Die Frage ist, ob der Staat hier Zuschüsse zahlen sollte.

Sollte er?

Ein Argument dafür ist, dass der Kapitalmarkt bei der Weiterbildungsfinanzierung nur begrenzt funktioniert. Wer einen Kredit für ein Haus braucht, gibt der Bank die Immobilie als Sicherheit. Meinen Kopf aber kann ich nicht beleihen. Deshalb ist es sinnvoll, so etwas - wie es bei Studienkrediten getan wird- über staatliche Institute wie die KfW zu machen und damit das Risiko zu streuen. Ein zweites Argument ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die das Geld für Weiterbildung nicht aufbringen können. Deshalb hat die Kommission für Lebenslanges Lernen im Jahr 2004 ja auch dafür plädiert, Bildungssparen im Rahmen des Vermögensbildungsgesetzes möglich zu machen...

...bei dem der Sparer vermögenswirksame Leistungen vom Staat und die Arbeitnehmersparzulage bekommt, wenn er unterhalb eines gewissen Einkommens bleibt.

Genau. Aus diesen Verträgen könnten Sparer dann auch Geld für Weiterbildung entnehmen. Bildungssparen ist im Gegensatz zur Altersvorsorge ein simples Standardprodukt und daher auch nicht teuer. Wir brauchen zweierlei: Bildungssparen und Steueranreize. Wer sich heute in seinem Beruf weiterbildet, kann die Kosten unbegrenzt von der Steuer absetzen. Wer etwas macht, um damit in einen anderen Beruf zu wechseln, kann die Kosten nur bis zu 4000 Euro im Jahr geltend machen. Das ist nicht schlüssig, vor allem weil diese Weiterbildung oft die viel teurere ist.

Brauchen wir einen Mentalitätswechsel?

Wer von Bildung in hohem Maße persönlich profitiert, sollte sie als Investition begreifen. 500 Euro je Semester an der Hochschule sind ein angemessener Beitrag für den Einzelnen. Eltern sollten das im Blick haben, wenn ihre Kinder studieren wollen.

Auf die Spitze getrieben heißt das: Den Wert des Bildungssparens erkennen die Menschen, wenn wir Gebühren einführen und sie wissen, wofür sie sparen?

Ja, das Sparen an sich verändert ja nicht die Mentalität, wohl aber der Gedanke der Investition.

Wie wichtig Altersvorsorge ist haben viele erst nach Berichten über drohende Altersarmut erkannt. Brauchen wir drastische Szenarien auch wenn es um Bildung geht?

Das ist nicht sinnvoll. Es geht vielmehr darum, den Wert von Bildung deutlich zu machen. Wir sagen den Menschen heute, ihr müsst für die Rente, Pflege und Gesundheit vorsorgen. Den Kanon müssen wir um Bildung erweitern.

Was raten Sie also der Politik? Das Vermögensbildungsgesetz stärker bewerben und Studiengebühren wieder einführen?

Ja, Bildungssparen fördert lebenslanges Lernen. Studiengebühren machen dessen Sinn greifbar. Übrigens: Wenn alle Studenten Gebühren zahlen, hätten die Hochschulen rund zwei Milliarden Euro jährlich zur freien Verwendung. Nur mal zum Vergleich: Die Exzellenzinitiative des Bundes macht 1,7 Milliarden Euro aus, aber auf fünf Jahre verteilt.

Kritiker monieren, dass Gebühren Staatsausgaben über kurz oder lang ersetzen.

Das genau darf nicht passieren.

Werden mit Bildungssparen mehr Leute einen Master nach einer Berufsphase angehen statt direkt nach dem Bachelor?

Dass viele Studenten den Master direkt an den Bachelor drangehängt haben, hatte ja damit zu tun, dass sich die Unternehmen schwergetan haben, den Bachelorabschluss zu akzeptieren. Das hat sich geändert. Wenn der Arbeitsmarkt signalisiert, dass Studenten mit Bachelor gute Einstiegschancen haben und dann nach ein paar Jahren den Master dranhängen können, scheint mir das wichtiger zu sein als das Thema Bildungssparen. Aber Bildungssparen eröffnet den Hochschulen den Markt für Weiterbildung, zum Beispiel für berufsbegleitende Master.

Könnte das Bildungssparen Unternehmen Anreize bieten, sich mehr zu engagieren?

Es gibt ja heute schon Unternehmen, die teure Weiterbildungsprogramme finanzieren. Im Gegenzug verpflichtet sich der Mitarbeiter, einige Jahre im Unternehmen zu bleiben oder einen Teil der Kosten zu tragen, wenn er früher geht. Warum sollte man dafür nicht auch ein Bildungskonto hernehmen?

Herr Hüther, vielen Dank für das Interview.

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