Nicht wirklich ein reifes System Image
Wachstum braucht Zeit, um zu reifen. Das gilt auch für die Umsteuerung der Finanzmärkte in China. Quelle: fotoknips – Fotolia

Herr Hüther, was passiert da gerade in China?

Wir erleben eine Neubewertung Chinas, aber auch der Emerging Markets insgesamt, denn wir schauen zurück auf 15 Jahre einer weltwirtschaftlichen Dynamik, die durch diese Wirtschaftsländer, durch diese Wirtschaftsregionen erklärt war. Man muss sich einfach klar machen: Der Anteil am Welt-Bruttoinlandsprodukt dieser Länder hat sich in dieser Zeit verdoppelt. Das macht die Kraft der Dynamik deutlich. Das gilt auch für den Anteil beispielsweise an der Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe, in der Industrie, ist auch ein Industrialisierungsprozess, und sie machen ein Viertel der globalen Investitionen heute aus. Das ist etwas, was ganz wesentlich auch die Industrieländer, die klassischen Industrieländer stabilisiert hat. Wir haben das in der Krise 2008/2009 erlebt. Und auf einmal stellen wir fest: Dieses Modell, dieses dynamische Modell kommt an Grenzen, und genau das wird im Augenblick realisiert.

Warum kommt es denn an Grenzen?

Nun, bei China haben wir einen Entwicklungsprozess erlebt, der zunächst gelaufen ist durch Arbeitskostenvorteile, der durch staatlich gelenkte Großinvestitionen getrieben wurde, der durch staatliche Unternehmen, die ebenfalls über ein staatliches Finanzierungssystem mit mehr oder weniger gelenkten Aufgaben den Weg nach vorne gefunden haben. In einem Nachholprozess geht das. Das können Sie dann eine gewisse Zeit machen. Aber jetzt steht China - und das ja seit einiger Zeit - auch in der Erklärung der politischen Führung vor der Frage, wie stellt man dieses Entwicklungsmodell, das an sein Ende gekommen ist, weil die Arbeitskostenvorteile so nicht mehr da sind, weil man nicht einfach nachholen kann, sondern weil man selbst kreativ sein muss, um. Das heißt aber im Grunde, von einer staatlichen Lenkung auf eine sehr viel stärkere Marktsteuerung umzusetzen, als das die Chinesen bisher können. Und damit kommt nach meiner Einschätzung auch diese Zentralsteuerung, das was wir ja so als Widerspruch erleben und zurecht als Widerspruch, Marktwirtschaft auf der einen Seite, keine politische Freiheit, kein liberales Rechtssystem auf der anderen Seite, an Grenzen, an Verknappungen. Und diese Störung erleben wir im Augenblick.

Und das heißt, jetzt geht es erst mal an den Börsen so richtig bergab?

Die Börsen übertreiben natürlich, weil sie auch vor dem Hintergrund einer sehr starken Kursentwicklung in den letzten Monaten zu sehen sind. Das ist von Gewinnmitnahmen getragen, das ist von Portfolio-Anpassungen getragen. Aber natürlich ist es auch ein Stück Ernüchterung, weil nicht so genau klar ist, was ist dann künftig der Treiber. Nun muss man China jetzt auch nicht in den Boden reden. Aber ob ich dauerhaft fünf Prozent habe statt zehn Prozent, wie in diesen mehr oder weniger 15 Jahren oder noch mehr, die hinter uns liegen, das macht natürlich schon einen Unterschied aus. Aber trotzdem bleibt China dynamisch, aber halt nicht mehr in dieser Kraft und nicht mehr so selbstverständlich. Und die Wettbewerbsverhältnisse verändern sich, wenn aus dem Land selbst - das erleben ja schon viele auch im industriellen Bereich in Deutschland - dann wettbewerbsfähige Angebote kommen.

Lassen Sie uns kurz noch bei China bleiben. Sehen Sie denn irgendwelche Anzeichen dafür, dass die Führung dort tatsächlich erkannt hat, dass man das Wirtschaftsmodell dort auf neue Füße stellen muss?

Man kann das erleben an der Diskussion über die Finanzmärkte. Nur die Umsteuerung der Finanzmärkte ist sehr viel schwieriger als die Umsteuerung, was wir so klassischerweise Realwirtschaft nennen. Wenn Sie dort versuchen, die Staatsunternehmen zurückzunehmen, ist das auch ein schwieriger Prozess, aber das kann man organisieren. Die Frage aber, wie Banken und Börsen funktionieren, das kann ich nicht in der Weise einsteuern. Da ist eine andere Verlässlichkeit des Rahmens, aber auch eine Reife letztlich der Finanzakteure im Land zu sehen. Wenn die chinesische Führung wie in '14 und auch im ersten Halbjahr '15 im Grunde viele Privatanleger an die Börse treibt, dort zu Vermögensgewinnen bringt, dann aber die Börse implodiert, dann zeigt man, dass man nicht wirklich in einem reifen System ist. Und das scheint mir eine zentrale Herausforderung zu sein, dieses ganze Finanzierungssystem, das ja durchwirkt auf die Frage, wie Staatsunternehmen nachhaltig aufgestellt sind, wie die Staatsbanken dastehen. Das ist die große Herausforderung, und das ist bei Weitem nicht so einfach, wie Infrastruktur-Investitionen und Unternehmens-Investitionen anzureizen.

Herr Hüther, was ist denn Ihr Eindruck? Hatten wir in Deutschland das immer auf dem Schirm in den vergangenen Jahren, dass dieses Wirtschaftsmodell in China eigentlich auf so etwas tönernen Füßen steht?

Ehrlich gesagt ist mein Eindruck, dass es nicht so der Fall ist in der Breite und Tiefe der Wirtschaft. Es gab eine hohe Euphorie, die Marktdynamik ist groß. Man hat auch zurecht dort investiert, gar keine Frage, man muss sich an dieser Entwicklung auch beteiligen, wenn man die Dynamik erleben will. Aber ich habe schon zum Teil mich sehr gewundert über die etwas stupende Naivität, über den nicht hinreichenden Ordnungsrahmen. Schauen Sie sich die Position Chinas im Korruptionsindex an, da hat sich nichts bewegt. Und in der Frage der Verlässlichkeit des Rechtssystems, das sind Minischritte. Aber das ist uns eigentlich in Deutschland und Europa alles unheimlich wichtig, zurecht wichtig, dass der Rahmen stimmt, dass man verlässlich ist, dass man dann auch weiß über den Zeitraum der Investitionen, dass das abgesichert ist von der Seite her. Das ist dort ein bisschen, wie ich finde, ausgeblendet worden und manchmal auch ein bisschen geblendet, ausgeblendet vor dem Hintergrund einer Nachfragedynamik.

Jetzt ist das alles so, wie wir das erleben, zuerst mal eine Entwicklung an den Börsen, auch an den chinesischen Börsen und natürlich damit auch bei den deutschen Börsen. Ich habe es gesagt: Der DAX ist gestern unter die 10.000er-Marke gefallen. Auf welche Auswirkungen müssen wir uns denn in der Realwirtschaft, wie es immer so schön heißt, auf welche Auswirkungen müssen wir uns dort einstellen?

Es sind zwei Linien. Das eine ist, dass wir erleben, dass in China die Wettbewerbsverhältnisse für die Deutschen sich verändern. Man sieht das aus vielen Bereichen, wo die Chinesen auch zugekauft haben, wo sie aus Deutschland Maschinenbauunternehmen gekauft haben, damit die eigene Kompetenz erhöht haben. So einfach wird es in der Platzierung unserer Produkte, die für den Aufholprozess wichtig sind, nicht mehr gehen. Das bleibt weiter attraktiv, aber nicht mehr in der Höhe und in der Kraft, die es bisher hatte.

Das Zweite ist, dass natürlich auch der private Konsum vor einer Schwächung steht. Man darf das jetzt auch nicht übertreiben. Der Anteil der Haushalte in China, die an der Börse beispielsweise investiert waren, liegt bei fünf Prozent. Das ist jetzt nicht die Größe, die das wirklich volkswirtschaftlich letztlich relevant werden lässt. Aber der Konsum ist einfach geschwächt und die Frage, wer kann da noch Premium-Produkte kaufen, die aus Deutschland kommen, stellt sich schon. Die Börse diskutiert das ja auch, indem sie die Automobilhersteller, indem sie auch Elektrotechnik, auch Chemie, automobilabhängig, ganz besonders ja mit Kursverlusten ausgestattet hat.

Und viele Produkte, die wir hier in Deutschland kaufen, die kommen ja inzwischen aus China. Eine ganze Reihe von Branchen kann wahrscheinlich ohne die Manufakturen in China gar nicht mehr existieren. Wird sich auch daran etwas ändern? Kaufen wir künftig in anderen Ländern ein?

Das glaube ich nicht, denn das wird für China ja zentral sein, dass es diesen Teil auch stabilisiert. Es wird hier nicht sozusagen dieses verlieren wollen, sondern da wird man schauen müssen, wie man mit Arbeitskostenvorteilen, die verloren gegangen sind, sich dann wieder einbinden kann. Die Abwertung, die die chinesische Führung vorgenommen hat, ist ja ein Versuch, ein Stück preisliche Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, auch wenn die vorherigen Kostenanstiege dadurch nicht neutralisiert werden. Aber die Einbindung in die Lieferkette, das bleibt für China eine wichtige Globalisierungsperspektive. Aber natürlich muss die deutsche Wirtschaft insgesamt fragen, wo sind die anderen Potenziale in der Welt. Wir sehen eine doch robuste Entwicklung oder robustere in Nordamerika, wo ja auch die Exporte aus Deutschland sich weiterhin stabilisieren und stärken. Da gibt es Ausgleichsmöglichkeiten.

Was ist denn Ihre Einschätzung? Wird das, was wir da jetzt in den vergangenen Tagen und Wochen in China an den Börsen erlebt haben, wird das ernst zu nehmende Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben? Beispielsweise ist es richtig, jetzt von Rezessionsängsten zu sprechen?

Das halte ich für übertrieben. Ich halte auch die Diskussion über eine Weltrezession nach dem Ausmaß der Krise 2008/2009 für völlig übertrieben. Wir haben hier ein sicherlich schwerwiegendes - ich habe es beschrieben -, auch durchgreifendes Anpassungsproblem in diesen nachholenden Volkswirtschaften, und zwar nicht nur in China. Wir könnten über Brasilien, über Indien und Russland, das wissen wir alle, in gleicher Weise reden. Aber die Weltwirtschaft als Ganzes wird dadurch sicherlich weniger dynamisch, aber sie wird nicht in eine Rezession verfallen. Wir müssen einfach akzeptieren: Die Bäume wachsen nicht so einfach in den Himmel. Und das, was 15 Jahre sehr automatisch gelaufen ist, und was uns ja wie gesagt auch in der Krise 2009 abgefedert hat, das ist nicht einfach fortzuschreiben. Darauf müssen wir uns einstellen. Das wird gerade berücksichtigt. Die Börse übertreibt. Das ist meine Einschätzung dessen, was da passiert. Aber sie reagiert natürlich auf Signale.

Das Interview zum Anhören auf deutschlandfunk.de

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