Karneval "gehört ja zum Leben" Image
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Sind Sie schon geschminkt?

Nein. Ich muss sagen, ich bin aus dienstlichen Gründen heute in Berlin. Wir haben versucht, mit unserem Jahresempfang hier ein kleines Signal zu setzen, was Karneval bedeutet, auch ökonomisch.

... den Jahresempfang Ihres Instituts, den Sie gestern Abend abgehalten haben. Aber es ist nicht so, dass Sie das bewusst in die karnevalsfreie Zone Berlin gelegt haben?

Nein, das ergab sich aus ganz praktischen Gründen, zum Beispiel der Raumverfügbarkeit. Da macht man dann aus der Not eine Tugend, und so haben wir uns einfach mal dieses Themas angenommen und festgestellt: Da gibt es gar nicht so viel an Wissen.

Aber fragen wir mal nach den ökonomischen Faktoren im Karneval. Wer profitiert davon, was kann man gesichert sagen?

Gesichert sagen kann man beispielsweise, dass es in Köln einen Umsatz gibt nach Schätzungen für das Jahr 2009 von 460 Millionen Euro. Und Köln ist ja, das muss man einfach sehen, die Karnevalshochburg. Da hat sich in den vergangenen gut 20 Jahren, nachdem durch den Golfkrieg 1991 der Rosenmontagszug ausgefallen ist, soviel zusätzlich entwickelt, was es in dieser Vielfältigkeit wirklich nur dort gibt. Deshalb ist Köln auch am interessantesten.

Das sagen die Kölner natürlich auch immer von sich.

Ich bin gebürtiger Düsseldorfer, und wenn ich das sage, ist das natürlich von besonderer Glaubwürdigkeit.

Da stimme ich zu.

165 Millionen Euro gehen in die Gastronomie, das ist der wesentliche Teil, 85 Millionen Jahresumsatz in Kostüme und ähnliches. Und dann gibt es noch so Kleinkram, was man für Partys braucht und solche Sachen – das sind dann noch einmal weit über 100 Millionen Euro. Wir haben gestern noch eine Zahl des statistischen Bundesamtes bekommen. Demnach importieren wir Karnevalsausstattungsgüter – also alles, was man anziehen bzw. schmeißen kann – in Höhe von 57 Millionen. Wir exportieren aber nur für 27 Millionen. Das heißt, wir haben hier auf dieses Produktthema bezogen, ein Leistungsbilanzdefizit. Wir werden ja international immer für unseren Leistungsbilanzüberschuss beschimpft. Karneval ist also eine Gegenmaßnahme.

Karneval lohnt sich für die beteiligten Städte, das höre ich schon raus. Karneval gilt ja auch als eine Zeit, in der sich Menschen näher kommen, einander nahe kommen. Gibt es denn so etwas wie einen signifikanten Geburtenanstieg 9 Monate danach?

Das haben wir uns auch angeguckt. Es gibt in der Tat eine These für Großbritannien, nicht wegen Karneval, aber da kann man feststellen, 9 Monate nach Weihnachten und Silvester steigt die Geburtenrate an. Das ist dort auch ein Forschungsthema.

Wir haben uns das einmal angeschaut – tatsächlich ist im November, also genau 38 Wochen nach dem Kölner Karneval, über die Jahre, die wir uns angeschaut haben, nichts festzustellen. Wir sind dann zu der Einsicht gekommen, die Leute müssen sich erst mal vom Karneval erholen. Das heißt, einen Monat später, aus der Erholungsphase vom Karneval, da steigt die Geburtenrate dramatisch an. Wenn man sich das für Köln anschaut, das ist der Höchststand im Jahresverlauf, also gegen Jahresende. Das scheint aus der Erholungsphase nach dem Karneval zu kommen.

Da wird also angebahnt während des Karnevals und dann später vollzogen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Außentemperatur und den Zuschauern am Rosenmontagszug?

Ja, wir haben uns angesehen, wie man die Besucherzahlen erklären kann. Da schauen wir natürlich aufs Bruttoinlandsprodukt. Wachstum hat keinen Erklärungsfaktor – gefeiert wird immer. Regen auch nicht, offensichtlich sind die da alle relativ robust. Aber wenn es wärmer wird, da gibt es einen eindeutigen Zusammenhang. Für jedes Grad, den die Temperatur steigt, kommen zum Rosenmontagszug über 23.000 Zuschauer mehr. Für mich heißt das, dann kommen die Leute aus dem Sauerland, aus der Eifel, aus den Vogesen, also von dort, wo es ohnehin noch kalt ist. Wenn es wärmer wird, kommen die dann nach Köln, dann macht das denen auch Spaß.

Dann heißt das ja für Rosenmontag, dass zumindest Köln, aber auch andere Städte, bei diesen warmen Temperaturen aus allen Nähten platzen werden?

Davon ist auszugehen, die Schätzung ist eindeutig.

Die Rheinschiene gilt als wirtschaftsstark, mit verschiedenen Industrien, mit vielen Dienstleistungen etc. Würde es sich ökonomisch lohnen, wenn statt des Feierns gearbeitet würde?

Nein, das Fest gehört ja zum Leben, und das Fest ist ein Aussetzen des Alltags, das brauchen wir gelegentlich, und danach geht es dann wieder richtig gut weiter. Sie müssen sehen, das Rheinland ist ja an sich flach. Das hat ja keine Landschaft, das hat eine Gegend. Es ist nur flach, und man sieht nicht viel, und dann kommen die Leute auch auf andere Ideen, da brauchen sie sozusagen auch die …

Ich lese schon die Hörermails aus Bergisch Gladbach zum Beispiel.

Ja, aber das wollen wir jetzt mal nicht groß zum Rheinland mit dazu zählen. Aber Spaß beiseite, natürlich ist so ein Fest etwas, was mobilisiert, was für sich genommen etwas auslöst. Das führt zu Umsatzsteuer, das führt auch beispielsweise zu 5.000 Arbeitsplätzen, 4 bis 5 Millionen Euro Gewerbesteuer, also da kommt schon etwas zusammen - das allein auf Köln bezogen. Aber es ist auch richtig, dass wir Zeiten des Feierns haben, dann können wir auch wieder richtig gut arbeiten. Das hat Johann Wolfgang von Goethe in seinem Kölner Mummenschanz, den er ja 1825 zum Kölner Karneval geschrieben hat, auch gesagt: Wichtig sind uns die Jahre der Lieb und Pflicht. Das gehört beides zusammen. Wenn man ordentlich feiern kann, ist das für die Wirtschaft völlig in Ordnung.

Zum Feiern gehört auch die Fastenzeit, Herr Hüther, die sich ab Aschermittwoch dann anschließt bis Ostern. Was haben Sie sich selbst vorgenommen, worauf wollen Sie verzichten?

Da ich ohnehin relativ wenig Alkohol trinke, werde ich dann noch weniger trinken, ein bisschen mehr laufen. Also mal mehr auf den Körper achten, das mache ich dann auch in der Zeit. Aber ich bin das Jahr über relativ diszipliniert, ich komme da ganz gut durch.

Danke, Herr Hüther, ein Gespräch über die ökonomischen Folgen des Karnevals.

Alaaf

Helau

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