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BMW produziert in Oxford den Mini. Jetzt hat es die Belegschaft vor den Auswirkungen eines Brexit für die Jobs dort gewarnt. Foto: chameleonseye/iStock

Herr Matthes, was würde ein Ausscheiden der Briten aus der EU für die deutsche Wirtschaft bedeuten?

Ich glaube, dass man die Wirkung für die deutsche Wirtschaft nicht überschätzen sollte. Zwar liegt der Anteil unserer Exporte, der nach Großbritannien geht, bei 7,5 Prozent, und wir haben einen nennenswerten Handelsbilanzüberschuss im Warenhandel. Daher ist die deutsche Wirtschaft etwas anfälliger als andere Euroländer, die nicht einen so großen Überschuss haben. Trotzdem wird die Wirkung auf unseren Export begrenzt bleiben, weil es im Bereich des Warenhandels wohl nach einem Brexit nicht zu massiven Zollerhöhungen kommen wird. Handelseinschränkungen erwarten wir vor allem bei Dienstleistungen. Denn die EU wird möglicherweise den Anreiz haben, da den Zugang der Briten zum Binnenmarkt etwas zu erschweren, wenn sie tatsächlich austreten. Die britische Wirtschaft ist sehr stark auf Finanzdienstleistungen und Unternehmensdienstleistungen spezialisiert.

BMW produziert im englischen Oxford den Mini und hat in einem Schreiben an die Belegschaft vor den negativen Auswirkungen eines Brexit für die Jobs dort gewarnt. Ford lässt in Dagenham Motoren bauen, die dann nach Köln oder Saarlouis exportiert werden. Auch für Ford wären die Folgen eines Brexit wohl nicht unbedeutend, oder?

Diejenigen Autohersteller, die britische Werke in ihrer Wertschöpfungskette eingebaut haben, hätten größere Probleme bei einem Brexit. Das hängt natürlich davon ab, ob tatsächlich Zölle eingeführt werden. Aber auch ohne Zölle wird es zu Verzögerungen an der Grenze wegen neuer bürokratischen Prüfverfahren kommen. Bei längeren Verzögerungen könnten Just-in-time-Lieferketten, die auf sehr knappe Zulieferung eingetaktet sind, in Mitleidenschaft gezogen werden. Sollten größere Holprigkeiten entstehen, halten wir es nicht für unwahrscheinlich, dass tatsächlich Geschäft aus Großbritannien abgezogen wird.

Binnen zwei Jahren nach dem Brexit-Beschluss muss Großbritannien Anschlussregeln für den Handel mit der EU vereinbaren. Könnte man sich hier nicht einfach an den Regeln orientieren, die für die Schweiz oder Norwegen gelten?

Ein Schweiz- oder Norwegen-Modell wäre aus britischer Sicht auf den ersten Blick wünschenswert, weil für Finanz- und Unternehmensdienstleistungen aus Großbritannien ein weitgehender Zugang zum Binnenmarkt erhalten bleiben würde. Aber in beiden Fällen ist es so, dass die Schweiz und Norwegen relativ viele Regeln der EU übernehmen müssen, um auf einem ähnlichen Regulierungsniveau handeln zu können, was den EU-Binnenmarkt betrifft. Aber die Briten wollen ja gerade nicht so viel EU-Regulierung haben und fordern mehr Souveränität ein. Doch je mehr Souveränität dann tatsächlich umgesetzt wird, desto weniger Integration und Binnenmarktzugang wird die EU den Briten zugestehen.

Auf der Insel sehen das viele ganz anders ...

In Großbritannien werden zuweilen Vorstellungen geäußert, nach einem Brexit werde sich gar nicht so viel ändern, nach dem Motto: Wir setzen uns mit der EU zusammen, die werden uns bestimmt entgegenkommen und uns ein maßgeschneidertes Abkommen ermöglichen, mit dem wir dann am Binnenmarkt unterwegs sein können - und gleichzeitig unsere eigenen Regeln setzen und unsere eigenen Immigrationsbeschränkungen einführen. Das halten wir für sehr unrealistisch. Das ist eine Illusion, die Großbritannien am Ende sehr teuer zu stehen kommen könnte. Denn ein Rosinenpicken wird man in Brüssel keinesfalls zulassen - schon aus Sorge, einen Präzedenzfall zu schaffen, der weitere EU-kritische Staaten zum Austritt einlädt.

Denkbar wäre ja auch ein Freihandelsabkommen, wie es zuletzt mit Kanada vereinbart worden ist. Was halten Sie davon?

In der einen oder anderen Weise wird es ein maßgeschneidertes Abkommen geben. Aber die Verhandlungsmacht Großbritanniens, auf die es am Ende ankommt, damit die EU die entsprechenden Zugeständnisse macht, die halten wir nicht für besonders groß. Großbritannien ist deutlich stärker auf den großen europäischen Markt angewiesen als es umgekehrt der Fall ist. Die Machtverhältnisse sind entsprechend klar.

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