Weniger Arbeitsplätze durch Mindestlohn? Image
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wdr.de: Würde ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde in Deutschland Ihrer Meinung nach Arbeitsplätze vernichten – oder neue schaffen?

Christoph Schröder: Erst einmal muss man die Höhe eines flächendeckenden Mindestlohns einordnen: Dazu setzt man ihn in Relation zu dem, was in einem Land im Durchschnitt an Lohn gezahlt wird. Und im Vergleich zum Durchschnittslohn in Deutschland wären 8,50 Euro pro Stunde unserer Meinung nach schon recht hoch angesetzt, höher als in vielen anderen Ländern. Wir glauben, dass ein solcher Mindestlohn Beschäftigung gefährdet. Er bringt zwar hohe Verdienstzuwächse für diejenigen, die zuvor deutlich darunter verdient haben, macht aber deren Arbeit gleichzeitig weniger rentabel – man riskiert, dass es dadurch zu Entlassungen kommt. Man würde mit 8,50 Euro pro Stunde unserer Meinung nach Arbeitsplätze aufs Spiel setzen.

Joachim Möller: Wir glauben, ein Mindestlohn in einer vernünftigen Höhe muss nicht zwingend Arbeitsplätze kosten. Es gibt unserer Meinung nach einen Spielraum, wenn man innerhalb dieses Spielraumes bliebe, könnte es sogar sein, dass durch die bessere Bezahlung bestimmte helfende Tätigkeiten im unteren Lohn-Bereich besser besetzt werden könnten. Es besteht durchaus die Chance auf zusätzliche Beschäftigung durch einen Mindestlohn. 8,50 Euro pro Stunde wären aber im Vergleich zum mittleren Lohn recht hoch angesetzt.

wdr.de: Wer würde von einem flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde profitieren?

Schröder: Besonders betroffen wären die Branchen Handel, Gastgewerbe, generell eher Dienstleistungen und insgesamt auch eher Kleinbetriebe als Große. Aus Sicht der Arbeitnehmer würde es besonders diejenigen treffen, die irgendeine Form von Teilzeitbeschäftigung haben: Rentner, die sich etwas dazuverdienen, Mütter in Teilzeit, Studentenjobs und ähnliches. Der Effekt wäre auch in Ostdeutschland viel gravierender als im Westen.

Möller: Dazu würde ich ergänzen, dass es tendenziell eher die Jüngeren betreffen würde, bei denen es beispielsweise auch darum geht, nicht nur in einem Betrieb zu arbeiten, sondern dort auch ausgebildet zu werden – das ist auch eine Leistung, die der Betrieb bringen muss, neben der Bezahlung. Wir würden dafür plädieren, Ausbildung vom Mindestlohn auszunehmen und für Jugendliche einen niedrigeren Mindestlohn festzulegen als für Erwachsene. Der internationale Vergleich zeigt, dass sich ein zu hoher Mindestlohn gerade auf die Jugendarbeitslosigkeit nachteilig auswirken kann.

wdr.de: Eine Überprüfung im Baugewerbe ergab, dass mindestens 6 Prozent der Arbeitgeber den dort geltenden Mindestlohn gar nicht zahlen – würden sich Arbeitgeber denn an eine einheitliche Lohnuntergrenze halten?

Schröder: Ich glaube schon, dass ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn auch gezahlt würde in den allermeisten Fällen – schwarze Schafe gibt es natürlich immer, klar. Ich glaube aber auch, dass sich der Arbeitsdruck in vielen Bereichen erhöhen würde, wenn der Lohn auf den Mindestlohn steigt. Wenn man mehr zahlen muss, wird man auch mehr verlangen - diesen Druck würden die Arbeitnehmer zu spüren bekommen.

Möller: Ich denke, wenn es sich in den Köpfen der Leute erst einmal festgesetzt hat, das ist jetzt die unterste Grenze, dann wird das im Allgemeinen auch eingehalten. Sonst müssten die Unternehmen Imageschäden befürchten. Ich glaube auch, dass Deutschland ganz gute Mechanismen hat, um zu überprüfen, ob sich Arbeitgeber daran halten oder nicht.

wdr.de: Würden Sie im Falle eines Mindestlohns erwarten, dass die Zahl der Hartz IV-Aufstocker sinkt und der Staat dann weniger von dieser Transferleistung zahlen muss?

Schröder: Nein. Das liegt daran, dass zum einen Aufstocker auch mit einem Verdienstniveau auf Mindestlohn selbst in Vollzeit nicht alleine genug erwirtschaften könnten, um beispielsweise die Familie zu ernähren. Zum anderen arbeiten aber die meisten Aufstocker nur Teilzeit – dann reicht es bei 8,50 Euro auch nicht, wenn man alleine lebt. Man muss aber auch den gegenläufigen Effekt berücksichtigen, nämlich dass durch den Mindestlohn gering bezahlte Jobs verloren gehen könnten und ehemalige Aufstocker dann ganz auf Arbeitslosengeld angewiesen wären.

Möller: Ja, man könnte diese Transferleistung reduzieren, aber nicht entscheidend. Es würde vielleicht eine Dreiviertel Milliarde Euro Ersparnis bringen, mit Sozialversicherungsbeiträgen und Steuereffekten kommt man vielleicht auf drei bis 3,5 Milliarden. Es geht aber mehr um das Ziel, pervertierte Geschäftsmodelle zu unterbinden. Damit meine ich, dass einige schwarze Schafe unter den Unternehmern nicht genug Lohn zahlen, obwohl sie es könnten, und der Staat dann den Rest schultern muss. Das kann man mit einem Mindestlohn in vernünftiger Höhe abstellen.

wdr.de: Ist es Ihrer Meinung nach überhaupt sinnvoll, einen einheitlichen Mindestlohn für West- und Ostdeutschland festzulegen?

Schröder: Die Produktivität der Wirtschaft in den ostdeutschen Bundesländern ist niedriger als im Westen – und das spielt eine wichtige Rolle bei der Entlohnung. Deshalb liegt auch der Durchschnittslohn dort nicht so hoch wie im Westen, ein Mindestlohn von 8,50 Euro würde dort sogar jeden dritten Erwerbstätigen betreffen. Die negativen Effekte eines flächendeckenden Mindestlohns, wie etwa Entlassungen, wären hier demnach noch mehr zu befürchten.

Möller: Auch mir wäre das Risiko zu hoch, dass bei einem Mindestlohn in dieser Höhe in Ostdeutschland tatsächlich Arbeitsplätze verloren gehen. Eine schlagartige Angleichung des Lohnniveaus in Ost und West riskiert Beschäftigungsverluste. Ich denke, man sollte vorsichtig mit zwei unterschiedlichen Sätzen beim Mindestlohn beginnen und diese dann nach und nach angleichen.

wdr.de: Glauben Sie, dass man mit einem flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Menschen aus der Armut holen kann?

Schröder: Nein. Zum einen liegt er so hoch, dass man befürchten muss, dass die Arbeit in manchen Bereichen damit zu teuer wird und Jobs gestrichen werden. Der andere Grund hängt mit der Verteilung von Armut an sich zusammen: Fast drei Viertel der Erwerbstätigen, die weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdienen, tragen mit ihrem Verdienst weniger als die Hälfte zum Nettoeinkommen ihres Haushalts bei – denn oft gibt es noch andere Einkommensquellen oder im Haushalt lebt noch eine Person, die mehr verdient. Nur 18 Prozent der Arbeitnehmer mit einem Verdienst unter 8,50 Euro sind daher gleichzeitig auch einkommensarm.

Möller: Der Mindestlohn würde bei einigen Erwerbstätigen durchaus zu einer Verbesserung ihrer Einkommenssituation führen. Ein Allheilmittel zur Bekämpfung von Armut in Deutschland ist er allerdings nicht. Das liegt unter anderem daran, dass es Erwerbstätige gibt, etwa Alleinerziehende, die trotz Mindestlohn beispielsweise wegen einer Teilzeitbeschäftigung nicht genug verdienen, dass es für sie und die Familie reicht.

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IW-Nachricht, 28. Juni 2016

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