"Die Streikkultur ändert sich" Image
Hagen Lesch Quelle: IW Köln

Herr Lesch, seit Monaten streiken abwechselnd die Piloten und die Lokführer, und von Freitag an treten die Erzieherinnen in den Kitas unbefristet in den Ausstand. Lange galt, dass die Arbeitskämpfe hierzulande vergleichsweise konfliktarm ablaufen. Ändert sich das gerade?

Streikwellen an sich sind nichts Besonderes, sie treten immer mal wieder auf. In diesem Jahr kommen aber verschiedene Dinge zusammen. Erstens finden in fast allen wichtigen Branchen Tarifverhandlungen statt. Sie sind teilweise abgeschlossen, etwa im öffentlichen Dienst, in der Chemie- oder in der Metallindustrie. Zum Teil gab es dabei massive Warnstreiks. Andere Verhandlungen laufen – etwa im Einzelhandel, in dem auch oft gestreikt wird. Zweitens schleppen wir gewissermaßen als Altlasten die monatelangen Arbeitskämpfe bei der Lufthansa und der Bahn mit. Drittens kommt die Sonderrunde in den Kitas hinzu. Die eigentliche Tarifrunde im öffentlichen Dienst ist längst abgeschlossen, Verdi aber macht jetzt Spartentarifpolitik für die Erzieherinnen und Erzieher. Eine solche Tarifpolitik für ausgesuchte Gruppen könnte Schule machen – beim Pflegepersonal etwa und den angestellten Lehrern. Je mehr die Gewerkschaften das Tarifgeschehen mit Sonderregeln für einzelne Gruppen segmentieren, desto mehr Tarifverhandlungen und Konflikte gibt es.

Also müssen sich die Deutschen darauf einstellen, dass öfter gestreikt wird?

Ja. Außerdem beobachten wir bereits seit einigen Jahren, dass sich in Deutschland die Streikkultur ändert. Die Streikdauer hat sich mehr als verdoppelt. Zwischen 2000 und 2009 dauerte ein Streik pro Streikendem 1,3 Tage, zwischen 2010 und 2014 waren es fast drei Tage. Gleichzeitig beteiligen sich weniger Beschäftigte an einem einzelnen Arbeitskampf, lange Massenstreiks sind seltener geworden. Während große Gewerkschaften wie die IG Metall viele Beschäftigte nur noch punktuell und kurz zum Warnstreik aufrufen, werden Arbeitskämpfe wie bei der Bahn immer dominanter. Hierbei legen wenige Beschäftigte die Arbeit mehrere Tage nieder.

Woran liegt es, dass wir uns auf mehr Streiks einstellen müssen?

Das hängt einmal mit dem zunehmenden Gewerkschaftswettbewerb zusammen. Sind die Spartengewerkschaften erfolgreich, setzen sie die großen Gewerkschaften unter Druck. Außerdem häufen sich die sogenannten Abwehrstreiks, bei denen sich Gewerkschaften gegen das Ansinnen der Arbeitgeber wehren, Besitzstände zu reduzieren. Bei der Lufthansa zum Beispiel sollen die großzügigen Regeln für die Piloten beim Übergang in den Ruhestand zurückgefahren werden. Bei solchen Abwehrstreiks ist es viel schwieriger, einen Kompromiss zu finden als bei reinen Lohnrunden. Das gilt auch für Arbeitskämpfe, bei denen es um Machtfragen geht, wie die Frage, welchen Teil der Beschäftigten welche Gewerkschaft vertritt – wie bei der Bahn.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da, was die Anfälligkeit für Streiks angeht?

Die deutsche Volkswirtschaft ist nach wie vor recht friedliebend, schließlich gibt es hierzulande keine politischen Generalstreiks wie anderswo, die dort die Streikbilanz erheblich aufblähen. Dennoch: Während in Deutschland immer kleinteiliger gestreikt wird, werden andere Volkswirtschaften friedlicher, einige osteuropäische Länder zum Beispiel. Dort ist die soziale Stabilität inzwischen ähnlich ausgeprägt wie bei uns, aber die Arbeitskosten sind viel niedriger. Das sollten wir im Auge behalten, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Warum laufen die Arbeitskämpfe in den früheren Staatsbetrieben härter ab als in der Privatwirtschaft?

Die Staatsbetriebe haben früher wegen ihrer Monopolstellung höhere Gewinne eingefahren – sogenannte Renten. Ein Teil dieser Renten wurde an die Beschäftigten ausgeschüttet. Die Privatisierung der Lufthansa und die Teilprivatisierung der Bahn führten zu Einschnitten in die Pfründe der dort Beschäftigten. Piloten und Lokführer waren damit unzufrieden und entschlossen sich, auf eigene Faust zu verhandeln, um sich alte Privilegien zurückzuholen. Hinzu kommen ein hoher Organisationsgrad der Beschäftigten und ein geringes Entlassungsrisiko, sodass die Arbeitnehmer mehr fordern können, ohne allzu viel aufs Spiel zu setzen. Beim Marburger Bund und der Flugsicherung ist Ähnliches zu beobachten.

Warum wird denn der Konkurrenzdruck innerhalb des Gewerkschaftslagers immer größer?

Nach der Fusion mehrerer Gewerkschaften zu Verdi 2001 fühlten sich einige Berufsgruppen nicht mehr ausreichend vertreten und gründeten eigene Organisationen. Dies wiederum erhöht den Druck auf Verdi und andere große Gewerkschaften. Eine Phase moderater Lohnpolitik gegenüber dem Staat als Arbeitgeber endete bei Verdi um das Jahr 2008 herum. Seitdem hat Verdi viel öfter gestreikt und höhere Lohnsteigerungen durchgesetzt. Auch geht Verdi verstärkt dazu über, wie jetzt in den Kitas oder bei den Sicherheitskontrolleuren an Flughäfen Privilegien für bestimmte Berufsgruppen mit hohem Organisationsgrad und großem Droh- und Streikpotenzial zu fordern. Diese Gruppen sollen erst gar nicht auf die Idee kommen, sich in einer Spartengewerkschaft selbst zu organisieren.

Belasten die längeren Streiks die Unternehmen über Gebühr?

Längere Streiks in der Logistik – bei der Bahn, der Luftfahrt oder wie vor zwei Jahren beim Streik der Schleusenwärter in der Schifffahrt – sind besonders gefährlich. Die Unternehmen werden an einem ganz empfindlichen Punkt getroffen: Ihre Termintreue steht zur Disposition. Wir sollten tunlichst vermeiden, dass die Kunden unserer Exportbetriebe oder ausländische Investoren zu dem Eindruck gelangen, in Deutschland werde ständig die Infrastruktur bestreikt.

Zum Interview auf badische-zeitung.de

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