"Rangeleien können dem Standort schaden" Image
2015 war das streikintensivste Jahr seit 1992. Foto: SilviaJansen/iStock

Piloten, Erzieher, Postboten, Flugbegleiter und Lokführer. Herr Lesch, was war 2015 nur los?

2015 war ein Extremjahr, das streikintensivste seit 1992. Wir hatten viele Altkonflikte, die auf Streitereien von Gewerkschaften untereinander beruhen. Hinzu kamen zwei Großkonflikte, bei der Post und bei den Erziehern. Die schlagen sich in der Bilanz natürlich stärker nieder als Streiks von kleineren Gewerkschaften.

Gefühlt wurde dieses Jahr eigentlich immer irgendwo gestreikt. Wie viele Arbeitstage sind dadurch in Deutschland verloren gegangen?

Wir gehen davon aus, dass es etwa eine Million sind. Es kann auch sogar mehr sein. Die Gewerkschaft Verdi sagt, dass sie alleine 1,5 Millionen Ausfalltage verursacht hat. Das ist extrem viel. Wir hatten im vergangenen Jahr nur 157 000 Tage, die ausgefallen sind.

Auch einige Wirtschaftsvertreter haben davor gewarnt, dass durch die Streiks Deutschlands Standortvorteile und das gute Image im Ausland gefährdet werden. Ist es wirklich so schlimm?

Es gibt immer mal Jahre, in denen es häufiger zu Arbeitskämpfen kommt und dann auch zu solch langen Konflikten. Die Tatsache, dass die Streiks in einem einzelnen Jahr eskalieren, schadet dem Standort noch nicht. Schlimmer wäre es, wenn sich ein solches Ereignis verfestigt und wir mehrere Jahre hintereinander Streiks beobachten würden, etwa in der Logistik. Infrastrukturleistungen sind wichtig, daher müssen sie auch verlässlich sein. Permanente Rangeleien könnten dem Standort schon schaden.

Können Sie den wirtschaftlichen Schaden beziffern?

Wir haben bei den Bahnstreiks gesehen, dass die Schäden für die Gesamtwirtschaft bei Weitem nicht so stark ausgefallen sind, wie befürchtet. Wir wissen aber nicht, welche Kosten die Streiks der Volkswirtschaft verursacht haben. Da gibt es keine vernünftigen Schätzungen.

Neben den Unternehmen wurden viele Menschen getroffen.

Streiks im Verkehrswesen und in der Daseinsvorsorge schädigen Dritte extrem. Das ist ein Grundproblem, das in diesem Jahr verstärkt aufgetreten ist, weil diese Bereiche auch verstärkt bestreikt wurden. Einen Kita-Streik von vier Wochen hatten wir noch nie.

Viele haben Verständnis, wenn Erzieher für mehr Geld streiken, aber weniger, wenn Piloten für den Erhalt ihrer Bezüge die Arbeit niederlegen. Gibt es gute und schlechte Streiks?

Die Akzeptanz von Streiks hängt viel davon ab, wie sie nach außen hin begründet werden. Bei Piloten ist sie nicht so hoch, weil derzeit viele Arbeitnehmer Eingriffe in ihre Besitzstände haben – etwa durch die Erhöhung des Renteneintrittsalters – während die Piloten gegen Anpassungen in der Übergangsversorgung streiken. In den Augen der Bevölkerung ist das ein Luxusstreik. Ganz anders als bei Erziehern. Sie verdienen nach Meinung vieler relativ schlecht, die Solidarität war groß. Gewerkschaften brauchen aber die Unterstützung der Öffentlichkeit, um einen Streik lange durchhalten zu können. Von dem langen Lokführerstreik waren viele Menschen irgendwann genervt.

Ist Deutschland denn irgendwann streikmüde?

Die Konsumenten sind sicher streikmüde. Bei den Arbeitnehmern scheint die Protestbereitschaft zu steigen. Es gibt sogar Kollegen, die der Meinung sind, Deutschland hätte die Lust am Streiken gerade neu entdeckt. Ob die Bereitschaft der Arbeitnehmer, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren, tatsächlich zugenommen hat, kann man aus meiner Sicht noch nicht beantworten. Es gibt Tendenzen.

Welche Rolle hat das Tarifeinheitsgesetz gespielt?

Eigentlich nur eine kleine. Den einzigen Streik, den man mit diesem Gesetz schneller hätte lösen können, wäre der Bahnkonflikt gewesen. Die anderen Konflikte haben mit dem Tarifeinheitsgesetz nichts zu tun. Das Gesetz ist also kein Allheilmittel.

Warum ist Deutschland denn so unfriedlich geworden in Sachen Streiks?

Die Gewerkschaften sind dazu übergegangen, unternehmerische Entscheidungen infrage zu stellen. Dagegen wehren sich die Unternehmen. Außerdem wächst die Rivalität zwischen den Gewerkschaften. Das führt beispielsweise bei der Lufthansa dazu, dass keine Gewerkschaft den ersten Abschluss machen und dem Unternehmen so mehr zugestehen will, als eine Konkurrenzgewerkschaft. Das macht die ganze Situation schwierig.

Deutschland geht es derzeit wirtschaftlich recht gut. Steigt damit auch die Bereitschaft, zu streiken?

Es gibt eine alte These: Wenn es wirtschaftlich besser ist, fordern die Gewerkschaften mehr. Auf der anderen Seite geben die Arbeitgeber eher nach, weil sie der Streik härter trifft. Ausschlaggebend ist aber nicht die wirtschaftliche Entwicklung, sondern, um welche Themen es geht. Reine Lohnfragen kann man beispielsweise leichter lösen als wenn Unternehmen Tarifstandards oder die Gewerkschaften die Arbeitszeit absenken wollen. Das erhöht das Konfliktrisiko.

Was kommt dann 2016 auf uns zu?

Wir haben nächstes Jahr in vielen großen Branchen wieder Tarifverhandlungen. Die Verhandlungen bei der Lufthansa – sind mit Ausnahme des Bodenpersonals – noch nicht beendet. Da gibt es noch immer eine Großbaustelle. Und im Herbst werden wir auch wieder dem Risiko ausgesetzt sein, dass bei der Bahn ein Konflikt eskaliert. Auch in der Metallindustrie gibt es noch eine große Tarifrunde. Hier kommt es darauf an, wie Arbeitgeber und Gewerkschaften die Konjunkturlage einschätzen. Je weiter die Einschätzungen auseinanderliegen, desto größer wird die Gefahr, dass die Gewerkschaften mit Warnstreiks Druck ausüben. Ich gehe aber davon aus, dass das nächste Jahr nicht so dramatisch wird wie 2015. Wünschenswert wäre für alle Beteiligten eine Rückkehr zu den friedlichen Verhältnissen von 2010.

Zum Interview auf weser-kurier.de

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