Leserforum: „Warum wollen die alle nach Deutschland?“ Image
Wie viele Flüchtlinge nach Europa und Deutschland kommen werden, ist noch immer ungewiss. Foto: Bumann/Fotolia

Gabriele Packheiser, Kleve: Der Satz der Kanzlerin „Wir schaffen das“ wird immer wieder zitiert, aber was genau ist damit eigentlich gemeint?

Schneider: Zunächst einmal geht es darum, Flüchtlinge vor Obdachlosigkeit zu bewahren – mit einem Dach über dem Kopf, einem Bett und Essen. Integration dagegen ist eine Marathonaufgabe, die Jahrzehnte dauert. Je mehr Menschen kommen, desto langsamer wird das gehen. Dramatisch wird es, wenn 2016 noch einmal 1,5 bis zwei Millionen Menschen kommen – in den Kommunen ist jetzt schon kein Bett mehr frei. Das ist kaum zu schaffen.

Preuschaft: Mir ist das „Wir“ wichtig. Die Frage stellt sich immer stärker, weil die Unsicherheit wächst, wer „wir“ sind. Es wird zu viel in Trennungen gedacht – zwischen Deutschen und Flüchtlingen, aber auch zwischen „denen da oben“, also Politik und Wissenschaft, und dem Volk. Daran müssen wir arbeiten. Ich habe übrigens den Eindruck, dass der Satz sich langsam zum Bumerang entwickelt. Als er gesagt wurde, war er noch hilfreich, weil er humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge in Ungarn signalisierte.

Schneider: Das stimmt. Der Satz ist eine Herausforderung an die Bürger, durch persönlichen Kontakt Vertrauen aufzubauen. Aber wenn ich in dieser Lage nicht sage, mit welchen Mitteln und in welchen Zeiträumen was zu schaffen sein soll, wird er hinderlich.

Plünnecke: Ich sehe eher die Chancen – mit dem Satz erhöht sich auch der Druck, jetzt aktiv zu werden, um „das zu schaffen“. Das ist auch eine Botschaft nach innen und nach Europa.

Winfried Hamacher, Mönchengladbach: Europa hat 500 Millionen Einwohner. Selbst falls fünf Millionen Flüchtlinge bleiben, hat das mit Überforderung nichts zu tun. Stellen Sie sich vor, in einen Saal mit 500 Gästen kommen noch fünf Gäste zusätzlich. Was passiert? Nichts.

Schneider: Fünf Millionen für Europa sind kein Problem, drei Millionen für Deutschland sind ein Problem. Wenn die Flüchtlinge dann noch ihre Angehörigen nachholen, und in der Regel ist da von einem Verhältnis von eins zu vier die Rede, dann mache ich mir Sorgen. Wir brauchen eben im Rahmen einer europäischen Lösung doch Obergrenzen. Solange die Kanzlerin das nicht will, wird es keine europäische Lösung geben.

Plünnecke: Natürlich muss Europa mit einer Stimme sprechen – die Verteilung der Flüchtlinge ist entscheidend. Leider fehlt es in Europa an Solidarität, die Länder sind zerstritten und ein schwacher Verhandlungspartner nach außen.

Petra Hamm, Korschenbroich: Warum ist in diesem Ausmaß nur Deutschland betroffen? Unser Staat ist von neun Nachbarn umgeben, allesamt demokratische, wohlhabende Staaten. Claudia Gottschling, via Facebook: Die Muslime sind ja aus dieser Welt geflüchtet – vielleicht finden sie „unsere“ Werte ja besser?

Preuschaft: Deutschland ist in Syrien schlicht viel bekannter als Österreich oder die Niederlande – wegen seiner Nahostpolitik, aber auch wegen der Autoindustrie und des Fußballs. Darauf können wir durchaus stolz sein. Was die Werte angeht: Die Hoffnung auf Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ist zentral. „Unsere“ Werte sind allerdings universelle Werte. Deswegen müssen wir an ihnen festhalten, so schwer das fallen mag und sosehr wir uns auch sorgen.

Ruth Hohage, Neukirchen-Vluyn: Meine Erfahrung als Lehrerin für Sonderpädagogik: Integrationsversuche scheitern, weil Muslime ein emanzipiertes, gleichberechtigtes Frauenbild ablehnen. Georg Bremer, Solingen: Wir brauchen in den Pflege- und Betreuungsberufen mehr Personal. Das aber können keine jungen Männer aus fremden Kulturkreisen sein, für die Frauen, außer der eigenen Mutter, Menschen niederen Ranges sind.

Preuschaft: Es kommen ja nicht nur Männer. Wir können deshalb etwa muslimische Frauen als Pflegekräfte gut gebrauchen. Und ganz grundsätzlich: Die Schlechterbehandlung der Frau hat nicht in der muslimischen Kultur oder Religion ihren Ursprung. Wir sind da ganz schön geschichtsvergessen – bis 1977 konnte ein Mann seiner Ehefrau nach bundesdeutscher Gesetzeslage untersagen zu arbeiten.

Schneider: Ich sehe das nicht als massenhaftes Problem. Die jungen Leute, die jetzt zu uns kommen, sind durch das Internet stark westlich geprägt und wissen, dass die Frau bei uns eine ganz andere Rolle hat. In den syrischen Familien, die ich kenne, das sind meist Akademiker, hat die Frau denselben Status wie bei uns. Sie ist sogar eher die heimliche Chefin der Familie. Ich bin da nicht so pessimistisch, erst recht nicht in der Pflege: Viele Muslime haben einen viel besseren Draht zu älteren Menschen als wir Deutsche, weil die Ehrfurcht vor dem Alter noch viel ausgeprägter ist.

Klaus und Carmen Weyers, Ratingen: Bis heute ist keine befriedigende Integration der Muslime erfolgt.

Plünnecke: Die meisten hier lebenden Muslime sind gut integriert und leben die Werte des Grundgesetzes. Die nimmt man nur nicht mehr als Migranten wahr – deswegen sagt uns das Bauchgefühl oft etwas anderes, als die Daten zeigen. Menschen, die fremd sind und bleiben, erkennt man als solche; wer ähnliche Werte lebt und gut integriert ist, den übersieht man.

Preuschaft: Auch die persönliche Erfahrung mit Migranten widerspricht diesem Eindruck. Die fehlt aber vielen Einheimischen.

Hans Föller, Xanten: Ich habe starke Befürchtungen, dass Terroristen ins Land geschleust werden.

Preuschaft: Bisher sind das Vermutungen und Sorgen, die ein Scheinargument zu werden drohen. Im Moment scheinen wir ein größeres Problem mit rechtsextremem Terrorismus zu haben.

Wilfried und Christine Hildebrandt, Mettmann: Die Bundesarbeitsministerin hat bereits festgestellt, dass eventuell jeder Zehnte arbeitstauglich ist, so dass massenhaft Zuwanderer in die Sozialsysteme kommen werden, ohne eigene Beiträge.

Plünnecke: Ein Teil wird als Helfer arbeiten können. Auf die Schnelle kann aber nur ein kleiner Teil als Fachkraft eine Arbeit finden. Mindestens 70 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge aus Kriegsländern haben weder Berufsausbildung noch Hochschulabschluss. Das heißt zwar umgekehrt, dass 30 Prozent den Einstieg als Fachkraft schaffen können. Die anderen aber brauchen Berufsvorbereitung, Praktika, Ausbildung. Das wird dauern.

Felix Heinz Holtschke, Düsseldorf: Angesichts des niedrigen Bildungsstands der Flüchtlinge ist mit einer Beseitigung des Fachkräftemangels kaum zu rechnen.

Plünnecke: Das stimmt. Eine aktuelle Studie unseres Instituts hat ergeben: Wenn die Integration gelingt, können wir in zehn Jahren etwa 15.000 Fachkräfte in gewerblichtechnischen Mint-Berufen gewinnen.Das ist allerdings nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Wir brauchen Hunderttausende. Beim Umgang mit den Flüchtlingen geht es aber nicht in erster Linie um den Fachkräftemangel. Das ist vor allem eine humanitäre Aufgabe.

Margarete Liebl, Düsseldorf: Die syrischen jungen Männer, die ich kennengelernt habe, sind Akademiker und haben in diesen Berufen in Syrien gearbeitet. Sie sind nicht nach Deutschland gekommen, weil sie arbeitslos waren, sondern um ihr Leben zu retten.

Plünnecke: In der Tat sind die Syrer etwas besser qualifiziert als Afghanen, Iraker und Eritreer, aber schlechter als der Rest derer, die nach Deutschland kommen, um zu arbeiten. Den syrischen Arzt gibt es, aber er ist nicht repräsentativ.

Axel Dülken, Mönchengladbach: Wie soll die Finanzierung gelöst werden? Hermann Franzen, Mönchengladbach: Wir haben kein Geld für angemessene Bezahlung von Personal in Altenheimen, Krankenhäusern und Kindergärten, für ausreichendes Personal im Justizbereich, bei der Polizei, in den Schulen. Mutige Politiker und Ökonomen streiten kommende Steuer- und Abgabenerhöhung nicht ab.

Schneider: Die Integration mittelfristig ohne Steuererhöhungen zu finanzieren, ist utopisch. Wir geben jetzt schon rund 20 Milliarden Euro für die Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen aus. Wir werden auch mehr Sozialleistungen zu stemmen haben: Hartz IV durch den Bund, Unterkunftshilfen durch die Kommunen. Auch das wird letztlich den Steuerzahler belasten. Deswegen ist es so wichtig, dass die Menschen schnell in Arbeit kommen.

Klaus Harder, Meerbusch: Wie könnten wir ein „Programm 10.000“ (10.000 Lehrer, 10.000 Polizisten, 10.000 Sozialarbeiter) schnell realisieren? Das werden wir brauchen.

Plünnecke: Wir brauchen sogar 15.000 bis 30.000 zusätzliche Lehrer, je nach Rechnung. Die finden wir nicht am Arbeitsmarkt – wir müssen also Pensionäre reaktivieren.

Schneider: Allein in NRW sind für die 40.000 erwarteten zusätzlichen Schüler pro Jahr 3000 Lehrer nötig. Die sind nicht von den Bäumen zu pflücken. Man müsste über ein Schnellstudium wie bei den „Mikätzchen“ in den 60er Jahren nachdenken – vier statt sechs Semester. Oder über vierteljährige Pflichtpraktika für Studenten pro Studienjahr. Oder darüber, die Pensionsgrenze hinauszuschieben. Wenn ein Bürgermeister bis 80 arbeiten kann, kann ein fitter Lehrer auch bis 70 arbeiten. Klar ist außerdem: Wir müssen die Standards zurückfahren. Die Klassen werden größer werden…

Plünnecke … dabei müssen sie kleiner werden!

Schneider: Aber wie soll das gehen?

Plünnecke: Indem wir die Lehrer aus der Pension zurückholen.

Schneider: Aber so viele finden wir nicht jedes Jahr.

Melanie Dietz, Haan: Marode Schulen und Straßen, Kinderarmut, Altersarmut – nun werden Milliarden für fremde Menschen ausgegeben. Woher kommt das viele Geld? Rudolf Hoeller, Düsseldorf: Plötzlich ist viel Geld da.

Schneider: Um das ganz klar zu sagen: Das Geld wird nicht anderswo weggenommen. Zurzeit ist das Steuerplus so gut, dass wir die Ausgaben auf Bundesebene ganz gut finanzieren können. Manche Städte müssen die Grundsteuer erhöhen, das ist richtig, aber kein Massenphänomen. Kein Bürger muss auch nur auf einen Euro verzichten, weil jetzt die Flüchtlinge da sind.

Plünnecke: Das ist kein Nullsummenspiel – Wirtschafts- und Haushaltslage sind im Moment gut genug.

Gerhard Möhle, Hamminkeln: Die meisten Flüchtlinge wollen wieder zurück in die Heimat.

Preuschaft: Es geht da eher ums Können als ums Wollen. Die Hoffnungen der Syrer, die ich kenne, auf Rückkehr haben sich weitgehend zerschlagen. Die Rückkehr wird für einen großen Teil auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte unmöglich sein.

Menno Preuschaft (34) studierte Islamwissenschaft und lebte in Syrien und Ägypten. Er arbeitet beim Landespräventionsrat des Justizministeriums Niedersachsen.

Bernd Jürgen Schneider (58) ist Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds Nordrhein-Westfalen. Er ist Jurist und Verwaltungswissenschaftler.

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"Das bringen Flüchtlinge der Wirtschaft"
Interview, 8. September 2016

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IW-Nachricht, 25. August 2016

Flüchtlinge Sprachkenntnisse sind der SchlüsselArrow

Die Integration von Flüchtlingen in das deutsche Bildungssystem wird nicht billig. Dennoch sollte die Politik mehr Geld in die Sprachförderung stecken, denn nur mit guten Deutschkenntnissen haben Flüchtlinge eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, wie aktuelle Studien zeigen. Dafür muss aber auch das Personal in Schulen und Kitas besser geschult werden. mehr