Fachkräftemangel? Kommt. Später. Vielleicht. Image
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Herr Plünnecke, Ihr Institut warnte kürzlich, dass bis 2029 schlimmstenfalls 390.000 Ingenieure fehlen. Aber schon in der Vergangenheit lagen Sie mit Fachkräfte-Prognosen daneben. Warum sollten wir Ihnen diesmal glauben?

Wir lagen damals in den meisten Punkten richtig. Es hat uns nur ein Punkt überrascht, den niemand so hatte kommen sehen: wie stark gut qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zuwanderten. Die Zuwanderung wird jedoch dauerhaft nicht auf diesem hohen Niveau bleiben können.

Wenn nicht diesmal auch wieder etwas passiert, was Sie jetzt nicht vorhersehen.

Moment! Auch aus diesem Grund stellen wir ja verschiedene Szenarien vor. Wenn Deutschland weiter attraktiv bleibt für Zuwanderer und viele junge Menschen sich für technische Studienfächer interessieren, wird die Lücke deutlich kleiner. Wenn künftig weniger Technik-Absolventen von den Unis kommen, vergrößert sie sich. Die Spannweite der fehlenden Ingenieure reicht in den Szenarien von 84.000 bis 390.000.

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, eine wie Ihr Institut ebenfalls eher wirtschaftsnahe Institution, gab kürzlich Entwarnung: Der Fachkräftemangel sei kein Thema mehr. Sie setzen dagegen die nächste Horrorzahl in die Welt.

Nein. In unseren aktuellen Publikationen schreiben wir, dass die Ingenieurlücke in den nächsten Jahren dank der jüngsten Erfolge bei den Studienanfängern nicht größer wird. Zumindest nicht in den nächsten fünf Jahren. Hier stimmen wir mit dem Stifterverband überein.

Die Wirklichkeit kann Sie praktischerweise nicht so schnell widerlegen, wenn Sie den Fachkräftemangel weiter in die Zukunft datieren. Wie seriös ist es, den Arbeitsmarkt der nächsten 15 Jahre vorhersagen zu wollen?

Dies ist seriös und wichtig für Politik und Unternehmen. Wir haben gute Informationen zur Altersstruktur in Deutschland. Wir können abschätzen, wie viele Menschen studieren werden. Fügt man das zusammen, erkennt man: Etwa ab 2025 gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, und es kommen weniger junge Fachkräfte nach. Politik und Unternehmen müssen sich also weiter anstrengen, sie müssen gegen Bildungsarmut kämpfen und für mehr Chancengleichheit sorgen.

Ein Punkt ist in Ihrer Prognose auffällig: Sie gehen davon aus, dass die Unternehmen jedes Jahr mehr Ingenieure brauchen werden. Die Möglichkeit, dass die Nachfrage nach Ingenieuren zurückgehen könnte, unterschlagen Sie. Warum?

Plünnecke: Wir beobachten generell einen Trend zur Akademisierung in der Wirtschaft, schon seit Jahrzehnten. Diese Entwicklung wird anhalten.

KarriereSPIEGEL: Ist es nicht gewagt, aus einem sehr allgemeinen Trend hin zu mehr akademischen Jobs zu schließen, dass auch immer mehr Ingenieure gebraucht werden?

Nein. Die Herausforderungen, bei denen der Sachverstand von Ingenieuren gefragt ist, wachsen. Denken Sie an die Energiewende - das ist im Grunde ein Beschäftigungsprogramm für Technikberufe. Oder die Digitalisierung in der Industrie: Wenn Sie Maschinen mit dem Internet verbinden wollen, brauchen Sie zusätzliche Ingenieure und Informatiker.

Manche Ökonomen meinen, dass kluge Maschinen bald sogar Akademikerjobs überflüssig machen könnten: Computer stellen Diagnosen wie Ärzte oder schreiben Börsenberichte wie Journalisten.

Vielleicht. Aber diese klugen Maschinen müssen ja zunächst entwickelt werden. Und dazu braucht es erst einmal zusätzlichen technischen Sachverstand.

Dass ein Ingenieur morgen mit einer Erfindung übermorgen einen Ingenieur überflüssig machen könnte, finden Sie unplausibel?

Zumindest für die nächsten 10 bis 15 Jahren, von denen wir reden. Wir sind weit davon entfernt, dass wir die Entwicklung und Vernetzung einer Maschine oder die komplexe Umsetzung der Energiewende automatisieren könnten.

Glaubt man Ihren Studien, dürfte aktuell kaum ein Mechatroniker, Techniker oder Ingenieur Probleme haben, einen Job zu finden. Auf die 234.000 Arbeitslosen kommen 345.000 offene Stellen. In Wirklichkeit melden die Firmen den Arbeitsagenturen viel weniger Stellenausschreibungen. Sie rechnen die offizielle Zahl hoch und kommen so zu einem anderen Bild.

Ja, weil wir aus Betriebsbefragungen wissen, dass Unternehmen nur etwa jede dritte bis fünfte Stelle in den technischen und naturwissenschaftlichen Berufen melden. So sind wir näher an der Realität.

Diese Methode wurde schon vor einigen Jahren heftig kritisiert. Auf die offenen Stellen bewerben sich neben Arbeitslosen auch Hochschulabgänger oder Menschen, die aus anderen Gründen nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen. Wenn Sie die offenen Stellen der Unternehmen so frei hochrechnen, müssten Sie das nicht auch bei der Zahl der potenziellen Bewerber machen?

Nein. Wer einen Job verliert, hat einen Anreiz, sich arbeitslos zu melden. Sonst gibt es keine Arbeitslosenunterstützung. Ein Unternehmen, das eine Stelle zu besetzen hat, hat einen solchen Anreiz nicht. Es ergibt Sinn, nur die Zahl der offenen Stellen hochzurechnen. Die gerade arbeitslos werdenden Hochschulabsolventen, die sich nicht bei der Arbeitsagentur arbeitslos melden, dürften in ihrer Zahl sehr klein sein. Unser Bild ist realistisch und wird auch durch Studien anderer Forscher bestätigt.

Ihre Hochrechnung wird auch kritisiert, weil die vermeintlichen vielen offenen Stellen mitunter keine akute Personalnot anzeigen, sondern einfach nur ein Hinweis darauf sind, dass Mitarbeiter in dieser Branche häufig den Arbeitgeber wechseln.

Bei Berufen mit dauerhaften Engpässen läuft dieses Gegenargument ins Leere. Wenn ein Ingenieur von Daimler zu BMW geht, fällt bei BMW zwar eine offene Stelle weg, die dafür aber bei Daimler entsteht. Sie haben weiterhin genau eine Person zu wenig.

Das Interview auf spiegel.de

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