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Andrej Holm, Sie haben sich als Kritiker der sogenannten Gentrifizierung einen Namen gemacht. Wenn Sie mal die aktuelle Entwicklung betrachten, was ist es denn, was Sie jetzt im Augenblick besonders besorgt macht?

Holm: Was wir in Städten wie Berlin, aber auch Hamburg und München seit vielen Jahren beobachten, ist tatsächlich ein Trendwechsel im Grentrifikationsfeld. Die Verdrängungsprozesse sind nicht länger auf einzelne Quartiere beschränkt, sondern haben zum Beispiel in München fast den gesamten Stadtraum ergriffen. Das hat unmittelbare Konsequenzen, weil es nämlich bedeutet, dass die negativ von den Ausweitungsprozessen Betroffenen, also diejenigen, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können, dann in der Nähe keine Umzugsmöglichkeiten mehr haben. Die uns drohende Perspektive, die auch früher immer schon diskutiert wurde, dass es einen Umzug an den Stadtrand geben muss, wird für viele heute Realität.

Michael Mönninger, teilen Sie denn diese Diagnose?

Mönninger: Es ist furchtbar einfach, mit dem Blick auf diese Mietpreisentwicklung mit dem Anspruch größter Evidenz den größten Schwachsinn zu erzählen. Wir haben natürlich jetzt eine Phase, wo große Umwälzungen stattfinden. Allerdings beschränkt sich das doch letztlich auf unsere 4 Millionenstädte, die wir in Deutschland haben: Hamburg, München, Köln und Berlin. In Braunschweig, wo ich arbeite, wäre man sehr froh, wenn man dort gelegentlich Gentrifizierungstendenzen hätte. Ich kann ihnen 150 Orte und 300 Stadtteile in Deutschland nennen, wo die Bürgermeister und die Stadtverordneten händeringend nach Gentrifizierung suchen würden. Es ist leider Gottes ein sehr brutales Grundgesetz: Der steigende Preis für Boden und Mieten ist Spiegel für den Erfolg einer Stadt. Und wenn wir Gentrifizierung falsch begreifen, heißt das, wir wollen den Erfolg gewisser Stadtteile nicht. Das müssen wir heute versuchen zu differenzieren.

Michael Voigtländer, wenn Sie die ökonomische Situation, die hinter der Gentrifizierung steckt, mal beschreiben, wie haben sich denn in der letzten Zeit in den letzten Jahrzehnten vielleicht überhaupt die Immobilienpreise entwickelt?

Voigtländer: Wir haben in Deutschland einen besonderen Immobilienmarkt, weil wir über lange Zeit stagnierende Preise und sehr moderate Preissteigerungen hatten. Das haben wir jetzt in der Tat noch in vielen Regionen. Viele Regionen leiden ja eher unter dem demografischen Wandel, haben mit Schrumpfung zu tun. Das ist eigentlich eine Besonderheit in Deutschland, dass auch in den Metropolen lange Zeit die Preise nur relativ moderat gewachsen sind. Wenn wir das vergleichen mit London, Paris und anderen internationalen Städten, dann ist die Situation relativ entspannt. Jetzt hat sich die Situation aber etwas geändert: Seit einigen Jahren haben Investoren, aber auch Nutzer die Stadt wiederentdeckt. Man spricht auch von der Renaissance der Großstädte, weil die Menschen heute wieder zentraler leben wollen, weil gerade viele junge Menschen dort bessere Jobchancen sehen. Mehr Jobs werden dort auch geschaffen – in Berlin gibt es beispielsweise ein überproportional starkes Wachstum der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Und auch die jüngeren Senioren zieht es vermehrt in die Städte. Wir haben viele Menschen, die heute ihr Häuschen auf dem Land oder an der Peripherie aufgeben wollen und in die Stadt ziehen möchten. Mit dieser steigenden Nachfrage ist es jetzt natürlich so, dass die Preise ganz automatisch steigen und dass natürlich auch bevorzugte Stadtlagen wiederentdeckt werden. Das ist in Berlin beispielsweise der Friedrichshain oder auch andere Stadtteile.

Jetzt vermute ich mal, Andrej Holm, dass Ihnen diese Gegenrede der beiden Herren hier am Tisch nicht so ganz gefällt. Wie können wir denn sinnvoll mit diesem Begriff Gentrifizierung umgehen, wenn er denn offensichtlich nur Prozesse in den großen Städten beschreibt?

Holm: Mir fällt auf, dass wir häufig, wenn wir über Stadtentwicklungsprozesse sprechen, so wie Herr Mönninger das eben auch gemacht hat, im Prinzip die Stadt als Gesamtheit wahrnehmen und sagen, der steigende Preis ist ein Spiegel des Wohlbefindens der Stadt oder des sozialen und ökonomischen Aufstiegs. Das, was eine sozialwissenschaftliche, soziologische Perspektive aufmacht, – und der Gentrifikationsbegriff wird auch von Stadtsoziologen benutzt – ist, dass wir nach unterschiedlichen sozialen Gruppen gucken, dass wir uns anschauen, wie wirken sich ganz allgemein Prozesse der gesellschaftlichen Stadtentwicklung auf die einzelnen sozialen Segmente und auf einzelne soziale Schichten aus. Und insofern sind wir in der Beurteilung des Trends gar nicht so weit auseinander, sondern vielleicht in der Perspektive, was wir uns aus diesem Trend heraussuchen. Und genau diese Entwicklung, dass die Preise – ob das jetzt tatsächlich nachholende Wohnungsmarktentwicklung oder der allgemeine ökonomische Erfolg der Städte ist – das weiß ich nicht. Was wir aber beobachten, ist, dass diejenigen, die wenig Einkommen haben, in diesen Prozessen zu den Verlierern gehören, dass sie an die Stadtränder ziehen, dass sie umziehen, dass sie ihre Wohnfläche deutlich verkleinern, so dass wir in Gebieten wie Kreuzberg in Berlin zum Beispiel wieder Phänomene der Überbelegung haben. Eigentlich ein wohnungspolitisches Thema, dass seit den 1960er, 1970er Jahren als gelöst galt. Das kommt uns jetzt in den Aufwertungsgebieten wieder auf den Tisch. Und das ist, glaube ich, der Unterschied – gar nicht so sehr die Einschätzung, warum und ob Mieten steigen, und ob es eine allgemeine Aufwärtsentwicklung gibt.

Würden Sie mir so weit entgegenkommen, dass Sie sagen, dass ist tatsächlich nur ein Problem der großen Städte? Denn Herr Mönninger sagte ja jetzt eben, in Braunschweig wären die Leute froh, wenn Gentrifizierung stattfinden würde – oder in kleineren Städten?

Holm: Gentrifikation wird weltweit vor allem in großen Städten diskutiert. Wir haben ganz wenige wissenschaftliche Ansätze, wo in kleinen und Mittelstädten solche Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse diskutiert werden. Das hat viel auch damit zu tun, dass in einer Stadt von der Größe von Hanau oder vielleicht auch Braunschweig der Umzug von einem in den nächsten Stadtteil nicht von den städtischen Ressourcen trennt. Wenn du in München oder Berlin aus dem Zentrum an den Stadtrand ziehen musst, dann fehlt dir der Kontakt zu vielen urbanen Infrastrukturen, die das Leben in einer Stadt ausmachen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass Gentrifikation und Verdrängung vor allem in den Großstädten diskutiert wird.

Voigtländer: Wir sprechen davon, dass die Menschen verdrängt werden. Oft ist es ja so, dass die Menschen gar nicht verdrängt werden, sondern wir haben ja bestehende Mietverträge, und wir sehen auch, dass in den bestehenden Mietverträgen die Mieten ja längst nicht so stark steigen wie bei den Neuvertragsmieten – da ist eine große Spreizung. Wenn man sich das in Berlin anschaut oder auch in vielen anderen Großstädten: Die Bestandsmieten entwickeln sich immer noch langsamer als die Inflationsrate. Das heißt, man hat keine wirklichen Preissteigerungen. Ein Problem wird es möglicherweise für denjenigen, der aus sozial schwachen Gruppen kommt und jetzt zuziehen möchte. Das betrifft aber nur relativ wenige Menschen. Und wir müssen auch sehen in der Stadtpolitik: Wir haben ja nur dann ein Problem, wenn diese Menschen keine Auswahlmöglichkeiten mehr haben und dorthin ziehen müssen, wo soziale Risiken kumulieren. Und das sehe ich weder in Berlin noch in vielen anderen Großstädten, sondern es gelingt uns ja eher, dass wir die Städte vielleicht erweitern und mehr Auswahl haben. Von daher ist dieses Problem im Moment jedenfalls eher ein geringes Problem.

Mönninger: Wir wären doch wahnsinnig, wenn wir bestreiten würden, dass einzelnen Mietern, die sich am Markt nicht angemessen versorgen können, dass denen allmählich die Luft weg bleibt. 1998 war zum Beispiel Berlin-Kreuzberg noch auf der untersten Stufe des Berliner Sozialstrukturatlas, mit 30 Prozent Arbeitslosen, 15 Prozent Sozialhilfeempfängern. Heute gibt es in Kreuzberg die großen Demonstrationen gegen Gentrifizierung. Der Stadtteil wird zu reich. Das Problem ist eher, dass wir keinen funktionierenden oder keinen transparenten Markt haben, wir haben einen gespaltenen Markt. Es gibt die Altmieten – ich selber habe Kollegen hier, die immer noch am Winterfeldtplatz in Berlin auf 200 Quadratmetern für 1000 Euro warm wohnen – da werden mir die Augen feucht. Ich habe selber erlebt, ich bin 5 Jahre in Paris gewesen, da kann ich ihnen etwas erzählen von Gentrifizierung und von Mietpreisen. Als ich nach Berlin zurückkam, habe ich den Asphalt geküsst, wieder in einer schönen großen Stadt zu sein. Für eine ähnliche Wohnung, die ich dann damals neu mietete, musste ich allerdings plötzlich das Doppelte bezahlen. Das heißt, ich quersubventioniere mein halbes Haus, in dem die Leute seit 30 Jahren wohnen und mit Bruttomieten von 3 bis 4 Euro ein wunderbares Auskommen haben. Ich gönne denen das, aber ich subventioniere die quer. Ich mache das gerne, weil es nette Leute in meinem Haus sind. Aber wer sich heutzutage bewegt, wird erlegt. Und das müssen wir irgendwie in den Griff bekommen, dass Mobilität nicht bestraft wird bei Neuvermietung.

Wie geht dieser Gentrifizierungsprozess vor sich und woher kommt dieser Begriff überhaupt, denn er hat ja noch keine sehr lange Geschichte?

Holm: Ja, der Prozess ist tatsächlich älter als der Begriff. Der Begriff wurde von der britischen Soziologin Ruth Glatt als erste in die Welt gesetzt. Das war in den 1960er Jahren, da hat sie in London Prozesse in der Innenstadt beobachtet, die sie dann als Gentrifikation beschrieben hat. Und sie hat damals sinngemäß gesagt, dass in viktorianischen Stadtteilen, die einen wohnungswirtschaftlichen und sozialen Abschwung erlebt haben, eine Wiederaufwertung einsetzte. Und sie hat mit diesem Wiederaufwertungsbegriff eine doppelte Wiederaufwertung gemeint. Sie hat zum einen die bauliche und wohnungswirtschaftliche Aufwertung in den Blick genommen und hat gesagt, diese bauliche und wohnungswirtschaftliche Aufwertung führt zu einem sozialen Strukturwandel. Die führt zu einem Verdrängungsprozess, bis alle oder die meisten der Arbeiterklassebewohner – sagt sie – aus diesem Viertel verdrängt werden und sich der gesamte soziale Charakter des Viertels verändert. Das ist so die Mutter aller Gentrifikationsdefinitionen, auf die immer mal wieder zurückgegriffen wird, und dass was wir in den Blick nehmen müssen für die aktuellen Diskussionen, ist, diesen Grundmechanismus zu akzeptieren. Eine bauliche und besonders wohnungswirtschaftliche Veränderung führt dazu, dass sich Sozialstrukturen in diesen Stadtteilen verändern. Es gibt Drumherum eine ganze Reihe von Modellannahmen, die von zyklischen Entwicklungen, von Pionierphasen sprechen, die also nach Gründen suchen, warum es diese bauliche und soziale Aufwertung in den Quartieren gibt und wir davon sprechen, dass Künstler und Studierende Viertel attraktiv machen, und später wird es als Immobilienmarkt entdeckt und würde dann zu den Prozessen führen. Ich glaube aber, dass wir gerade in der internationalen Gentrifikationsforschung viele Beispiele haben, in denen es Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse gibt – da ist nie eine Galerie eröffnet worden, da ist nie ein alternativer Buchladen entstanden, da gab es keine alternative und Subkultur, die dazu führt. Ich würde mich eigentlich gerne von diesen idealtypischen Abläufen gerne verabschieden. Aus meiner Sicht ist Gentrifikation weniger ein Lebensstilphänomen – aber in den öffentlichen Debatten reden wir immer über die Latte-Machiato-Mütter und über die neuen Cafés und über die Pilatesangebote in der Gewerbestruktur etc. Ich glaube aber, im Kern haben wir es mit einem wohnungswirtschaftlichen Prozess zu tun, der soziale Auswirkungen in den Quartieren hat.

Mönninger: Vielleicht kann man sich doch darauf einigen – erst mal muss man feststellen, dass 50 Jahre nach dem Krieg, nachdem das große Auseinanderlaufen, die totale Auflösung der Städte, der Flucht an die Peripherien, nachdem das gestoppt ist, eine Reorganisierung eintritt und die Leute nicht mehr stundenlang im Auto sitzen wollen, sondern sie kommen zurück in die Städte und da muss man erst mal heilfroh sein, dass diese Stadtauflösungs- und Stadtzerschlagungsepoche jetzt vorbei ist. Dass wir jetzt unvorbereitet in den Städten mit einer größeren Nachfrage konfrontiert sind, ist das andere Problem. Allerdings schauen sie sich den Demonstrationsfall für Gentrifikation in New York an, Hudson River, da wo heute das Galerienviertel boomt, das war vor 20 Jahren wirklich eine Ruinenlandschaft. Mittlerweile, wenn man auf dieser begrünten Hochbahntrasse entlang geht, da stehen Häuser, die würden wir drei, selbst wenn wir zusammenlegen, uns nicht leisten können. Nun ist die Frage: Ist das schlecht, dass ein völlig verwahrlostes Innenstadtgebiet entwickelt wird, bis zu welcher Grenze, was kann man steuern? Aber der Prozess an sich, dass Städte wieder wertgeschätzt werden, dass die Preise auch ein bisschen den Erfolg spiegeln, da können wir doch nichts daran rütteln. Da müssen wir sagen: Als Liebhaber von Stadt, und Stadt ist wirklich die einzige Zivilisationsform, die den Menschen angemessen ist – alles andere sind kulturelle Zwischenstufen oder Verfallsstufen – da kann man sich nicht einfach abwenden und sagen, dass passt mir nicht.

Ist dies in der Tat etwas Schlechtes, Herr Holm, wenn jetzt Geld in diese vernachlässigten Viertel fließt und dann logischerweise ein gewisser Austausch der Bevölkerung stattfindet.

Holm: Ich würde bei diesem „logischerweise“ stutzig werden. Also ich glaube, dass niemand, auch von den unmittelbar von der Gentrifikation Betroffenen, etwas gegen eine Steigerung der Lebens- und Wohnqualität hat. Im Prenzlauer Berg ist das ja zu Beginn der Stadterneuerungsprozesse in großen Umfragen und Sozialstudien erhoben worden, und alle Befragten haben gesagt: Ja wir wünschen uns, dass wir eine moderne Heizung, ein Bad und ein Innen-WC in diese Wohnung bekommen. Gleichzeitig hat man sich aber auch gewünscht, dass man an diesen neuen Qualitäten partizipieren kann. Man wollte da bleiben, und man wollte die besseren Wohnungen haben. Und in der Stadterneuerungspolitik ist dieses als Versprechen ja auch formuliert worden. Man hat gesagt, wir wollen die bauliche Erneuerung schaffen und wir wollen den Erhalt der sozialstrukturellen Zusammensetzung sichern. Das waren 1993 die Ziele, und das war im Prinzip die Verhandlungsbasis, unter der die Bewohnerschaft im Prenzlauer Berg damals zur Zustimmung für die Sanierungspläne überzeugt wurde. Wenn wir heute auf diese Geschichte schauen, dann sehen wir, dass die baulichen Erneuerungsziele zu 85, 90 Prozent erreicht wurden, das ist unbestreitbar, dass dies eines der schönsten und erneuertsten Gebiete in der Stadt ist. Und gleichzeitig ist aber das Ziel, Erhaltung der sozialstrukturellen Zusammensetzung weitgehend verfehlt worden. Es ist nicht nur verfehlt worden, weil nur noch 20 Prozent der Altmieter dort wohnen, sondern es ist vor allen Dingen verfehlt worden, wenn wir uns die Sozialstrukturzusammensetzung ansehen, wenn wir sehen, dass der Prenzlauer Berg einst ein Viertel mit 70 Prozent des durchschnittlichen Einkommen im Vergleich zu städtischen Einkommen war. Heute liegt das durchschnittliche Einkommen bei 140 Prozent. Die 20 Jahre Stadterneuerung im Prenzlauer Berg haben eines der ärmsten in eines der einkommensstärksten Gebiete in Berlin verwandelt. Und das ist ein Veränderungsprozess, bei dem notwendigerweise diejenigen, die nicht zu den Einkommensstarken gehören, auf der Strecke bleiben. Die Frage ist, ist das der Preis. Ist das der Preis für unseren Traum von der reurbanisierten Stadt? Ist das der Preis, den wir als Gesellschaft zahlen müssen und bereit sind zu zahlen für eine erneuerte Altbausubstanz im Prenzlauer Berg, oder ist das ein Thema, das eigentlich in den stadtpolitischen Diskussionen ausgehandelt wird?

Wo wandern denn diese Leute hin, die sich diese Mieten nicht mehr leisten können?

Voigtländer: Wir müssen sehen, wenn wir das Beispiel Berlin betrachten, dass Berlin einfach historische Besonderheiten aufweist. Durch die Teilung der Stadt waren zentrale Lagen in der Stadt einfach unattraktiv. Das ändert sich jetzt langsam und das ist für die Stadt ja auch wichtig. Und gerade Berlin braucht natürlich auch einkommensstarke Einwohner. Die Stadt hat große Probleme, sie muss dankbar sein, dass da jetzt Leute sind, die Geld haben, die investieren, die eben die Aufwertung auch vorantreiben. Was jetzt die Umzugsmöglichkeiten angeht, würde ich zunächst sagen: Die Mietverträge gelten ja. Die Gentrifizierung, die Verdrängung, die findet in Deutschland sicherlich deutlich langsamer statt, als das etwa in New York der Fall ist oder an anderen Standorten. Wo ja oftmals die Mietverträge sehr kurzfristig sind und wo die Mieten auch für die Bestandsmieter sehr schnell angepasst werden. Da haben wir in Deutschland ein deutlich sozialeres System. Man muss natürlich sehen, dass es in Berlin noch sehr viel Wohnraum gibt, dass es auch viele Möglichkeiten gibt umzuziehen. Und das wird ja auch genutzt. Man sieht das ja auch. Teilweise gibt es ja auch Entwicklungen, dass dann andere Stadtviertel attraktiver werden, die vorher noch nicht so im Fokus waren. Ich würde das Ganze auch unter dem Begriff des Strukturwandels verstehen. Und der muss ja auch stattfinden. Städte müssen atmen können, müssen sich entwickeln können. Und dass sich dann auch die Sozialstruktur ändert, das gehört einfach dazu. Das Problem entsteht ja nur dann, wenn wir dadurch Problemviertel bekommen, das heißt, wenn wir dann in bestimmten Stadtvierteln auf einmal vermehrten Vandalismus haben, vermehrte soziale Perspektivlosigkeit und diese Dinge, und das kann ich bislang nicht erkennen. Weil wir es eben doch schaffen, dass wir große Auswahlmöglichkeiten haben für die Mieter und natürlich muss auch die Stadt und die Bundespolitik das auch abfedern, das ist ganz klar. Wir haben sicherlich zunehmend das Problem der Bezahlbarkeit der Mieten, ich würde das nicht auf einzelne Stadtviertel beziehen, sondern es ist einfach das Problem der Bezahlbarkeit der Mieten in den Metropolen. Da ist der Staat natürlich gefordert, aber er hat die entsprechenden Instrumente, beispielsweise das Wohngeld, und über solche Instrumente muss dieser Strukturwandel dann auch abgefedert werden für die Betroffenen.

Holm: Ich glaube, bei der Verdrängungsdiskussion ist der Weg tatsächlich anders. Und ich glaube, dass wir in den konkreten Sanierungsgebieten, da wo tatsächlich eine Altbausubstanz mit sehr schlechten aber auch sehr preiswerten Wohnungen auf den aktuellen Standard modernisiert wird, da sind die modernisierungsbedingten Mietsprünge häufig so groß, dass es kein Wunder ist, dass die, die vorher in den schlechten Wohnungen wohnen mussten, weil sie sich nichts Besseres leisten konnten, da nicht mithalten können. Das ist genau auch die Grenze, wo das Mietrecht im Prinzip keinen Schutzparagrafen in die Miete setzt. Man hat in den Sanierungs- und Milieuschutzaktionen nach ein paar städtebaurechtlichen Instrumenten gesucht, die aber, das zeigen die empirischen Untersuchungen, nicht besonders erfolgreich waren, tatsächlich Arme in den sanierten Wohnungen zu halten. Dass, was sie Strukturwandel nennen und die Veränderungen in der Stadt, ist kein Problem, solange es den Betroffenen möglich ist, in einer Reihe von Auswahlmöglichkeiten, die ihnen angenehmste Option zu wählen. Also von Prenzlauer Berg nach Pankow oder nach Friedrichshain oder innerhalb der Münchner Innenstadt in das nächste preiswerte Gebiet zu ziehen. Es wird aber zum Problem, wenn sich die Aufwertungstendenzen und die hohen Neuvermietungspreise, von denen wir hier schon gesprochen haben, wenn sie flächendeckend über großen Teilen der Innenstadt oder der Gesamtstadt liegen, weil sich dann die Wahlmöglichkeiten auf ganz wenige Punkte reduzieren. Ich gebe Ihnen Recht, dass wir in Städten wie München und Berlin keine mit US-amerikanischen Städten vergleichbaren Tendenzen haben. Das ist es, was als großer Wert in der stadtpolitischen Debatte angenommen wird. Ich will mal kurz eine Zahl nennen: Wenn Hartz-IV-Haushalte, die sich an den Bemessungsgrenzen der Jobcenter bei den Kosten der Unterkunft bei der Wohnungswahl orientieren müssen, wenn die zur Zeit eine Wohnung suchen, dann finden sie in Prenzlauer Berg in 4,6 Prozent aller angebotenen Wohnungen eine Wohnung, die unterhalb der Bemessungsgrenze liegt. Sie könnten da einziehen, stehen aber in Konkurrenz zu den Studierenden, die vielleicht auch in diese preiswerten Wohnungen wollen. Wenn die in Marzahn suchen, dann sind dort – Stand 2012 – 80 Prozent aller Wohnungen unterhalb dieser Bemessungsgrenze. Und das heißt, auf längere Dauer haben wir im Prinzip ein vom Wohnungsmarkt, also von den Neuvermietungspreisen, und vom restriktiven Sozialsystem, die derzeit in den deutschen Städten praktiziert werden, eine regelrechte Segregationsmaschine. Und es ist eine Frage der Zeit, dass wir in den Sozialstatistiken auch ablesen werden, dass sich Arbeitslose, dass sich Sozialtransferhaushaltsempfänger in den Randlagen, in den letzten preiswerten Gebieten der Städte sammeln. Und in Städten wie München in Teilen ist es nicht nur eine Frage von Arbeitslosen und Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften, sondern geht hinein zu Normalverdienern, die vielfach darüber klagen, dass sie im Stadtgebiet keine Wohnung finden und ausweichen müssen. Und dass kann man mit so einer Gesamtstadtperspektive auch gut finden, man kann sagen, die noch mehr Steuern zahlen, die bleiben halt da. Und wer nicht ganz so viel zur Stadt beiträgt, der bleibt weg. Aber ich glaube, dass uns urbane Qualitäten, Vermischung von Vielfältigkeit, von Unterschiedlichkeit dadurch auch verloren gehen kann.

Voigtländer: Das Problem ist ja, dass die Bautätigkeit nicht so schnell nachzieht in den Metropolen. Und ich möchte auch noch mal auf das, was Herr Holm gesagt hat, eingehen. Sie haben ja beklagt, dass sich die Auswahlmöglichkeiten reduzieren, gerade auch für die, die zum Beispiel Hartz IV beziehen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Angemessenheitsgrenzen dynamischer gestaltet werden müssen. Das ist sicherlich ein großes Problem der Politik, dass diese Angemessenheitsgrenzen nur sporadisch festgelegt werden, auch nach keinen einheitlichen Grenzen über die Bundesrepublik hinweg. Jede Stadt macht das ein bisschen anders, und da kommt es natürlich auch zu Fehlsteuerungen. Auch das Wohngeld zum Beispiel ist seit 2009 nicht wesentlich erhöht worden. Und wenn man sich vergegenwärtigt, seit 2009 haben wir eigentlich diese dynamische Entwicklung, da muss natürlich etwas getan werden. Und darüber hinaus, es geht jetzt einfach darum, dieser steigenden Nachfrage in den Metropolen auch ein steigendes Angebot gegenüber zu setzen. Da sind die Städte, die Metropolen gefordert, nach Lösungen zu suchen, beispielsweise mehr Bauflächen auszuweisen. Das ist ein zentrales Problem. Da muss man dann auch mit den angrenzenden Kommunen verhandeln, da muss man darüber nachdenken, wie man beispielsweise auch die Stadt verbreitert, wie man neue Stadtviertel erschließt und nicht nur auf der grünen Wiese ein paar Wohnungen hinsetzt. Sondern die müssen natürlich auch angebunden werden, da muss in Infrastruktur investiert werden, da muss Geld hinfließen. Und wir müssen natürlich auch darüber nachdenken, wie wir nachverdichten können. Wir haben in Deutschland so eine große Apathie gegen Wohnhochhäuser. Aber wenn man sich die Entwicklung anschaut und wenn wir auch unterstützen wollen, dass die Metropolen wachsen – das ist aus vielen Gründen ja wichtig, denn die Metropolen sind Innovationsstandorte, das Leben in der Stadt ist mit geringeren Treibhausgasemissionen verbunden, weil wir Wege sparen – und all das ist durchaus förderungswürdig. Da müssen wir schauen, wie wir mehr Wohnraum schaffen in der Stadt. Das geht über Nachverdichtung, das geht über Wohnhochhäuser, das geht über neue Stadtviertel, da muss sicherlich mehr investiert und mehr getan werden.

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