DIE WELT: Herr Professor Hüther, niemand in Europa will so wenige Kinder wie die Deutschen. Wie besorgt ist die Wirtschaft über diesen Befund?

Michael Hüther: Die Erkenntnis, daß das Kinderkriegen kaum mehr im Mittelpunkt der Gesellschaft steht, ist überaus besorgniserregend. Selbst bei einer für einen Unternehmer typischen ordnungspolitischen Haltung, die nicht auf staatliche Intervention setzt, kommt man zu dem Schluß, daß wir diese Entwicklung nicht weiter hinnehmen können. Denn eine Gesellschaft, in der sich der Kinderwunsch kaum noch von den realen Geburtenzahlen unterscheidet, bietet künftigen Generationen keine Chancengerechtigkeit mehr.

WELT: Umfragen zufolge verbinden Erwachsene mit eigenen Kindern keine Verbesserung der Lebensqualität mehr. Ist die Gesellschaft inzwischen erkaltet?

Hüther: Wir haben es meiner Ansicht nach mit einer Entwöhnung zu tun: Wenn Kinder nicht mehr zum Lebensalltag gehören, dann verliert eine Gesellschaft das Bewußtsein dafür, daß Kinder für ein erfülltes Leben unerläßlich sein könnten. Wir haben es hierbei mit einem langfristigen Prozeß zu tun, der bereits anderthalb Jahrhunderte andauert. Früher waren Kinder überlebensnotwendig. Mit der Schaffung von staatlichen Systemen zur Absicherung großer Risiken wurden dann sukzessive die Familienzuständigkeiten ersetzt. Es ist also durchaus legitim, zu hinterfragen, ob man diese Entwicklung nicht ein Stück weit korrigieren kann.

WELT: Fällt Ihnen eine konkrete Maßnahme ein?

Hüther: Mein Institut schlägt schon lange vor, eine Kinderrente einzuführen. Danach würde die Rente künftig auf Basis der Beitragszahlung und der Erziehungsleistung bemessen. Nach unserer Überzeugung könnte dies dazu beitragen, daß das Kinderkriegen wieder mehr zur Selbstverständlichkeit wird.

WELT: Die Gesellschaft schrumpft bereits, die Wirtschaft- aber klagt schon heute über Fachkräftemangel. Eine Krise scheint daher unabwendbar...

Hüther: Keine Frage, der Handlungsbedarf ist groß – wir sollten deshalb rasch an ein paar. Stellschrauben drehen. Dazu gehört etwa die Verlängerung der Lebensarbeitszeit durch eine frühere Einschulung sowie eine Verkürzung der Schul- und Ausbildungszeiten. Außerdem müssen wir uns noch mehr dafür einsetzen, daß Frauen in die Erwerbstätigkeit eingebunden werden können.

WELT: Was würden Sie einem Unternehmer entgegnen, der die Auffassung vertritt, einzig der Staat sei für die Schaffung von Kindergärten zuständig?

Hüther: Ich sage ihm, daß seine Haltung kurzsichtig, unverantwortlich und problematisch ist. Denn der Schrumpfungsprozeß der Bevölkerung wird nicht von allein aufhören und die Geburtenquote nicht von allein steigen.

WELT: Müssen die Unternehmen generell familienfreundlicher werden?

Hüther: Es ist in jüngster Vergangenheit bereits viel getan worden. Und es gibt auch zahlreiche Unternehmen, die schon heute familienfreundlich sind. Trotzdem, meine ich, muß durch die deutschen Unternehmen noch einmal ein Ruck gehen.

WELT: Sind eigentlich Kinder, die in klassischen Familien aufwachsen, die besseren Arbeitnehmer?

Hüther: Man merkt oftmals schon, wer familiär verankert ist und wer nicht. Die Einbindung in eine familiäre Struktur relativiert in der Regel im positiven Sinne individuelle Interessen. In einem Arbeitsumfeld kann sich dies sehr positiv auswirken.

WELT: Woher rührt eigentlich das plötzliche Interesse der Wirtschaft an den Familien?

Hüther: Wir haben erst seit kurzer Zeit Forschungsergebnisse vorliegen, die eindeutig belegen, daß "bildungsarme" Kinder häufig in schwierigen familiären Verhältnissen aufwachsen. Daraus können wir nun ersehen, welche große Bedeutung das Elternhaus für eine Bildungsbiographie hat und wie problematisch es ist, daß unser gegenwärtiges Bildungssystem nur in Ansätzen in der Lage ist, Chancengleichheit herzustellen.

WELT: Trauen Sie dem Staat zu, familiäre Defizite auszugleichen?

Hüther: Mit dem Ausbau der Kindertagesstätten und der Ganztagsschulen kann es gelingen, Kinder aus ihren bildungsfernen familiären Hintergründen herauszureißen. Das klingt brutal, der Staat hat aber in Wirklichkeit keine andere Wahl.

WELT: Die Eltern vieler bildungsschwacher Schüler sind Ausländer, die am gesellschaftlichen Leben häufig gar nicht teilnehmen, die deutsche Sprache nicht sprechen und daher kaum in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. Haben wir es mit einer bereits verlorenen Generation zu tun?

Hüther: Mir gehen in der Tat die Ideen aus, wie man an diese Generation noch herankommen soll. Die Versäumnisse der. Vergangenheit sind im Hinblick auf die Integration dieser Menschen überaus groß. Wahrscheinlich wird die Gesellschaft nicht umhinkommen, dieses Problem einfach auszusitzen, außer man hat den Mut, bei Leistungsempfängern Integration nachzufordern.