DHZ: Herr Plünnecke, nach der jüngsten OECD-Studie verzeichnet Deutschland einen Mangel an Akademikern. Brauchen wir überhaupt so viele Akademiker?

Plünnecke: Sagen wir so: Wir beobachten am Arbeitsmarkt, dass Akademiker durchschnittlich höhere Einkommen erzielen und eine geringere Arbeitslosenquote aufweisen. Zusammen ergibt sich daraus eine attraktive Bildungsrendite. In den vergangenen Jahren ist sie sogar noch leicht gestiegen. Wir schließen daraus, dass am Arbeitsmarkt eine zunehmende Nachfrage nach Akademikern existiert.

DHZ: Spiegeln dies auch die tatsächlichen Zahlen wider?

Plünnecke: Auf jeden Fall. Der Arbeitsmarkt hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten einer steigenden Zahl von Hochschulabsolventen Arbeitsplätze geboten. Dies wird auch in nächster Zukunft so bleiben. In unserer aktuellen Umfrage zu Ausbildung und Beschäftigung signalisieren uns die Unternehmen einen weiter steigenden Bedarf für 2006 und 2007.

DHZ: Die OECD behauptet, Deutschland liegt bei der Akademisierung in der Schlussgruppe der OECD. Sind solche Vergleiche seriös?

Plünnecke: Die OECD überzeichnet hier die Lage: Zum einen ist das durchschnittliche Niveau der Hochschulausbildung in Deutschland höher als im OECD-Durchschnitt, zum anderen hat Deutschland einen Vorsprung bei den Hochqualifizierten im beruflichen Bereich etwa bei Meistern und Technikern. Und drittens wird in Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern außerhalb der Hochschulen im Rahmen der dualen Berufsausbildung hochwertig qualifiziert. Manche Bereiche der dualen Berufsausbildung für Abiturienten weisen dabei durchaus ein Niveau auf, das mit Bachelor-Studiengängen in einigen anderen OECD-Ländern mithalten kann.

DHZ: Das duale System hat also nicht ausgedient?

Plünnecke: Das duale System hat ganz sicher nicht ausgedient. Die Fachkraft bleibt weiterhin wichtig – gerade bei der Umsetzung von Innovationen im betrieblichen Umfeld. Auch die aktuell von uns befragten Unternehmen sehen hier keinen Gegensatz. Ihrer Ansicht nach ergänzen sich beide Ausbildungswege. Zunehmend wichtiger wird allerdings die Durchlässigkeit und die Verzahnung mit dem Hochschulbereich. Duale Studiengänge und Zusatzqualifikationen sind moderne Bausteine, um die Höherqualifizierung im beruflichen Bildungsbereich weiter zu stärken.

DHZ: Kann Deutschland künftig seinen Bedarf an akademischen und nicht akademischen Fachkräften decken?

Plünnecke: Der demographische Wandel stellt eine große Herausforderung für die Wirtschafts- und Bildungspolitik dar. Wir müssen alle Bildungspotenziale nutzen,, um in Zukunft genügend Fachkräfte zu haben. Die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher ist dabei ein großes Problem. Die duale Ausbildung gleicht hier heute schon vieles aus. Sie ist aber überfordert, die gesamte Bildungsarmut zu beheben. Die entscheidenden Reformen müssen daher in den Schulen stattfinden.

DHZ: Investieren wir in Deutschland zu wenig in Bildung?

Plünnecke: Einfach mehr Geld ins bestehende Bildungssystem zu investieren, bringt wenig. Wichtig wäre es, die frühkindliche Förderung auszubauen, Kindergartengebühren abzuschaffen, Kindergärtnerinnen höher zu qualifizieren. Daneben sollten verbindliche Ganztagsschulen eingeführt und die individuelle Förderung an Schulen sollte gestärkt werden. Damit müsste Bildungsarmut erst gar nicht entstehen und spätere hohe Kosten für Berufsvorbereitung und andere Nachqualifizierungen könnten vermieden werden.