DIE WELT: Die Politik hat den Investivlohn entdeckt. Was halten Sie davon?

Michael Hüther: Wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einem Unternehmen freiwillig darauf verständigen, kann das eine gute Sache sein. Eine Politikstrategie sollte das aber nicht werden. Das würde bedeuten, dass die Politik die Arbeitnehmer auffordert, Kapitalanteile an dem Unternehmen zu erwerben, bei dem sie beschäftigt sind. Damit machen diese aber ihr Erwerbseinkommen und ihr Kapitaleinkommen vom gleichen Risiko abhängig. Das halte ich für falsch.

WELT: Sie stimmen also IG-Metall-Chef Jürgen Peters zu? Der hat auch davor gewarnt, dass Mitarbeiter mit der Kapital- oder einer Gewinnbeteiligung ein doppeltes Risiko eingehen.

Hüther: Ich stimme ihm hier zu. Jeder Anlageberater bei einer Bank sagt Ihnen, sie sollen nicht ihr ganzes Vermögen auf eine Aktie setzen, sondern das Risiko streuen. Noch einmal: Im einzelnen Unternehmen können etwa Belegschaftsaktien sinnvoll sein. Aber ich warne davor, das zur allgemeinen Strategie zu erklären. Bis jetzt versteht auch jeder Politiker unter Investivlohn etwas anderes.

WELT: Mal angenommen, Investivlohn heißt Kapitalbeteiligung an einem Unternehmen: Ist das eine Möglichkeit, Leistungsanreize für Mitarbeiter zu setzen?

Hüther: Man kann damit das Interesse der Mitarbeiter am eigenen Unternehmen stärken. Aber einem Arbeitgeber müsste es lieber sein, solche Leistungsanreize enger mit dem wirtschaftlichen Ergebnis des Unternehmens zu verbinden. Leistungsorientierte Gehaltsbestandteile sollten sich deshalb am Jahresergebnis eines Unternehmens orientieren. Eine erfolgsabhängige Bezahlung ist auch flexibler als irgendwelche Kapitalanteile.

WELT: Bundeskanzlerin Angela Merkel argumentiert, das Kapitalvermögen wachse stärker als die Arbeitseinkommen. Ist das eine Begründung für den Investivlohn?

Hüther: Das ist eine gute Begründung, um sich ganz generell am Kapitalmarkt zu engagieren. Aber jedem Arbeitnehmer steht es schon heute frei, Wertpapiere, Fondsanteile an der Börse zu kaufen, um Vermögenseinkünfte zu erzielen.

WELT: Man könnte die Kanzlerin so verstehen, als solle ein Teil des Lohns oder Gehalts am Kapitalmarkt investiert werden.

Hüther: Das wäre eine ziemlich weitgehende Bevormundung der Arbeitnehmer. Jeder sollte frei in der Entscheidung sein, was er mit seinem Geld macht.

WELT: Gibt es eine Möglichkeit, die Idee des Investivlohns mit Altersvorsorge zu verknüpfen – so wie es Sozialminister Müntefering vorschlägt?

Hüther: Diese Möglichkeit gibt es schon. Die alte Bundesregierung hat mit der Riester-Rente für die private Vorsorge und mit dem Rürup-Konzept für betriebliche Altersvorsorge gute finanzielle Anreize gesetzt, individuell vorzusorgen. Das funktioniert. Die steuerliche Förderung der Riester-Rente ist auch neutral: Sie können Ihr Geld in verschiedene Investments stecken – die allerdings einheitliche Bedingungen erfüllen müssen. Mit einem Investivlohn, der sich nur auf ein bestimmtes Investment bezieht, würde der Staat zu stark in die Risikostruktur der privaten Vermögensanlage eingreifen. Wenn die Bundesregierung will, dass die privaten Haushalte generell Vermögen aufbauen: Warum reduziert sie dann den Sparerfreibetrag?

WELT: Könnte man mit dem Investivlohn ein stärker betrieblich orientiertes Lohnsystem etablieren?

Hüther: Auch das ist keine neue Geschichte. Die Unternehmen versuchen schon, über erfolgsabhängige Komponenten die Mitarbeiter am laufenden Unternehmenserfolg zu beteiligen. Dafür braucht man keinen gesetzlichen oder tarifvertraglichen Rahmen. Und bei der weiteren Differenzierung der Lohnfindung sind die Tarifpartner auch schon auf gutem Weg. Nehmen Sie den Abschluss der Metallbranche vom Frühjahr dieses Jahres. Da wurde vereinbart, dass die Einmalzahlung von 310 Euro in der Höhe betrieblich verhandelbar ist.

WELT: Warum hat die CDU überhaupt diese Investivlohn-Idee vorgelegt?

Hüther: Beide Volksparteien sind auf der Suche nach Instrumenten, mit denen sie soziale Gerechtigkeit signalisieren können. Beide haben das Gefühl, dass ihnen in der öffentlichen Wahrnehmung die Glaubwürdigkeit dafür abhanden gekommen ist. Da sucht man eben nach Themen, die vordergründig ihre Logik haben. Dasselbe haben wir bei der Debatte um die längere Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I gesehen. Das Ganze ist ein Wettlauf um den Rückgewinn von sozialpolitischem Image.

WELT: Warum kommt dieser Vorschlag dann alle Jahre wieder?

Hüther: Es gibt Evergreens, die Politiker alle fünf oder zehn Jahre wieder aus der Kiste holen. Der Investivlohn könnte der CDU in ihrer aktuellen Situation auch dabei helfen, den Graben zwischen den beiden Parteiflügeln zu überbrücken. Sowohl der Arbeitnehmer- als auch der Wirtschaftsflügel könnten dem zustimmen.